Weder Junge noch Mädchen: In Kanada lebt das erste Baby ohne offizielle Geschlechtszuordnung

Die Regenbogenflagge symbolisiert die Vielfalt der menschlichen Sexualität und Geschlechtszugehörigkeit. (Bild: AP Photo)



Das Baby wurde von einer Person geboren, die sich selbst keinem Geschlecht zugehörig fühlt. Auf dem Personalausweis des Kindes steht statt eines Geschlechts nun ein unbestimmtes „u“. Aber noch immer ist damit nicht alles geklärt – und die Eltern müssen weiter für die Freiheit ihres Kindes kämpfen.

Für den Staat ist es ein simpler Verwaltungsakt, eine Nebensächlichkeit. Für Kory Doty aber ist es ein Eindringen in die Freiheit des Menschen: Die Festlegung des Geschlechts eines Kindes und damit verbunden seine freie Entfaltung. „Die soziale Geschlechtsidentität eines Kindes entwickelt sich mit der Zeit, nicht wenn ein Arzt seine Genitalien direkt nach der Geburt untersucht“, sagte barbara findlay, eine Menschenrechtsanwältin, die ihren Namen bewusst ohne Großbuchstaben schreiben lässt, gegenüber „Buzzfeed“.

Seit der Geburt von Dotys Kind Searyl Alti vor acht Monaten kämpft Doty nun darum, dass Searyl Altis Geschlecht nicht auf offiziellen Dokumenten auftaucht. Aus dem Grund wurde das Kind auch bei einer Freundin geboren und nicht im Krankenhaus, wo als erste Amtshandlung das Geschlecht festgestellt worden wäre.

Einen ersten Sieg hat Doty nun errungen: Kürzlich wurde Searyl Alti der erste offizielle Ausweis ausgestellt, auf dem kein Geschlecht eingetragen worden war. Statt einem „m“ (für male, männlich) oder „f“ (für female, weiblich) steht da ein „u“. Das kann für „undetermined“ (nicht festgestellt) stehen oder „unassigned“ (nicht zugeteilt). „Es wird also anerkannt, dass der Staat kein Recht hat, das Geschlecht eines Kindes bei dessen Geburt festzulegen. Das ist privat und kann sich mit der Zeit verändern“, sagt barbara findlay.

„Wir verlangen gar nicht, dass jetzt der Ausweis von jemandem gegen dessen Willen geändert wird. Wir wollen nur dafür sorgen, dass das System geändert wird, nach dem die Identifizierung stattfindet, vor allem in der Geburtsurkunde“, so findlay.

Doty kennt das Problem aus eigener Erfahrung, denn auch bei Doty wurde bei der Geburt eine falsche Geschlechtszuschreibung gemacht – immerhin definiert sich Doty weder als Mann noch als Frau. Bis heute kämpft Doty also darum, die Geschlechtsfestlegung in der Geburtsurkunde zu ändern. „Diese falsche Zuordnung verfolgt mich und meine Selbstzuschreibung schon seit Jahren“, sagte Doty dem kanadischen Sender „CBC“.

Und auch für ihr Kind hatte Doty hier bislang keinen Erfolg: Searyl Alti hat nach wie vor keine Geburtsurkunde erhalten. Der Kampf für eine freie Entscheidung und gegen die voreilige Festlegung einer Geschlechtsidentität geht also weiter.