Zu wenig Frauen: Warum sich ein Job in der IT-Branche für sie lohnt – und wie der Schritt dorthin gelingt

Judith Schallenberg-Kappius
·Lesedauer: 10 Min.

Wie finden wir in den Job? Was beeinflusst uns, was begeistert? Manchmal sind es Zufälle, ganz oft gute Vorbilder – und Leute mit Mut, die Dinge anders gemacht haben. Manche treibt die Neugier in eine spannende berufliche Entwicklung. In der IT gilt das besonders. Obwohl spätestens seit der Krise viel mehr Menschen für ihren Job auch abseits ihrer Büros am Computer arbeiten, bleibt das Feld selbst vielen fremd. Viele Berufsfelder und Funktionen kennt jemand. Bei näherem Hinsehen halten sie Überraschungen bereit – und berufliche Chancen.

Das erlebte Mona Hillenbrand (39), Director Client Management beim IT-Dienstleister Unisys in Hattersheim, Hessen. Sie hat einen beruflichen Hintergrund in Wirtschaft und leitet bei Unisys, einem weltweit tätigen Unternehmen, die Kundenberatungs-Teams für Deutschland, Österreich und die Schweiz. „Die IT-Branche war nie auf meiner Agenda“, sagt Hillenbrand. „Ich dachte früher immer, dass sie für mich nicht in Frage käme.“

Nach ihrer Bankausbildung und einem Bachelorabschluss in Business Administration fand sie nur die immer gleichen Jobangebote aus Beratung, Controlling, Banking. Bis eine Personalberaterin sie ansprach und ihr eine Vertriebsstelle bei einem Telekommunikations-Unternehmen anbot. „Technik? Sales? ‘Auf keinen Fall!‘, war meine erste Reaktion“, sagt Hillenbrand. „Ich dachte an Staubsaugervertreter.“ Die Personalerin blieb hartnäckig. „Sie sagte: ‚Schauen Sie es sich wenigstens an.‘“

Hillenbrands Neugier siegte. „Ich hatte keine Ahnung von Technik und von dem, was das Unternehmen machte“, sagt sie. „Aber ich fand es spannend. Also sagte ich zu – und löcherte von Tag eins an jeden bei meinem neuen Arbeitgeber so lange mit Fragen, bis ich verstand, was sie tun.“ Ihre überwiegend männlichen Kollegen nahmen sie mit zum Kunden. Ihr Chef wurde zu ihrem Mentor und Förderer. Er übertrug ihr schließlich die Verantwortung für ein kleines, später für größere Kundenunternehmen.

Mona Hillenbrand, Unisys.
Mona Hillenbrand, Unisys.

18 Prozent Frauenanteil in der IT in Deutschland

2014 kam Hillenbrand zu Unisys. Hier leitet sie ein Team von acht Personen, die IT-Kundenunternehmen in ganz Europa verantworten und sie durch die Digitalisierung begleiten. „Unser Team ist international – wir sind aus Ungarn, Deutschland, England und arbeiten mit Kolleginnen und Kollegen aus aller Welt wie USA, Indien oder Lateinamerika zusammen.“

Keine Branche, kaum ein Lebensbereich kommt heute ohne das Verarbeiten, Übertragen und Speichern von Daten aus – gerade in der Pandemie hat sich die IT als systemrelevant erwiesen. Jobs bietet der Sektor genug, etwa in der Softwareentwicklung, in der IT-Sicherheit oder in der Kundenbetreuung von Unternehmen. „Vor allem in der Entwicklung und Wartung von IT-Systemen für alle Anwendungsbereiche besteht großer Bedarf“, sagt Gregor Engels, Professor für Informatik an der Universität Paderborn. Dieses Bedarf kennt keine Geschlechtergrenzen. Doch kaum irgendwo sind sie so ausgeprägt wie hier.

2021 lag der Frauenanteil in der IT-Branche in Deutschland bei 18 Prozent, 2 Prozent mehr als 2020. Ein Bild, das seit Jahren mager ist. In Informatik-Studiengängen liegt der Frauenanteil bei einem Viertel (knapp 25 Prozent). „Bei Informatik-Auszubildenden sind die Zahlen noch ernüchternder“, sagt Daniel Breitinger, Referent Bildungspolitik beim Digitalverband Bitkom. „Nur rund sieben Prozent der Auszubildenden im Bereich Informatik sind Frauen.“

Auf offene Positionen im Bereich Programmierung und IT bewerben sich je nach Position 10 bis 20 Prozent Frauen. Im Startup-Umfeld ist es kaum besser. An der Gründung mit vorwiegend digitalen Geschäftsmodellen sind 15,7 Prozent Frauen in Gründungsteams beteiligt, ermittelte der eco Verband für Internetwirtschaft. Zusammen mit dem Institut für Innovation und Technik Berlin untersuchte eco den Gender Gap in der Digitalwirtschaft im Rahmen einer Studie.

„In der männerdominierten IT-Welt wird der Ruf nach mehr Kolleginnen lauter“

Mona Hillenbrand hat den IT-Sektor schätzen gelernt. „Er begeistert mich – die Hands on-Mentalität, der hohe Lernfaktor, viel Abwechslung, spannende Menschen aus aller Welt, ein entspannter Umgang.“ Das Verhältnis Männer zu Frauen liege „bei vielen Teams und Projekten mittlerweile bei 60 zu 40".

Viele andere kommen nicht so weit. Zugleich gibt es zu wenig effektive Schritte, um Frauen für IT und Digitalwirtschaft zu gewinnen. „Frauen und Mädchen sind das größte Potenzial, das Deutschland bisher brach liegen lässt“, sagt Oliver J. Süme, eco-Vorstandsvorsitzender, zum Weltfrauentag am 8. März. „Kein Arbeitgeber kann es sich erlauben, auf weibliche Fach- und Führungskräfte zu verzichten“, ergänzt Lucia Falkenberg, Chief People Officer beim eco und beim Internet-Knoten-Betreiber DE-CIX. Und trotzdem stagnieren die Zahlen.

In vielen Unternehmen der Branche reife die Erkenntnis, dass gemischte Teams die Innovationskraft fördern, Qualität und Leistung steigern und einen monetären Mehrwert bringen, so Falkenberg. „In der männerdominierten IT-Welt wird der Ruf nach mehr Kolleginnen immer lauter“, stellt sie fest. Das unterstreichen Zahlen. Laut eco-Studie halten 87 Prozent der Männer Frauen für genauso geeignet für IT-Berufe.

Auf dem IT-Arbeitsmarkt haben sie also nicht nur wegen des Fachkräftemangels gute Chancen. „Viele Unternehmen suchen speziell nach Frauen, denn Studien zeigen, dass divers zusammengesetzte Teams erfolgreicher sind“, sagt auch Bitkom-Präsident Achim Berg. Um die 86.000 IT-Jobs sind laut Bitkom wegen Fachkräftemangels in Deutschland unbesetzt.

"IT ist ideal für alle, die gern immer wieder Neues lernen“

Praktische Gründe kann der Frauenmangel kaum haben: Die Jobs sind weder langweilig noch gleichförmig. Im Gegenteil. „Die IT ist ideal für alle, die gern immer wieder Neues lernen“, sagt Christine Hensel, Director Solution Engineering beim Softwarespezialisten VMWare. Die Informatikerin gestaltet als Führungskraft den Aufbau und die Anwenderfreundlichkeit der IT-Infrastruktur in Kundenunternehmen mit, die ihr Team bei der Digitalisierung berät. „Ich habe meinen Platz in einem Software-Unternehmen gefunden, weil man hier live miterlebt, wie IT-Lösungen Unternehmen helfen, ihre Businessziele zu erreichen“, sagt sie.

Informatikerin Christine Hensel
Informatikerin Christine Hensel

Hensel hat gut 28 Jahre Berufserfahrung in IT-Engineering und Vertrieb, 20 Jahre davon im Management. Prägend fand sie die unterschiedlichen Menschen und die Arbeit im Team. „Im Bereich PreSales hatte ich zum Beispiel einige Jahre die Möglichkeit, viel zu reisen, unterschiedlichste Menschen, Kulturen und Unternehmen kennenzulernen und zu erfahren, was IT in der Businesswelt bewegen kann.“ Heute schätzt sie ihre Rolle beim Aufbau und der Pflege von Kundenbeziehungen.

Mitarbeiterentwicklung ist in ihrem Unternehmen zentral. Gerade baut Hensel eine Mentoringplattform mit auf. „Über die kann man dann bald über Landesgrenzen hinweg innerhalb von VMWare einen Mentoringpartner finden. „Die Karrierechancen in der Branche sind riesig“, sagt sie. „Mein Tipp: Auf keinen Fall abschrecken lassen! IT ist nicht gleich IT. Die Optionen sind immens vielfältig.“ Für jedes Level an Techniktiefe sei etwas dabei. In zahlreichen technischen Berufen gebe es Überschneidungen mit anderen Berufsfeldern. „Eine extrem spannende Entwicklung.“

Viel Tech-Skepsis in Deutschland

Das geläufige Bild vom blassen Nerd, der keine Sonne, kaum Menschen, dafür aber stundenlang nur Codes sieht, hält sich bis heute. „Informatik gilt als Maschinen-nah, sehr abgehoben und damit als etwas für Nerds“, sagt Informatiker Engels. „Programmieren, Hacken, Pizza und fettige Haare – es gibt viele Bilder zum Klischee. Die tatsächlichen Berufsbilder zur Informatik sind dagegen allgemein oft vollkommen unklar.“

Dazu kommt eine große Tech-Skepsis der Deutschen, belegt eine aktuelle Studie der WHU Otto Beisheim School of Management. Mögliche Gefahren neuer Technologien werden hier im Gegensatz zu asiatischen Ländern stärker wahrgenommen. Die Skepsis ist bei deutschen Frauen besonders ausgeprägt – während die Einstellung zur Technologie zum Beispiel in den untersuchten asiatischen Ländern zwischen Männern und Frauen annährend gleich ist.

Aspekte, die es der IT auch gesellschaftlich schwer machen. „Ich habe hervorragende Studentinnen und Doktorandinnen“, sagt Informatiker Engels. „Es gibt keinerlei Unterschied zu den Männern. Informatik ist eine vielfältige Wissenschaftsdisziplin – mal mit dem Fokus Mensch, mal mit Business- und Anwendungsfokus, mal mit Bezug zu Technik-zentrierte Themen. Nichts davon ist besonders für Frauen oder Männer geeignet.“ Engels engagiert sich für mehr Frauen in der IT, etwa im Vorstand von Informatics Europe, einem europäischen Netzwerk, das sich etwa für die Erhöhung der Gender-Gerechtigkeit in der Informatik stark macht.

„Wir brauchen eine Bewegung, keine Incentives“

Experten glauben, dass sich der Anteil der Frauen in der IT nur mit dem erhöhen lässt, was viele aus dem IT-Alltag kennen: wohlwollenden Männern und auch Frauen, denen Gleichberechtigung wichtig ist und die sich unterstützen. So, wie Gregor Engels oder Mona Hillenbrand es kennen. Der Regelfall ist es nicht – dafür gibt es noch zu viele alte Muster im System.

Etwa im Silicon Valley. US-Komikerin Sarah Cooper, die ein paar Jahre als UX-Designerin bei Google und Yahoo gearbeitet hat, schrieb über ihre Erfahrungen in der von Männern dominierten IT ein Buch mit Tipps für Frauen. „Wie du erfolgreich wirst, ohne die Gefühle von Männern zu verletzen“ zeigt mit viel Witz – und oft überzeichnet – gängige Verhaltensweisen gegenüber Frauen gegenüber, die auf Vorurteilen basieren.

Meme von Sarah Cooper.
Meme von Sarah Cooper.

Einer, der Female Empowerment auf Unternehmensseite vorangeht, ist Dirk Pothen, Geschäftsführer des Dortmunder IT-Dienstleisters adesso. Er hat 2019 die Initiative „She for IT“ mit ins Leben gerufen. „Wir wollen bei adesso bis Ende 2022 zusätzlich mindestens 40 Frauen für Führungspositionen gewinnen“, sagt er. „Es braucht eine Bewegung – Incentives oder Marketing-Versprechen bringen hier wenig.“

"Natürlich müssen die Männer mit an Bord geholt werden"

Den Frauenanteil zu erhöhen, geht für Pothen über zwei Wege: zum einen über männliche Führungskräfte, die über die Einstellung von Frauen entscheiden. „Natürlich müssen die Männer, die bei adesso immerhin 83 Prozent der kompletten Belegschaft und 94 Prozent der Führungskräfte ausmachen, mit an Bord geholt werden“, sagt Pothen. Der zweite Weg gehe über die weiblichen Führungskräfte, die die Diversität erhöhen und einen Multiplikator-Effekt hätten, so Pothen.

„Wir alle kennen die unbewussten Vorurteile, unconscious bias, und um diverser zu werden, müssen wir aktive Wege finden, sie abzubauen“, sagt Pothen. Frauen in der IT nach vorn zu bringen, brauche gesamtgesellschaftlich viele Jahre. „Aber den Prozess müssen wir jetzt anstoßen.“ Und zwar vom Bewerbungsprozess bis zur Karriereplanung, sagt Pothen. „Es geht über Arbeitsplatz- und Arbeitszeitmodelle, Teilzeit- und Auszeitoptionen und Equal Pay.“ Aspekte, die auch Berufseinsteiger oft fordern.

adesso hat derzeit rund 50 Prozent weibliche Führungskräfte in Support-Funktionen wie Personal, Finance oder Marketing. In operativen und damit IT-Funktionen sind es weniger als 10 Prozent und knapp 18 Prozent Frauen über alle Hierarchien hinweg. „Mit dieser Bewegung wollen wir einsteigen in den nötigen Prozess“, sagt Pothen, der auch Personalvorstand ist.

„She for IT“ will durch Trainings, Female Talent-Programme, Networking-Events, vor allem aber durch überzeugte Menschen zum Vorhaben beitragen, die Anzahl an Informatikerinnen, weiblichen Consultants, Führungskräften und Nachwuchs in der IT in den nächsten Jahren deutlich zu erhöhen.

Weniger Klischees, mehr Role Models – und mehr Trainings

Für die eigenen Vorstellungen und Wünsche eintreten, statt sich damit zurückzuhalten: Für Frauen in von Männern dominierten Branchen gehört das dazu. Tipps dazu erhalten die Frauen bei adesso von DFB-Fußballbundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg. Sie ist Botschafterin und Kooperationspartnerin des Programms.

Role Models wie Voss-Tecklenburg können das Denken in Stereotypen aufbrechen. IT-Unternehmen, die gezielt in Coachings und Trainings investieren, um Frauen zu stärken und die aus den eigenen Reihen in Führungspositionen zu bringen, sind ein weiterer effektiver Schritt.

So startet etwa das Weiterbildungsunternehmen AW Academy im Juni und Juli 2021 ein Leadership-Seminar zur Potenzialförderung von Frauen. „Female Leadership in Tech“ findet familienfreundlich in mehreren Modulen statt. Trainerin Christine Gajewski möchte Frauen, die eine Führungsrolle anstreben und Frauen, die bereits eine haben, gezielt sichtbarer machen. Etwa über Maßnahmen gegen unbewusste Vorurteile in männlichen Teams, aber auch neue Ansätze von Führung.

Trainerin Christine Gajewski.
Trainerin Christine Gajewski.

„Ziel ist es, die eigene Position zu reflektieren und weiterzukommen“, sagt Gajewski, die als Diplompsychologin seit Jahren Führungskräfte trainiert. „Woran will ich arbeiten? Wie kann ich mein Netzwerk strategisch nutzen und erweitern? Welche neuen Ansätze gibt es, zu führen? Wie kann ich Familie und Beruf miteinander vereinbaren? Mit vielen Impulsen und Praxiselementen wollen wir Potenzialträgerinnen in IT-Unternehmen unterstützen.“ Das trage zur Reflexion eigener Glaubenssätze bei, aber auch zu einem starken Netzwerk. „Nur das hilft, gegen traditionelle Strukturen anzukommen“, sagt Gajewski.

Dafür engagieren sich auch Verbände. Der Bitkom stützt die Initiative #SheTransformsIT. „An der Digitalisierung müssen alle gleichberechtigt teilhaben können – und wollen“, sagt Bildungsreferent Breitinger. An der Initiative beteiligen sich gut 50 führende Vertreterinnen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft und Zivilgesellschaft – von Aktivistin Anke Domscheit-Berg bis zur Programmiererin Aya Jaff.