Weidmann: Corona-Welle könnte Konjunkturerholung bremsen

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FRANKFURT (dpa-AFX) - Die Welle von Corona-Infektionen könnte nach Einschätzung von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann die erst vor drei Wochen vorgelegten Konjunkturprognosen der EZB zur Makulatur machen. "Aufgrund der aktuell stark steigenden Infektionszahlen könnte es bis zur Lockerung der Schutzmaßnahmen länger dauern als in der März-Prognose angenommen. Entsprechend würde sich auch die Erholung der Wirtschaft verzögern", sagte Weidmann am Mittwochabend beim Internationalen Club Frankfurter Wirtschaftsjournalisten. "Womöglich wäre in diesem Fall die Prognose der BIP-Wachstumsrate für den Euroraum im Jahr 2021 nicht mehr zu halten."

Die Europäische Zentralbank (EZB) geht in ihrem jüngsten Basisszenario von einem Anstieg des Bruttoinlandsproduktes (BIP) im Euroraum von 4,0 Prozent im laufenden Jahr aus. 2020 war die Wirtschaftsleistung im gemeinsamen Währungsraum der 19 Staaten um 6,6 Prozent geschrumpft und damit so stark wie nie.

Auch wenn die Wirtschaft langsamer Fahrt aufnehmen sollte, könnte die Preisentwicklung stärker als erwartet ausfallen, führte Weidmann aus. Rohstoffpreise etwa hätten angezogen, was für "Aufwärtsrisiken für den Inflationsausblick" sorge. Seit Jahresbeginn sind die Ölpreise stark gestiegen, zudem verteuerten sich Industriemetalle. "Wenn die Unternehmen die höheren Kosten an ihre Kunden weitergeben, könnte sich dies später auch auf der Stufe der Verbraucherpreise auswirken."

Beim jüngsten Anstieg der Renditen für Euro-Staatsanleihen sieht Weidmann keinen Handlungsbedarf für die EZB. Seiner Einschätzung nach ist die Entwicklung vor allem von einer Verbesserung des Wirtschaftsausblicks in den USA getrieben. "Nicht jeder Anstieg der Zinsen auf den Kapitalmärkten ist geldpolitisch ein Problem", sagte der Bundesbank-Präsident. Die Finanzierungskosten seien immer noch auf einem "historisch niedrigen Niveau".

Weidmann bekräftigte, die Notprogramme der EZB in der Corona-Krise müssten nach der Pandemie beendet werden. "Zudem muss der EZB-Rat die sehr expansive Ausrichtung der Geldpolitik insgesamt zurückfahren, wenn es die Preisaussichten erfordern", mahnte Weidmann, der Mitglied im obersten Entscheidungsgremium der EZB ist. "Dann darf es nicht an Entschlossenheit fehlen, auch wenn mit den Zinsen die Finanzierungskosten der Staaten steigen."