Als Sammer heulend seinen 1. Meistertitel verpasste

Udo Muras
·Lesedauer: 5 Min.

So ein Finale kann man sich kaum ausdenken – selbst in der guten alten Zeit, als die Meisterschaft noch spannend war, nicht. Im Dreikampf um den Titel setzte sich 1992 der VfB Stuttgart, der damals wie heute in Leverkusen antrat, durch. Das Tor des Tages erzielte ein Weltmeister, der sich für SPORT1 noch mal an diesen Tag erinnert. (Bundesliga: Bayer Leverkusen - VfB Stuttgart, 15.30 Uhr im LIVETICKER)

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Guido Buchwald, der gerade frische 60 Jahre geworden ist, denkt noch immer gern an den 16. Mai 1992 zurück. Der Samstag, an dem er zum zweiten Mal Deutscher Meister war, markiert den Höhepunkt seiner Bundesligakarriere und rüttelt sogar an der Ausnahmestellung des großen Abends von Rom, als er mit Deutschland Weltmeister wurde. (Service: Tabelle der Bundesliga)

Buchwald stellt Meistertitel mit WM-Titel gleich

Buchwald: "Damals habe ich gesagt, er sei mit dem WM-Titel von 1990 fast gleichzusetzen und dazu stehe ich auch. Ich stelle den Erfolg auf alle Fälle über den von 1984, als ich als junger Spieler noch nicht so den Stellenwert hatte wie 1992. Jetzt war ich ein Führungsspieler und konnte ganz anders Einfluss nehmen." (Service: Ergebnisse und Spielplan)

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Und wie er das tat. Aber der Reihe nach.

Am letzten Spieltag der Mammutsaison 1991/92, die wegen der Aufnahme der ehemaligen DDR-Klubs 20 Klubs und 38 Spieltage hat, steht ein punktgleiches Trio an der Spitze. Eintracht Frankfurt (in Rostock), der VfB (in Leverkusen) und Borussia Dortmund (in Duisburg) spielen alle bei Klubs, für die es noch um etwas geht.

Frankfurts Tordifferenz ist so gut, dass ein Sieg bei Hansa, das wie der MSV noch um den Klassenerhalt kämpft, reichen wird. Der VfB muss auf einen Ausrutscher der Hessen hoffen, hat in Leverkusen, das in den UEFA-Cup will, den schwersten Gegner. Dafür hat er den lautesten Trainer. Christoph Daum brennt vor Zuversicht und erzählt dem Vorstand am Tag vor dem Spiel: "Wir gewinnen in Leverkusen, Frankfurt verliert in Rostock 2:1." Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder: "Am Ende haben wir es alle geglaubt."

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Christoph Daum mit martialischem Plakat

Im Stadion lässt Motivator Daum sogar ein Plakat aufhängen, das heutzutage nicht lange gehangen hätte: "15.30 Uhr – Krieg in Leverkusen!" Manager Dieter Hoeneß verdoppelt noch schnell die Siegprämie, die, wie Buchwald beteuert, "es auch gegeben hätte, wenn wir nur Dritter geworden wären. Wir hatten ja eigentlich nichts zu verlieren und eine tolle Saison gespielt. Wir gingen mit der Einstellung ins Spiel, es zu gewinnen."

Dennoch fielen sie als erste zurück im packendsten Finale der Ligahistorie. Während der BVB in Führung ging, kassiert der VfB durch Andreas Thom das 0:1. Um 15.50 Uhr ist die Meisterschaft ganz weit weg und wenn Verteidiger Günther Schäfer nicht im größten Moment seiner Karriere artistisch das 0:2 verhindert hätte, hätte es wohl nie eine gegeben.

Aber als Fritz Walter kurz vor der Pause per Elfmeter ausgleicht, ist der VfB wieder im Geschäft. In Rostock fallen keine Tore, zur Pause ist Dortmund Meister. Als Hansa nach einer Stunde in Führung geht, wird es hektisch auf der VfB-Bank. Buchwald: "Als die Frankfurter plötzlich in Rückstand gerieten, rief die ganze Bank: 'Ihr müsst nur gewinnen, dann seid ihr Meister.' Dortmund hatte ja das schlechtere Torverhältnis."

Sammer fliegt vom Platz

Leichter gesagt als getan. Zumal Frankfurt schon drei Minuten später ausgleicht. Dann der nächste, eigentlich kaum zu parierende Rückschlag: Matthias Sammer beendet sein letztes VfB-Spiel vor dem Wechsel nach Mailand unfreiwillig früh. Weil er Schiedsrichter Dellwing höhnisch Beifall klatscht, für seine Verwarnung, sieht er in der 79. Minute Rot. Buchwald: "Wir haben uns bei jedem Einwurf und Eckball angefeuert. Wir wussten, dass wir jetzt für einen mitlaufen müssen, der nicht mehr dabei war. Der gute Zusammenhalt war unser Meister-Geheimnis, spielerisch waren andere besser."

Aber die anderen, sprich die Frankfurter, haben einen schlechten Tag und werden – wie von Daum prophezeit – in letzter Minute tatsächlich 2:1 verlieren. Nur der VfB kann Dortmunds Meisterschaft noch verhindern und sein Kapitän geht voran. Um 17.11 Uhr, Spielminute 86., flankt Ludwig Kögl nach auf den langen Guido und der köpft freistehend zum 2:1 ein. Nie wird er es vergessen: "Die Ecke war abgewehrt worden, Bayer orientierte sich wieder etwas nach vorne und da haben sie mich aus den Augen verloren."

Es ist das Tor seines Lebens, ohne es wäre er wohl kein Ehrenspielführer des Vereins. VfB-Arzt Thomas Fröhlich rennt in die Kabine zum deprimierten Sammer: "Komm raus, in zwei Minuten sind wir Meister!" Doch der sitzt im Duschraum und heult nach eigenen Worten "wie ein Kind, dem sie den Teddybären weggenommen haben". Er bleibt hocken und muss sich das VfB-Wunder - und seinen ersten gesamtdeutschen Meistertitel - erzählen lassen.

Zehn wackere Schwaben retten den Vorsprung über die Zeit, die der Schiedsrichter durch einen verfrühten Abpfiff wegen bereits eindringender Fans um knapp 50 Sekunden verkürzt. Der Rest ist Jubel – mit Hindernissen. Weil sie doch nicht wirklich dran geglaubt haben, muss Bayer-Manager Reiner Calmund mit dem Schampus für den neuen Meister aushelfen. Wann erleben wir so etwas mal wieder?