WeChat-Boom: Chinas Social Media-Gigant Tencent hat Facebook fast eingeholt

Nils Jacobsen
Wirtschaftsjournalist und Techblogger
Tencent: 500 Milliarden Dollar schwere Internet-Supermacht aus China (Foto: AP/Mark Schiefelbein)


Es ist längst ein Duell auf Augenhöhe geworden: Facebook bestimmt die Social Media-Nutzung der westlichen Welt, Tencent die des fernen Ostens. Der inzwischen zweitwertvollste Konzern Asiens hat Facebook nach Umsätzen eingeholt, wächst aber schneller, wie die jüngste Quartalsbilanz eindrucksvoll dokumentiert. 
 

Scott Galloway hat wieder einmal recht behalten. Zum Jahreswechsel wagte der Marketing-Professor der New York University eine nur auf den ersten Blick ungewöhnliche These. „Ein chinesisches Unternehmen stößt in die Top Fünf vor“, mutmaßte der Bestseller-Autor („The Four“).

Ende März war es so weit: Während Facebook im Sog des Datenskandals um Cambridge Analytica phasenweise um 20 Prozent an Wert verlor, schoben sich die beiden führenden Internet-Konzerne aus dem Reich der Mitte vor das schlingernde Social Network – es war eine Wachablösung mit Symbolcharakter.   

Tencent und Alibaba dominieren Chinas Internetwirtschaft

Die digitale Revolution verläuft am anderen Ende der Welt tatsächlich noch dynamischer und ungezügelter als im Silicon Valley. Zwei mächtige Konzerne teilen sich den Löwenanteil der chinesischen Internetwirtschaft unter sich auf – E-Commerce-Riese Alibaba, dem 2014 gar der größte Börsengang aller Zeiten gelang, und Tencent.

Das 20 Jahre alte Internetunternehmen aus Shenzhen stand dabei ziemlich zu Unrecht im Schatten von Alibaba: Tatsächlich ist Tencent mit einem Börsenwert von 500 Milliarden Dollar nicht nur inzwischen so wertvoll wie der einheimische Rivale, sondern sogar deutlich wertvoller als Verbraucherelektronikpionier Samsung – und ringt damit gleichzeitig um den Börsenthron in Asien. 

WeChat: Das Schweizer Taschenmesser des mobilen Internets

Das Geheimnis des Erfolges hat sechs Buchstaben: WeChat! So heißt Tencents mit Abstand beliebteste App, die zunächst als asiatische Antwort auf den boomenden Messenger WhatsApp zu verstehen war und die Facebook-Tochter mit einer Milliarde monatlich aktiven Nutzern – davon mehr als 100 Millionen außerhalb Chinas – inzwischen fast eingeholt hat. 

Man muss sich WeChat als Universallösung, als Schweizer Taschenmesser des mobilen Internets vorstellen: Es wird natürlich – wie der Name nahelegt – gechattet, bis die Finger glühen, aber auch genetzwerkt. Und damit nicht genug: Wer in der westlichen Welt bei einer Reisebuchung oftmals zwei verschiedene Apps für Flüge und Hotels benötigt, wird im WeChat-Universum ebenfalls fündig. Es gibt so ziemlich keine wichtige Anwendung, die auf Chinas führender Mobilplattform fehlt, Online-Spiele – extrem wichtig in Asien – inklusive.

Mobiles Bezahlsystem WeChat Wallet boomt

Auch mobil bezahlt werden kann über die beliebteste Smartphone-App der Volksrepublik – vom Taxi über den Parkschein bis zum Kinoticket. Tatsächlich hat sich WeChat mit der Applikation Wallet inzwischen in ein mobiles Bezahlsystem verwandelt, mit dem auch Geld an Freunde überwiesen werden kann.

Sage und schreibe 46 Milliarden virtuelle Geschenkumschläge – die sogenannten „Hongbaos“ – wurden zum diesjährigen Neujahrsfest über WeChat Wallet von 768 Millionen Nutzern verschickt.   

OICQ und Qzone: Schnelle Kopie von westlichen Internet-Erfolgsstorys 

Angefangen hat Tencent Ende des 20. Jahrhunderts als Instant Messenger-Dienst für den Desktop: OICQ hieß das 1999 gelaunchte erste Produkt, das sich am Erfolg des beliebten Chat-Clients ICQ orientierte und später in TencentQQ umbenannt wurde. 2003 launchte Tencent die Spieleplattform QQ Games, auf der mehrere Nutzer gleichzeitig Online Games spielen können. 

2005 folgte der nächste Schritt der größten chinesischen Internet-Erfolgsstory mit dem Start des Social Networks Qzone, das Facebook im Reich der Mitte nacheiferte – bis heute zählt das größte soziale Netzwerk Chinas 562 Millionen monatlich aktive Nutzer, die Nutzerzahl ist allerdings seit zwei Jahren rückläufig.   

WeChat bleibt eine Blackbox, treibt aber das Wachstum

Ohne Frage ist der erst 2011 gestartete Messenger WeChat bis heute der Treiber der enormen Wachstumsstory, die die Börse in Hongkong immer aufs Neue elektrisiert, obwohl unklar ist, wie viel Tencent mit WeChat tatsächlich erlöst.

Fest steht, dass Tencents Universal-App das Wachstum des zwei Jahrzehnte alten Internetpioniers weiter maßgeblich antreibt. In seiner Gesamtheit – inklusive der hoch profitablen Gaming-Sparte – ist Tencent eine Gelddruckmaschine, die selbst den viel bewunderten E-Commerce-Riesen Alibaba bei weitem in den Schatten stellt. 

Smartphonespiele treiben Umsätze 

In der gerade veröffentlichten Bilanz für das erste Quartal 2018 zogen die Erlöse um 48 Prozent auf bereits 11,7 Milliarden Dollar an, während die Nettogewinne um stolze 65 Prozent auf 3,8 Milliarden Dollar regelrecht explodierten.

Treiber der Gewinndynamik ist die hoch profitable Smartphonespiel-Sparte, die durch Übernahmen von Gaming-Pionieren wie Supercell (“Clash of Clans” ) und Riot (“League of Legends”) in den vergangenen Jahren rasant gewachsen ist; allein der Kassenschlager “Honor of Kings” generiert pro Quartal mehr als eine Milliarde Dollar an Umsatz.

Entsprechend erzielt die Konzernsparte “Value Added Services” (VAS), in die sowohl die Gaming-als auch Messaging-Aktivitäten einfließen, den Löwenanteil der Erlöse: Im März-Quartal legten die Umsätze um weitere 34 Prozent auf bereits 7,36 Milliarden Dollar zu.

Globale Wachstumsstrategie 

Für Konzernchef Pony Ma scheint die aktuelle Geschäftsentwicklung indes nicht mehr als die Momentaufnahme auf dem Weg zur globalen Vorherrschaft zu sein.

Während Tencent etwa in Afrika mit WeChat Africa, ein Joint Venture mit dem hiesigen Medienunternehmen Naspers, den Markt aufmischt, erscheint der nächste Wachstumsmarkt auf heimischem Territorium bereits in Sicht: Tencent investiert mit Auftragsfertiger Foxconn bereits massiv in die Entwicklung von selbstfahrenden Elektroautos.

Ankerinvestments in Snap und Tesla

Der Westen soll dann als letzter Teil einer jahrzehntelangen Expansionsstrategie attackiert werden. Tatsächlich hat CEO Pony Ma seine Ambitionen bereits mit zahlreichen hochkarätigen US-Investments untermauert: So sicherte sich Tencent im vergangenen Jahr 12 Prozent an Snap und 5 Prozent an Tesla – und stieg in den schwedischen Musik-Streaming-Pionier Spotify via Aktientausch ein.

Ein Königsinvestment blieb Ma durch eine Rückenverletzung verwehrt: 2014 stand Tencent kurz vor der Übernahme des boomenden Messengers WhatsApp, bis der operative Eingriff den Deal kurzfristig verzögerte. Facebook-Chef Mark Zuckerberg bekam vom Interesse aus China Wind – und überbot Tencent mit einem doppelt so hohen Gebot für WhatsApp.

Facebook nach Umsätzen eingeholt

Trotzdem hat Tencent inzwischen zu Facebook bereits teilweise aufgeschlossen. Nach Erlösen hat der China-Superstar den US-Rivalen im jüngsten Quartal fast eingeholt (11,7 vs. 11,98 Milliarden Dollar), nach dem Konzernergebnis operiert der Social Media-Pionier aus Menlo Park noch profitabler als Tencent (4,99 Milliarden vs. 3,8 Milliarden Dollar).

An der Börse hat sich Facebook nach dem überstandenen Datenskandal um Cambridge Analytica wieder an Tencent vorbeigeschoben, doch der Vorsprung beträgt keine sechs Prozent.

Auch die WeChat-Mutter bringt es nach der überzeugenden Quartalsbilanz in dieser Woche wieder auf einen Börsenwert von über 500 Milliarden Dollar. Das Wettrennen um die Vorherrschaft im mobilen Internet dürfte somit tatsächlich zu einem Marathon zwischen Shenzhen und dem Silicon Valley werden.