Whitewashing in Hollywood, ein ewiges Phänomen?

Aladdins Prinzessin Jasmin wird in der Neuverfilmung nicht von einer Araberin gespielt (Bild: Disney)

Immer wieder werden Hollywoodstudios wegen ihrer Casting-Entscheidungen kritisiert. Doch können die Kritiker “Whitewashing” wirklich verhindern? Schließlich ist das Phänomen nicht neu und es sieht nicht so aus, als sollte sich daran bald was ändern.

Hollywood tut es schon wieder. Nicht nur plündert Walt Disney Pictures mit der Realfilm-Neuauflage von “Aladdin” einmal mehr seinen Schatz aus Zeichentrick-Klassikern. Das Studio wird auch mindestens eine zentrale Rolle des von der orientalischen Märchensammlung “Tausendundeine Nacht” inspirierten Films nicht mit einer arabischen Schauspielerin besetzen. Kaum wurde die Nachricht publik, kam es zum üblichen Aufschrei. “Whitewashing”, ruft man wieder von allen Seiten. Disneys Casting-Entscheidung stehe einmal für die ethnische Ignoranz Hollywoods, lauten noch die gemäßigten Vorwürfe. Die richtig Empörten schwingen sogar wieder die Rassismus-Keule.

Whitewashing gestern, heute und morgen

Sollte das Whitewashing-Phänomen tatsächlich rassistisch motiviert sein, dann ist Rassismus in Hollywood so alt wie Hollywood selbst. Denn die Filmliste mit ‘weißgewaschenen’ Charakteren ist so lang wie aberwitzig. Man denke nur an den Leinwand-Chinesen in Gestalt eines Christopher Lee in der “Dr. Fu Manchu”-Reihe. Auch die Japaner dürften wenig begeistert gewesen sein über die Leinwand-Schmink-Japaner von Marlon Brando (“Das kleine Teehaus”) und Mickey Rooney (“Frühstück bei Tiffany”). Die unzähligen Othello-Adaptionen für Bühne, Kino und TV um den rasend eifersüchtigen ‘Moor von Venedig’ wollen wir hier gar nicht erst anführen. Die beiden seligen ‘Whitewasher” Laurence Olivier und Orson Welles grüßen aus ihren Gräbern.

In all den Jahren scheint Hollywood kein bisschen weiser geworden zu sein. Whitewashing findet nämlich nicht nur noch immer statt, sondern scheint sogar zugenommen zu haben. Die Empörungswellen der letzten Jahre werden nicht nur immer größer, weil sie sich im Internet-Zeitalter schneller, großflächiger und wirkungsvoller entfalten. Ihre Ausmaße müssen tatsächlich im Zusammenhang mit der Häufigkeit des Phänomens gesehen werden.

Dabei mutet es fast paradox an, dass Hollywood bei seiner Stoffauswahl zwar global denkt, um auch und vor allem auf dem immer mächtiger werdenden internationalen Markt zu punkten, von seiner Whitewashing-Strategie aber nicht ablässt. Die Studios drehen Filme zur ägyptischen Mythologie und besetzen ägyptische Charaktere mit weißen Darstellern (“Gods of Egypt”). Sie adaptieren Bibel-Passagen und in den Rollen eines Moses und eines Ramses finden sich Stars wie Christian Bale und Joel Edgerton (“Exodus: Götter und Könige”). Sie verfilmen populäre Mangas und engagieren für die zentrale japanische Figur jemanden wie Scarlett Johansson (“Ghost in the Shell”).

Finanzielles Kalkül

Klar dürfen sich Fans beliebter Vorlagen oder Angehörige der jeweiligen Ethnien angesichts dieser Ignoranz der Hollywood-Produzenten aufregen. Doch so berechtigt die Empörungen auch sind, gleichen sie doch dem sprichwörtlichen Kampf gegen die Windmühlen. Vor allem verfehlen diejenigen Kritiker den Kern des Problems, die Hollywood bei der Besetzungsstrategie eine politische Haltung vorwerfen. Doch Hollywood ist keine Plattform für sozialpolitische Äußerungen, Hollywood will auch nicht die Welt verändern, weder zum Positiven noch zum Negativen – nicht in erster Linie zumindest. Hollywood war und ist eine Wirtschaftsmacht, hier wurden und werden teure Träume fabriziert, die gewinnbringend verkauft werden müssen.

Die alten Ägypter (hier: “Gods of Egypt”) werden in Hollywood gerne weißgewaschen (Bild: Concorde)

Genau das aber ist das Problem und Whitewashing nicht selten dessen wenn auch fragwürdige Lösung. Hollywood machte sehr früh schon die wahrscheinlich wichtigste Erfindung seiner Geschichte. Es erfand den Star. Ein Film allein, so gut und spektakulär er auch umgesetzt wurde, so fesselnd, komisch oder romantisch auch seine Geschichte war, konnte nicht die Massen in die Kinos locken, die er brauchte, um seine zum Teil immensen Kosten wieder einzuspielen. Nötig waren Schauspielerinnen und Schauspieler, derentwegen die Zuschauer scharenweise in die Kinos strömten. Und so wurden Stars wie Charles Chaplin, Ingrid Bergman, Humphrey Bogart oder Cary Grant, und später Arnold Schwarzenegger, Julia Roberts, George Clooney und Scarlett Johansson zu den Säulen, auf denen das System Hollywood ruhte und noch immer ruht.

Natürlich greift das Starsystem auch dann, wenn es um die Besetzung nicht-weißer Charaktere geht. Hier kommt das Phänomen Whitewashing ins Spiel. Denn nur um der Authentizität willen oder aus Respekt gegenüber einer Ethnie auf einen zugkräftigen Star verzichten? Auf Fairness setzen und asiatische und orientalische Rollen mit asiatischen und orientalischen Darstellern besetzen, die allenfalls in ihrer jeweiligen Heimat einen Namen haben? Und dabei eventuell auf Millionen Dollar Einnahmen verzichten? Das war und ist mit Hollywood nicht zu machen.

Whitewashing – ein Phänomen bis in alle Ewigkeit?

In diesem Sinne mag Hollywood-Whitewashing zwar nicht wünschenswert sein, doch ist es ein Phänomen, das es schon immer gegeben hat und wahrscheinlich auch immer geben wird. Trotz aller Aufregung und Petitionen. Wenn finanzielles Kalkül und wirtschaftlicher Druck dessen Ursache ist, dann dürfte so bald kaum Änderung in Sicht sein. Schließlich werden Filme in Hollywood nicht kleiner und kostengünstiger, sondern im Gegenteil immer aufwändiger, bombastischer und damit teurer. Hinzu kommt, dass nicht nur die US-amerikanische Filmindustrie sich mehr denn je einer immer größer werdenden Konkurrenz erwehren muss in einer Welt, in der Filme schon lange nicht mehr nur im Kino geschaut werden.

Der “Ghost In The Shell” sollte laut Vorlage eine Japanerin sein (Bild: Paramount)

Was hat all das mit der Neuverfilmung von “Aladdin” zu tun? Nichts! Denn die derzeit für Aufsehen sorgende Casting-Entscheidung bei diesem Märchenfilm lässt sich nur bedingt mit dem Starsystem erklären. Zwar haben die Produzenten eine wichtige Rolle mit dem afroamerikanischen Schauspieler Will Smith besetzt, doch ist dies kein Zugeständnis an die “Whitewashing”-Kritik. Smith gehört zufällig zu den größten Stars in Hollywood. Warum aber die hellhäutige Britin Naomi Scott als Prinzessin Jasmin engagiert wurde und keine orientalische Darstellerin, das irritiert dann doch. Schließlich ist Scott, die immerhin indische Vorfahren hat, weder ein Star noch das sprichwörtliche Zugpferd einer Produktion. Zumindest noch nicht. Vielleicht ist das die Erklärung für ihre Besetzung: Baut man mit Scott hinter den Kulissen vielleicht bereits einen neuen Star auf?

Immerhin hat “Aladdin” einen Lichtblick, der die Whitewashing-Kritiker mit Disney versöhnlich stimmen könnte. Die Titelfigur wird mit dem ägyptisch-stämmigen Schauspieler Mena Massoud weder ‘weißgewaschen’, noch ist der Nachwuchsdarsteller das, was man Superstar nennen kann. Und: Tom Hardy, der für die Rolle des Bösewichts Jafar im Gespräch war, ist doch nicht engagiert worden. Stattdessen spielt den Schurken der tunesisch-niederländische Schauspieler Marwan Kenzari.