Weltmeister im Wegsehen

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Weltmeister im Wegsehen

Wie viel Schuld haben die Aufsichtsräte an Krisen und Verfehlungen bei VW, Stada, Air Berlin und der Deutsche Börse?


Jetzt geht es um die Reste. Zehn Tage nach der Insolvenz ist unklar, was von Air Berlin übrig bleibt. Was der große Rivale Lufthansa übernehmen darf, will, soll. Welche Konkurrenten sonst noch zum Zug kommen. Wie viele Arbeitsplätze erhalten bleiben. Den Betrieb hält während der Verhandlungen nur noch der Steuerzahler aufrecht. Nur ein Bundeskredit über 150 Millionen Euro sorgt dafür, dass Urlauber einigermaßen planmäßig an ihr Ziel und wieder nach Hause kommen.    

Es ist ein Absturz mit Ansage. Seit Jahren schon flog Deutschlands zweitgrößte Fluglinie zunehmend verzweifelt gegen die Pleite an, zuletzt hielten sie nur noch die Finanzspritzen des Großaktionärs Etihad am Leben. Als sich die Lage immer weiter verschlechterte, zog der den Stecker und verweigerte eine eigentlich zugesagte Zahlung von 50 Millionen Euro.

Das war die unmittelbare Ursache für das Aus. Doch gleichzeitig geht es um die Frage nach dem Warum des Niedergangs. Während im Umfeld des Unternehmens auch externe Umstände wie die verzögerte Fertigstellung des Berliner Flughafens BER als Erklärung herhalten müssen, hält ein langjähriger, hochrangiger Kenner der Branche das Scheitern der Linie mit den Schokoherzen für fast ausschließlich selbst verschuldet. „Die Pleite wäre vermeidbar gewesen, Air Berlin wird einmal als Musterbeispiel eines selbst verursachten Scheiterns in die Managementlehrbücher Eingang finden“, sagt er.


Angetrieben vom bis zur Hybris ehrgeizigen Gründerchef Joachim Hunold expandierte die Linie nach einem erfolgreichen Start als Ferienflieger wild drauf los. Dabei wurde zunehmend unklar, ob Air Berlin nun billig, Business oder alles auf einmal sein sollte. Dass Hunold 2011 den Chefposten räumte, half nur wenig.

Aufsichtsräte unter Kumpanei- und Kasperleverdacht

Zumal er umgehend ins Kontrollgremium der als britischer PLC firmierenden Linie wechselte und von da aus seinen Einfluss weiter geltend zu machen suchte. Das Gremium, an dessen Spitze viele Jahre der frühere Metro-Chef Hans-Joachim Körber stand, wirkte laut Insidern zunehmend gelähmt und ließ es zu, dass sich Air Berlin immer weiter ins Abseits manövrierte und dabei einen Chef nach dem anderen verbrauchte. Kontrolle im eigentlichen Sinne fand kaum statt. Stattdessen spricht einer der zahlreichen Ex-Vorstandschefs von einer „Kasperleveranstaltung.“ 

Air Berlin ist nicht das einzige Unternehmen, bei dem sich derzeit die Frage nach der Verantwortung der Aufseher stellt. Bei der Deutschen Börse steht Vorstandschef Carsten Kengeter unter immensem Druck, seit Staatsanwälte wegen möglicher Insidergeschäfte gegen ihn ermitteln. Auslöser war ein von Aufsichtsratschef Joachim Faber mit Hilfe externer Berater entwickeltes Vergütungsprogramm. Nun stehen beide Manager unter verschärftem Kumpaneiverdacht, den Fabers Festhalten am umstrittenen Chef nicht eben entkräftet.




Beim Arzneihersteller Stada sah der Aufsichtsrat über Jahre zu, wie Vorstandschef Hartmut Retzlaff Pensionsansprüche on hoher zweistelliger Millionenhöhe anhäufte. Und beim vom Abgasskandal erschütterten VW-Konzern scheint es so, als würde das von Vertretern der Eigentümerfamilien und dem Land Niedersachsen dominierte Gremium trotz aller Erschütterungen vor allem nach Kontinuität streben, statt Aufklärung und damit einen echten Neuanfang  zu betreiben.

Kultur des Wegschauens statt Kontrolle

All diese Beispiele lassen das Wirken deutscher Unternehmenskontrolleure in einem alles andere als günstigen Licht erscheinen. Herrscht in den Aufsichtsräten auch nach 20 Jahren Diskussion um gute Unternehmensführung („Corporate Governance“) eine Kultur des Wegschauens und Abnickens? Mancher Experte klingt fast resigniert. „Effektive Kontrolle ist weiterhin kaum erwünscht“, sagt etwa der Münchner Wirtschaftsprofessor Manuel Theisen. Die meisten Bemühungen, das Verhältnis etwa mit Vorgaben zur Zusammensetzung und Qualifikation des Gremiums zu professionalisieren, seien wirkungslos geblieben. Allenfalls die Angst vor der eigenen Haftung beschäftige die Aufsichtsräte ernsthaft. 

Das aber ist zu wenig, um Angestellte und Aktionäre vor den bitteren Folgen des Kontrollverlusts zu bewahren.