Der Westen zieht nach 20 Jahren aus Afghanistan ab: Was ist vom Kampf gegen die Taliban geblieben?

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Afghanische Sicherheitskräfte, angegriffen von der Taliban. In vielen Teilen das Landes fliehen die Regierungstruppen vor den islamistischen Miliz.
Afghanische Sicherheitskräfte, angegriffen von der Taliban. In vielen Teilen das Landes fliehen die Regierungstruppen vor den islamistischen Miliz.

Sicherheitskräfte der afghanischen Regierung fliehen über die Grenze. Auch Bewohner der bis dahin von der Regierung verwalteten Gebiete begeben sich auf die Flucht. Sie wollen so schnell wie möglich weg vor den Kämpfern der Taliban, denn die Angst vor Gefangenschaft, Verstümmelung und Tod ist groß.

Grund für das Erstarken der islamistischen Miliz ist der Abzug der westlichen Soldaten. Gleichwohl nimmt der Vormarsch der Taliban schon seit Monaten an Fahrt auf. Die Hoffnung auf gewaltlose Verhandlungen mit der Taliban und demokratische Wahlen scheint in weite Ferne zu rücken.

Das weite Teile der afghanischen Sicherheitskräfte sogar kampflos Gebiete an die Taliban abgeben, überrascht Markus Kaim, Leiter Forschungsgruppe Sicherheitspolitik der Stiftung Wissenschaft und Politik nicht. "Bei der Ausbildung der Sicherheitskräfte ist die NATO davon ausgegangen, dass diese die afghanische Zentralregierung unterstützen und verteidigen würden. Dem ist aber nicht so, Loyalität ist nur begrenzt vorhanden", sagt der Afghanistan-Experte Business Insider.

Seit den 70er-Jahren befindet sich Afghanistan im Krieg

"Der Krieg tobt", sagte Verteidigungsminister Bismillah Mohammadi vor kurzem als Reaktion auf den Angriff der Taliban auf eine größere Stadt im Norden des Landes. Aber der Krieg tobt in Wahrheit schon seit Jahrzehnten. Schon während des Einmarsches der Sowjetunion im Jahr 1979. Die mischte sich damals ein, um sozialistische Bestrebungen aus den Städten Afghanistans an die Macht zu bringen. Als Reaktion unterstützten die USA die ländliche Bevölkerung. Aus diesen Kreisen gingen später die islamistischen Bewegungen hervor. Der Krieg tobte weiter während des Bürgerkriegs in den 90er-Jahren, als die Taliban am Ende die Macht übernahm.

Dann kam der Anschlag vom 11. September 2001. Die USA und die NATO erklärten dem islamistischen Terror den Krieg. Sie marschierten in Afghanistan und andere Länder ein. Mit der Schnelligkeit, mit der die Taliban aktuell die Regierungstruppen verjagt, taten das die Amerikaner mit der Taliban damals. Im Dezember desselben Jahres flüchtete die Taliban über die Grenze nach Pakistan. In den Petersberger Afghanistankonferenzen einigte man sich darauf, die Übergangsregierung zu schützen und demokratische Wahlen durchzuführen. Daraus wurde eine zwanzigjährige Militärintervention, an dessen Ende erneut Krieg und Chaos stehen.

Die zivilen Opferzahlen durch den Afghanistan-Konflikt sind auf afghanischer Seite nicht genau zu bestimmen. Die UN-Mission geht von 111.000 Toten seit 2009 aus, wovon die meisten durch islamistische Gruppen getötet wurden. Außerdem starben circa 3600 Soldaten der ausländischen Truppen, davon 59 Bundeswehrsoldaten.

"Der Kardinalfehler, der gemacht wurde, war das Ziel des Einsatzes zu ändern. Das eigentliche Ziel war die Terrorgruppen zu zerschlagen. Das ist ja in schnellster Zeit gelungen. Aber der Aufbau von staatlichen Formen hatte nichts mehr mit dem Militäreinsatz zu tun. Das konnte nicht funktionieren", sagt Kaim.

Westliche Errungenschaften könnten in vielen Gebieten zurückgebaut werden

All die westlichen Bestrebungen haben nichts gebracht. Mädchenschulen, Fortschritte im Gesundheitswesen, Wahlen sind in den Taliban-Gebieten in Gefahr. Derzeit sind mehr als die Hälfte der Distrikte in der Hand der Taliban oder umkämpft. Vor einem Jahr waren erheblich weniger Gebiete in Gewalt der Miliz. Auch größere Städte werden nach dem Abzug der Amerikaner angegriffen oder belagert. So soll die Bevölkerung demoralisiert werden und zum Überlaufen bewegt werden. Ob die Taliban letztendlich die Kontrolle über das gesamte Land gewinnen wird, ist Spekulation, aber nicht auszuschließen.

Ist der Abzug der Bundeswehrsoldaten oder der US-amerikanischen Soldaten also falsch? Laut Kaim ist das zu einfach gedacht: "im Endeffekt ist es egal, ob die NATO vor fünf Jahren abgezogen wäre oder in fünf Jahren. Es gab keinen richtigen Zeitpunkt, denn mit militärischen Mitteln allein lassen sich keine demokratischen Staatsverhältnisse und stabile Gesellschaften aufbauen." Außerdem müsse man sehen, dass die USA sich noch komplett aus der Region zurückziehen werden. In anderen Ländern des Nahen Ostens und Zentralasien werden sie weiter stationiert bleiben, um die Lage in der Region zu stabilisieren.

Afghanistan steht erneut vor dem Abgrund, vor weiterem Krieg, der jetzt noch stärker werden dürfte. Die von US-Präsidenten totgesagte Al-Qaida ist keineswegs verschwunden und könnte durch den Aufstieg der Taliban erneut an Macht gewinnen. Auch der Islamische Staat (IS) könnte Nutznießer der chaotischen Verhältnisse werden. In Afghanistan ist die Terrororganisation längst angekommen. Anschläge, die in Afghanistan verübt worden sind, wurden der Taliban zugeschrieben, wurden aber aller Wahrscheinlichkeit nach vom IS verübt. Krieg und instabile Machtverhältnisse treiben die Menschen erfahrungsgemäß in die Arme von immer radikaleren Gruppen. Der Einfluss des IS in Afghanistan dürfte also weiter steigen.

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