Dieser Wechsel wird teuer für den BVB

Holger Luhmann

Eigentlich hat Borussia Dortmund gerade ganz andere Sorgen. Der Absturz in der Bundesliga - hinter den Revierrivalen Schalke 04. Die teilweise peinlichen Auftritte in der Champions League. Die lauter werdenden Zweifel an Trainer Peter Bosz.

Der BVB müsste sich dringend auf die richtungsweisende Woche konzentrieren. Mit den Heimspielen in der Königsklasse am Dienstag gegen Tottenham Hotspur (20.45 Uhr im LIVETICKER) und am Samstag gegen Schalke.


Doch neben dem Rasen ist ein weiterer Nackenschlag nun perfekt: Wie die Borussia am Montagnachmittag bestätigte, wechselt ihr langjähriger Chefscout Sven Mislintat zum FC Arsenal.

Gespür für günstige, künftige Stars

Der Abgang trifft den BVB mitten in der Krise. Er wird keine unmittelbaren negativen Auswirkungen haben - und doch wird er die Dortmunder ganz empfindlich treffen.

Denn der 46-Jährige hat in der Vergangenheit oft genug sein Gespür für günstige, künftige Stars bewiesen. Mislintat - Spitzname Diamanten-Auge - empfahl den BVB-Bossen zum Beispiel vor zehn Jahren Shinji Kagawa, der schließlich aus der zweiten japanischen Liga nach Dortmund wechselte. Kosten? Eine Ausbildungsentschädigung von 350.000 Euro.


Auf Mislintats Rat schnappte der BVB auch Europameister Raphael Guerreiro und Ousmane Dembele rechtzeitig der Konkurrenz weg. Dembele zog in diesem Sommer weiter zum FC Barcelona - Dortmund bringt das die Bundesliga-Rekordablöse von bis zu knapp 150 Millionen Euro ein.

Als Chefscout Gold wert

Der BVB wird für den Weggang von Mislintat zwar eine Ablöse erhalten, die zwischen ein und zwei Millionen Euro liegen wird. Doch die Lücke, die der Talentspäher mit dem Trüffel-Näschen hinterlassen wird, dürfte die Dortmunder ungleich teurer zu stehen kommen.

Denn in Zeiten galoppierender Ablösesummen ist ein Experte für verborgene Schnäppchen auf dem Transfermarkt Gold wert. Das BVB-Modell, vielversprechende Talente aufzubauen und dann gewinnbringend weiterzuverkaufen, basiert auf herausragendem Scouting.


Von Ex-Trainer Tuchel nicht wertgeschätzt

Dass es Mislintat nun zu Arsenal zieht, ist nur zu einem Teil der deutlichen Gehaltsaufbesserung geschuldet. Bei den Gunners soll er 1,8 Millionen Euro pro Jahr verdienen.

Doch der eigentliche Grund für seinen Weggang liegt vor allem in der Vergangenheit. SPORT1 weiß: In Dortmund fühlte sich Mislintat nach dem Streit mit Thomas Tuchel nicht mehr genügend wertgeschätzt.

Beim Pokal-Triumph in Berlin war er nicht einmal zur Siegerfeier eingeladen, organisierte seine Reise mit Freunden in die Hauptstadt auf eigene Kosten. Für Mislintat, der in Kamen ganz in der Nähe von Dortmund aufgewachsen ist, ein Stich ins schwarz-gelbe Herz.

Zwar schlugen sich die BVB-Bosse Hans-Joachim Watzke und Michael Zorc im Streit zwischen Mislintat und Ex-Trainer Tuchel auf die Seite ihres Chefscouts und beförderten ihn im Januar zum Lei­ter Pro­fi-Fuß­ball - vom Verbleib überzeugen konnten sie ihn am Ende aber nicht mehr.


Angeboten aus Hamburg und Düsseldorf hatte Mislintat noch widerstanden. Einer Nachfrage von Bayerns Uli Hoeneß schob der BVB einen Riegel vor. Nun aber wird Mislintat Dortmund in Richtung London verlassen.

Aderlass der Nachwuchstrainer

Er ist nicht der erste erfolgreiche Mitarbeiter, der der BVB-Familie den Rücken kehrt.

Der vorige U23-Trainer Daniel Farke ist mittlerweile Teammanager beim englischen Zweitligisten Norwich City. Dessen Vorgänger war David Wagner, der mit Huddersfield Town ein Premier-League-Märchen schreibt.

Und der dritte ehemalige Dortmunder Nachwuchstrainer auf Abwegen ist Hannes Wolf, der am Freitag durch den Sieg mit dem VfB Stuttgart den BVB noch ein Stückchen tiefer in die Krise stürzte.

In ungemütlichen Zeiten lassen solche Erfolge Ehemaliger besonders aufhorchen.