Wer Mertesacker kritisiert, hat nichts verstanden

Tommy Gaber
Editor Yahoo Sports

Per Mertesacker hat mit seiner Offenheit über die Missstände im Profifußball für Aufsehen gesorgt. So bemerkenswert und wichtig seine Aussagen sind, so deplatziert ist die Kritik einiger Experten darauf. Ein Kommentar von Yahoo Sport-Redakteur Tommy Gaber. 

Per Mertesacker gab dem SPIEGEL ein bemerkenswertes Interview

Die Arsenal-Fans tauften ihn “the big fucking German”. Ein Mann wie ein Baum, unerschrocken im Zweikampf, eloquent – der perfekte Leader. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

Per Mertesacker hat Zeit seiner Karriere den Spaß am Fußball vermisst und den Erwartungsdruck als unerträglich empfunden. Brechreiz unmittelbar vor den Spielen und Gefühle von “totaler Erschöpfung” waren an der Tagesordnung. Er wolle damit “nachfolgende Generationen auch auf die Schattenseiten des Profifußballs vorbereiten”, erläuterte Mertesacker im SPIEGEL.

Schwächlinge haben keinen Platz im Profifußball

Es sind bemerkenswert ehrliche Aussagen über ein großes Tabuthema im Fußball: die mentale  Überforderung. Schlaffis haben in diesem Geschäft nichts zu suchen, ist bedauernswerter Weise immer noch der bestimmende Tenor. Lothar Matthäus warf Mertesacker bei Sky im Rahmen der Bundesligaberichterstattung dessen Offenheit um die Ohren.

“Im eigenen Land eine Weltmeisterschaft zu spielen, bei der du von so einer Euphorie getragen wirst, dass darf ja gar keine Belastung sein”, sagte Matthäus. Ein Satz geprägt von bemerkenswert stumpfem Populismus. Wie kann Mertesacker es nur wagen, das Heiligtum von Millionen Deutschen, das Sommermärchen 2006, auf diese Art zu beschmutzen?

Mertesacker-Beichte entfacht Experten-Streit

Matthäus wäre früher selbst “fast erstickt”

Matthäus’ kurzsichtige Aussage zeigt das Dilemma, in dem der Profifußball nach wie vor steckt. Der Mensch zählt nichts, sondern nur die Ergebnisse. Man muss abliefern, man hat zu funktionieren und gefälligst den Mund zu halten, allen Widrigkeiten zum Trotz. Wer aber den Mut hat, das System anzuprangern und den Kopf aus dem jämmerlichen Phrasentümpel herauszustrecken, auf den wird eingedroschen.

Auch Matthäus’ Expertenkollege Christoph Metzelder reagierte zumindest in Teilen mit Unverständnis auf Mertesackers Aussagen.

Dabei hatten beide als Aktive ebenfalls mental mit Drucksituationen zu kämpfen. Matthäus offenbarte in einem Interview mit dem Magazin 11 Freunde im Jahr 2013: “Es gab Momente in meiner Karriere, da bin ich an diesem Erwartungsdruck fast erstickt.”

Mertesacker bringt die notwendige Empathie mit

Bei Sky stellte er jetzt Mertesackers Vorhaben, nach dem Ende seiner Karriere in der nächsten Saison in die Nachwuchsabteilung des FC Arsenal einzusteigen, infrage. “Wie will er nach diesen Aussagen weiter im Profifußball tätig sein? Wie will er einem jungen Spieler diese Professionalität vermitteln, wenn er sagt, dass da zu viel Druck ist. Das geht nicht.”

Doch genau diese Empathie ist unabdingbar, um erfolgreich sein zu können im Profigeschäft. Nur wer reflektieren kann und auf etwaige unangenehme Dinge vorbereitet ist, wird in der Lage sein, Karriere zu machen. Es kommt schon lange nicht mehr nur darauf an, ob einer kicken kann oder nicht. Sondern viel mehr auf die Fähigkeit, dem Ganzen mental gewachsen zu sein.

Der Profifußball macht in dieser Richtung mittlerweile viele Dinge richtig. Sportpsychologen haben einen festen Platz im Klubumfeld, Rassismus und jegliche andere Form von Diskrimierung wird durch öffentlichkeitsstarke Kampagnen von Spielern, Vereinen und Verbänden bekämpft.

Mit Per Mertesacker hat jetzt zusätzlich ein erfolgreicher Fußballer, der Mann ist immerhin Weltmeister, den Finger in die Wunde gelegt. Das kann dem Profisport im Allgemeinen langfristig nur gut tun. Daran ändern auch dumpfe, denkfaule Reaktionen einiger Experten nichts. Die haben nämlich nichts verstanden.