Die heimlichen Stars der Bundesliga

Stefan Moser

Paris St. Germain und Manchester City sind nur die Extremfälle. Acht Spieler haben die beiden Klubs in diesem Sommer gekauft und dafür knapp eine halbe Milliarde Euro bezahlt.

Das entspricht ziemlich genau der Summe, die die komplette Bundesliga in der aktuellen Transferperiode ausgegeben hat. Die 18 Vereine holten dafür allerdings 200 neue Profis.

Die Rechnung ist einfach: Deutschland kann auf dem Transfermarkt nicht mit Ligen konkurrieren, die von immensen Fernsehgeldern und privaten Investoren de facto unbegrenzt gefüttert werden.

Die Bundesligisten müssen tatsächlich wirtschaften - und brauchen deshalb eine andere Strategie: Sie müssen gute Spieler verpflichten, noch bevor sie 50 Millionen oder mehr kosten. Bevorzugt also junge Spieler, die ihren ersten oder zweiten Profivertrag unterschreiben.


Kaderplaner als neue Stars

Klubs wie Dortmund, Mönchengladbach, Köln oder Hoffenheim tun genau das seit einigen Jahren. Ein Trend, der auch den Stellenwert der Fachkräfte im Hintergrund erhöht. Sportdirektoren, Chefscouts und Kaderplaner rücken plötzlich in den Fokus – und werden sogar selbst auf dem Transfermarkt gehandelt. Einschlägige Schlagzeilen inklusive.

So wechselt Mastermind Michael Reschke vom FC Bayern zum VfB Stuttgart, die Münchener wiederum flirten mit Sven Mislintat, dem "Leiter Profifußball" von Borussia Dortmund.

Kein Wunder: Als Chefscout hat der 44-Jährige Spieler wie Robert Lewandowski, Shinji Kagawa und Pierre-Emerick Aubameyang "entdeckt". Der BVB holte die drei für knapp 18 Millionen Euro. Zum Vergleich: Für etwa die gleiche Summe kaufte sich Paris in diesem Sommer einen gewissen Yuri Berchiche, 27 Jahre, Linksverteidiger aus Spanien.

Und denkt man nur kurz über die Summen nach, die im Augenblick für Ousmane Dembele gehandelt werden, darf man wohl festhalten: Ein Mann wie Mislintat ist unbezahlbar. Ein Mann, der das sportliche - und mithin wirtschaftliche - Potential von Spielern wie Dembele, Christian Pulisic oder Alexander Isak schon erkennt, noch bevor Ölscheichs und Oligarchen darauf aufmerksam (gemacht) werden.


Rangnick als Vorreiter

Einer der vehementesten Vertreter dieser Strategie ist Ralf Rangnick. Zwar hatte der heutige Sportchef von RB Leipzig bei seinen letzten Stationen selbst reiche Förderer im Hintergrund, doch hat er beschlossen, deren Finanzkraft mit Verstand auf dem Transfermarkt einzusetzen.

Bei der TSG Hoffenheim durfte er das Geld von Dietmar Hopp ausgeben - und holte unter anderem Luiz Gustavo, Carlos Eduardo und Roberto Firminho in die badische Provinz. Einkaufspreis: 25 Millionen Euro für alle drei. Verkauft hat sie Hoffenheim für 78 Millionen. Rendite: 312 Prozent!

Auch in Leipzig bleibt Rangnick diesem Kurs treu, diesmal finanziert durch Red-Bull-Besitzer Dietrich Mateschitz. "Wir wollen weiterhin nur Spieler holen, die zwischen 17 und 23 Jahren sind", sagt der 59-Jährige.


Mit Timo Werner und Naby Keita landete er im letzten Jahr bereits zwei Volltreffer. In diesem Jahr holte er mit Jean-Kevin Augustin (PSG) und Bruma (Galatasaray) erneut zwei Hochbegabte nach Leipzig. Begleitet von viel Beifall und jeder Menge Medienrummel.

Das Scouting-Netzwerk in Gladbach

In anderen Klubs geht die Arbeit deutlich leiser vonstatten, erfolgreich gescoutet wird aber auch dort. Bei Borussia Mönchengladbach etwa verantwortet Sportchef Max Eberl die Transferpolitik. Auch er setzt auf junge, eher unbekannte Spieler.

Dabei vertraut er auf ein ganzes Netzwerk aus Experten, die im Hintergrund Spieler beobachten, beurteilen und Kontakte herstellen.

Die Gladbacher beschäftigen eigene Scouts für die Niederlande und Skandinavien; ein Koordinator Jugendscouting kümmert sich um Spieler im sogenannten "Grundlagenalter" zwischen acht und 13 Jahren. Auch für Jugendliche über 14 Jahren gibt es ein eigenes Team, das in ganz Deutschland nach Talenten Ausschau hält. Und schließlich berichten auch noch regionale Scouts von ihren Sichtungen.

Bei Ex-Profi Steffen Korell laufen schließlich alle Informationen zusammen. Der Chefscout steht im ständigen und engen Austausch mit Eberl, der letztlich die Entscheidungen trifft.

Bewährtes System in der Bundesliga

Ein System, das sich auch in anderen Bundesligaklubs bewährt hat. So ist Jonas Boldt in Leverkusen wesentlich mehr als nur die rechte Hand von Sportchef Rudi Völler. Bei Eintracht Frankfurt hält Ben Manga die Augen nach Profis offen - obwohl die Hessen mit Fredi Bobic auch einen Sportvorstand und einen Sportdirektor (Bruno Hübner) beschäftigen.

Und Sportvorstand Christian Heidel von Schalke waren die Dienste von Axel Schuster so wichtig, dass er ihn bei seinem Wechsel von Mainz nach Gelsenkirchen gleich mitnahm.

Schmadtkes Rechnung in Köln

Auch Kölns hoch angesehener Sportchef Jörg Schmadtke arbeitet ähnlich – und setzt dabei auf die Expertise von vertrauten Mitarbeitern. Seinen Chefscout Dr. Jörg Jakobs etwa kennt er schon seit seiner gemeinsamen Zeit bei Alemannia Aachen (2001 bis 2009).


Später baute er als Sportdirektor in Hannover zusammen mit ihm ein komplett neues Scouting-System auf. Seit 2012 ist Jakobs nun "Leiter Kaderplanung" in Köln. Und auch dort arbeitet er mit Schmadtke zusammen sehr erfolgreich, indem er junge Spieler günstig verpflichtet.

Die Sommertransfers Jannes Horn (Wolfsburg), Jorge Mere (Gijon), Joao Queiros (Braga) und Tim Handwerker (Leverkusen) sind alle 20 Jahre oder jünger und kosteten zusammen 17 Millionen Euro.

Dazu kommt noch der Königstransfer Jhon Cordoba aus Mainz. Mit 24 Jahren und 17 Millionen Euro Ablöse ist er die große Ausnahme.

Allerdings überweist TJ Quanjian in diesem Sommer ja noch die erste Rate für Anthony Modeste nach Köln. Sie beträgt genau 34 Millionen Euro – und Schmadtkes Rechnung geht auf.