Westen zögert angesichts russischer Drohungen mit Vergeltungsangriff gegen Syrien

Donald Trump

Aus Sorge vor einem offenen Konflikt mit Russland ringt der Westen weiter um eine Reaktion auf den mutmaßlichen Chemiewaffenangriff in Syrien. Während zwischen Washington, London und Paris Einigkeit über die Notwendigkeit einer gemeinsamen Reaktion herrschte, stand eine endgültige Entscheidung am Freitag weiter aus. Der russische UN-Botschafter Wassili Nebensia sagte, Priorität habe derzeit vor allem, eine bewaffnete Konfrontation zwischen Russland und den USA zu vermeiden.

US-Präsident Donald Trump schob eine Entscheidung zu einem möglichen Raketenangriff in Syrien weiter hinaus. "Es wurde keine endgültige Entscheidung getroffen", sagte seine Sprecherin Sarah Sanders am Donnerstag nach einem Treffen Trumps mit seinen Nationalen Sicherheitsberatern. Die US-Regierung werte weiter Geheimdiensterkenntnisse aus und führe Gespräche mit ihren Partnern und Verbündeten. Trump hatte am Mittwoch zunächst einen Raketenangriff der US-Streitkräfte in Syrien angekündigt, seine Drohung einen Tag später aber relativiert.

US-Verteidigungsminister Jim Mattis sagte vor US-Abgeordneten, die Notwendigkeit, "die Ermordung Unschuldiger zu stoppen", müsse abgewogen werden gegen das Risiko, dass die Lage eskaliere und "außer Kontrolle" gerate.

In einem Telefonat Trumps mit der britischen Premierministerin Theresa May bekräftigten beide ihre Überzeugung, dass es eine Reaktion auf den mutmaßlichen Chemiewaffenangriff in Syrien geben müsse. Trump und May führten "ihre Diskussion über die Notwendigkeit einer gemeinsamen Reaktion auf den syrischen Einsatz von Chemiewaffen fort", erklärte das Weiße Haus. Ein britischer Regierungssprecher sagte, beide seien sich einig, "dass der Einsatz von Chemiewaffen nicht unbeantwortet bleiben" dürfe.

Trump wollte zudem erneut mit Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron beraten. Dieser hatte am Donnerstag erneut eine Reaktion Frankreichs angekündigt, ohne sich auf einen Zeitraum festzulegen. Es gebe Beweise für den Einsatz von Chemiewaffen durch die syrische Regierung, sagte er. Am Freitag appellierte Macron an Russlands Präsident Wladmir Putin, gemeinsam "den Frieden und die Stabilität in Syrien wiederherzustellen".

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) forderte eine geschlossene Reaktion der internationalen Gemeinschaft auf den mutmaßlichen Chemiewaffenangriff in Syrien. "Die wiederholte Anwendung von chemischen Waffen" könne "nicht ohne Folgen bleiben", sagte er in Brüssel. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte zuvor bereits erklärt, Deutschland werde sich an "militärischen Aktionen nicht beteiligen".

Russland warnte nach den Drohungen vor einer Eskalation des Konflikts. Außenminister Sergej Lawrow sagte am Freitag, Russland verfüge über "unwiderlegbare Beweise", wonach der mutmaßliche Chemiewaffenangriff in Syrien mit Hilfe eines ausländischen Geheimdienstes "inszeniert" worden sei. Der Geheimdienst eines "bestimmten Staates, der jetzt an vorderster Front einer antirussischen Kampagne" stehe, sei in die Inszenierung verwickelt.

Auf Antrag Moskaus sollte sich auch der UN-Sicherheitsrat erneut mit Syrien befassen. Schweden legte derweil einen UN-Resolutionsentwurf vor, wonach eine "ranghohe Abrüstungsmission" Syrien "für alle Zeiten" von Chemiewaffen befreien solle.

Ein Expertenteam der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) soll den mutmaßlichen Giftgaseinsatz vor Ort untersuchen. Die Fachleute sollen am Samstag ihre Arbeit aufnehmen. Bei dem mutmaßlichen Chemiewaffeneinsatz der syrischen Truppen waren am vergangenen Samstag in Duma in der Region Ost-Ghuta dutzende Menschen getötet und hunderte weitere verletzt worden. Der Westen macht Syriens Machthaber Baschar al-Assad verantwortlich.

Der ehemalige US-Botschafter in Deutschland, John Kornblum, sagte den Zeitungen der Funke Mediengruppe vom Freitag, er rechne mit einer Militäraktion der USA. "Nach der massiven Warnung wird Trump nicht mehr hinter seine Drohungen zurück können", sagte Kornblum. "Jetzt gar nichts zu machen, käme einem Gesichtsverlust gleich."