"Wenn es stürmt, fallen Organe von den Bäumen"

Afghanistan: Ein Land, in dem niemand vor Selbstmordanschlägen sicher ist, nicht einmal in den Schulen. 60 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten und fast vier Millionen afghanische Kinder haben keinen Zugang zu Bildung.

Ich bin Masoud Imani Kalesar - Journalist bei Euronews - und habe den afghanischen Bildungsminister Mirwais Balkhi bei einem Schulbesuch in Kabul begleitet. Dabei fragte ich ihn, ob man den Terrorismus bezwingen kann, indem man den Analphabetismus ausrottet? Er sagte ja. Extremismus und Terrorismus könne man mit Bildung und Büchern bekämpfen.

Brutaler Anschlag neben Schule

Im Januar erlebte die afghanische Hauptstadt einen Selbstmordanschlag, der in seiner Brutalität kaum zu überbieten ist. Die Taliban füllten einen Krankenwagen mit Sprengstoff und ließen ihn in die Luft gehen. Die traurige Bilanz: 103 Tote und über 200 Verletzte.

Nur 10 Meter vom Unglücksort entfernt befindet sich die Mädchenschule Malala. Wir haben den Bildungsminister bei einem Schulbesuch begleitet. Die Schulleiterin überreichte dem Minister Fragmente des gesprengten Fahrzeugs.

Schulleiterin Shafigha Ahmadi Vardak: "Wir hatten gerade ein großes Stück vom gesprengten Krankenwagen eingesammelt, als ich eine abgeschnittene Hand bemerkte, die sich noch bewegte. Und selbst jetzt, wenn es stürmisch ist, fallen immer noch Hüte, Stiefel, und sogar Organe von den Bäumen."

Bildungsminister Mirwais Balkhi: "Und dennoch sind die Afghaner am nächsten Tag wieder arbeiten gegangen. Trotz der großen Angst."

Alphabetisierung gegen Terrorismus

- Aber was machen wir mit den Taliban? Schaffen wir Frieden oder bekämpfen wir Gewalt mit Gewalt?

Balkhi: "Viele staatliche Einrichtungen in unserer Region nutzen ungebildete Menschen einfach aus. Sie sind für den Mord und das Blutvergießen verantwortlich." - Könnte eine verstärkte Alphabetisierung des Landes, den Selbstmordanschlägen ein Ende setzen?

Balkhi: "100-prozentig, Ja!" Laut einem UNO-Bericht wurden allein im Jahr 2016 über 900 Kinder in Afghanistan getötet, und das auf ihrem Schulweg.

Glücklicherweise war die Malala-Schule während des Anschlags geschlossen. Hunderte von Schülern blieben deshalb verschont.

Balkhi: Kriegstreibende wollen mich beseitigen

Balkhi: "Im Vergleich mit Jungen ist die Ausbildung von Mädchen ein ernstes Problem. Mädchen wollen die Schule beenden und studieren gehen. Aber in allen Teilen des Landes fehlt es an Schulen."

- Wie können wir erwarten, dass die Schüler inmitten dieser Instabilität und Unsicherheit in Ruhe lernen?

Balkhi: "Ehrlich gesagt sind die Menschen in Afghanistan sehr mutig. Trotz der Bedrohungen, denen wir in diesem Land ausgesetzt sind, ist der Hunger nach Bildung sehr groß. "

- Warum werden Sie in einem Klassenzimmer von bewaffneten Leibwächtern begleitet? In anderen Ländern wäre das ein sehr ungewöhnlicher Anblick.

Balkhi: "Was ich tue unterscheidet sich nicht wirklich von der Arbeit eines Soldaten an der Front. Kriegstreibende suchen immer nach Möglichkeiten, um mich zu beseitigen, also habe ich keine andere Wahl, als mich mit Bodyguards zu umgeben. Wir müssen gegen die Ignoranz kämpfen."

Neun Journalisten getötet

Vier Tage nach meinem Besuch in der Schule gab es einen weiteren Selbstmordanschlag in der Hauptstadt. Dabei wurden neun Journalisten getötet, nachdem sie zum Tatort geeilt waren.

Ich verlasse Kabul mit einer grundlegenden Frage im Hinterkopf. Können Medien und Schulen Afghanistan in ein friedliches Land verwandeln?!