Coronavirus: Deutsche auf Kreuzfahrtschiff infiziert

In China steigt die Zahl erfasster Infektionen mit Sars-CoV-2 stetig weiter. Die Dunkelziffer dürfte dort wie auch in anderen Ländern beträchtlich sein. In der Wirtschaft mehren sich die Stimmen, die schlimmere Folgen als bei Sars 2002/2003 für wahrscheinlich halten.

Ärzte versorgen eine Corona-Patientin in Wuhan (Bild: Costfoto/Barcroft Media via Getty Images)

Das Wichtigste in Kürze:

  • Bestätigte Fälle in China: 68.000 (Todesfälle: 1665)

  • Bestätigte Fälle außerhalb Chinas: 607 (Todesfälle: 3)

  • Bestätigte Fälle in Deutschland: 16 (Todesfälle: 0)

  • Zahlreiche Ärzte in China erkrankt

  • Wirtschaft leidet zunehmend

  • Deutsche Post schränkt Lieferungen nach China ein

Deutsche auf Kreuzfahrtschiff mit Coronavirus infiziert

Auf dem unter Quarantäne stehenden Kreuzfahrtschiff in Japan häufen sich die Coronavirus-Infektionen. Auch Deutsche sind betroffen. Die überwiegend deutschen Fahrgäste der “Aidavita” traten am Wochenende vorzeitig die Rückreise an.

Wie der japanische Gesundheitsminister Katsunobu Kato am Sonntag bekanntgab, erhöhte sich die Zahl um 70 auf inzwischen 355. Darunter sind nach Informationen der Deutschen Botschaft in Tokio zwei deutsche Staatsangehörige. Von den 70, die positiv auf das Virus Sars-CoV-2 getestet wurden, zeigten 38 keine Symptome wie Fieber oder Husten, hieß es. Die Betroffenen würden in örtliche Krankenhäuser gebracht.

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Das Gesundheitsministerium hatte bis Sonntag mehr als 1200 der rund 3400 Passagiere und Crewmitglieder der “Diamond Princess” getestet. Wie die deutsche Botschaft unter Berufung auf das japanische Außenministerium mitteilte, sollten bis Montag alle Passagiere getestet sein, so dass die Resultate spätestens am Mittwoch vorliegen.

Bis dahin steht das Schiff im Hafen von Yokohama unter Quarantäne. Negativ getestete Passagiere sollen es ab Mittwoch verlassen können. Jeder Fahrgast müsse vorher noch einen Gesundheitscheck durchlaufen. Für jene Passagiere, die engen Kontakt mit infizierten Personen hatten, werde die Quarantänezeit verlängert, erfuhr die Botschaft.

Quarantäne für China-Rückkehrer endet

Nach rund zwei Wochen endet an diesem Sonntag die Quarantäne für die über 100 China-Rückkehrer in einer Bundeswehrkaserne im pfälzischen Germersheim. Die Ergebnisse weiterer Tests auf das Coronavirus Sars-CoV-2 seien negativ, sagte ein Sprecher der Luftwaffe am Sonntagmorgen der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Alle Bürgerinnen und Bürger würden daher am Sonntag aus der Kaserne entlassen.

Galerie: Wo das Leben in China stillsteht

122 deutsche Staatsbürger und Familienangehörige waren aus der vom Sars-CoV-2-Virus besonders betroffenen chinesischen Stadt Wuhan nach Frankfurt am Main geflogen und am 1. Februar in die Kaserne nach Germersheim gebracht worden.

Frankreich meldet ersten Coronavirus-Todesfall in Europa

Erstmals ist ein an dem Coronavirus erkrankter Mensch in Europa gestorben. Der chinesische Tourist sei in einer Pariser Klinik der Krankheit erlegen, teilte die französische Gesundheitsministerin Agnès Buzyn am Samstag mit. Bei dem Mann handelte es sich demnach um einen 80-Jährigen aus der schwer betroffenen zentralchinesischen Provinz Hubei, in der auch Wuhan liegt. Der Tourist war Anfang Februar auf die Intensivstation des Krankenhauses Bichat in der französischen Hauptstadt gebracht worden. Sie sei gestern über den Tod des Mannes informiert worden, sagte Buzyn. Der Patient sei mehrere Tage in kritischem Zustand gewesen.

Ägypten meldet ersten Coronafall in Afrika

Ägyptens Regierung hat den ersten Fall des neuartigen Coronavirus auf dem afrikanischen Kontinent gemeldet. Dabei handele es sich um eine ausländische Person, teilte das Gesundheitsministerium in Kairo am Freitag mit. Zur Nationalität machte das Ministerium keine Angaben. Unklar blieb auch, aus welchem Land die Person nach Ägypten gereist war. Der Patient zeige keine Krankheitssymptome und werde auf einer Isolierstation behandelt. Bislang war laut der Weltgesundheitsorganisation noch kein Fall von Corona in Afrika bekannt geworden.

Zahlreiche Ärzte in China erkrankt

Ein Ende der Covid-19-Epidemie ist weiter nicht absehbar. Die Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus in China stiegen mit einer neuen Zählweise am Freitag wieder stark. Landesweit sind derzeit in der offiziellen Statistik knapp 64.000 Infektionen mit Sars-CoV-2 erfasst, knapp 1400 Menschen starben demnach. Die Dunkelziffer liegt Experten zufolge aber deutlich höher. Der chinesische Staatssender CCTV berichtete, dass sich im Kampf gegen die Lungenkrankheit Covid-19 mehr als 1700 medizinische Helfer wie Ärzte und Krankenhauspersonal angesteckt haben. Mindestens sechs Helfer starben demnach.

Rückreisewelle bereitet Sorgen

Mit der Rückreisewelle von zig Millionen Chinesen, die nach den wegen der Epidemie verlängerten Neujahrsferien wieder aus ihren Heimatdörfern zu ihren Arbeitsplätzen zurückreisen, wachsen Sorgen über eine weitere Ausbreitung des Virus. Bei einem Mitglied der Reinigungskräfte in einem Hochgeschwindigkeitszug wurde nach chinesischen Presseberichten eine Infektion festgestellt, was Befürchtungen über Ansteckungen im Zug auslöste.

Außerhalb von Festland-China sind in mehr als zwei Dutzend Ländern rund 580 Fälle bestätigt, die meisten in Japan. Dort gab es eine Anhäufung von mehr als 200 Fällen auf dem vor Yokohama liegenden Kreuzfahrtschiff “Diamond Princess”. Asiatische Länder zögern deswegen, Kreuzfahrtschiffe in ihre Häfen einlaufen zu lassen. So konnte zuletzt die “Aidavita” mit rund 1100 Passagieren zumeist aus Deutschland und 400 Crew-Mitgliedern nicht wie geplant in Vietnam anlegen. Die Reederei betonte, es gebe keine Virusfälle an Bord. Auch habe das Schiff keinen chinesischen Hafen angelaufen.

Immer stärkere Auswirkungen auf die Wirtschaft

Immer stärkere Auswirkungen hat Covid-19 auf die Wirtschaft. Fluggesellschaften müssen sich auf Umsatzeinbußen in Milliardenhöhe einrichten. Die Internationale Zivilluftfahrtbehörde ICAO geht in einer ersten Schätzung von 4 bis 5 Milliarden Dollar (3,7 bis 4,6 Mrd Euro) für das erste Quartal aus. Die ökonomischen Auswirkungen des neuartigen Coronavirus dürften stärker ausfallen als bei der Sars-Epidemie 2002/2003.

Menschen in Hongkong warten in einer Schlange vor einem Laden auf eine Lieferung von chirurgischen Masken (Bild: Aidan Marzo/SOPA Images via ZUMA Wire/dpa)

In Singapur sagte Premier Lee Hsien Loong, dass die wirtschaftlichen Folgen von Covid-19 wahrscheinlich die der Sars-Epidemie von 2002/2003 übertreffen werden. Die Interimschefin des französischen Autobauers Renault, Clotilde Delbos, warnte vor Risiken im Zusammenhang mit Covid-19. Der Konzern habe dafür ein Krisenmanagement eingesetzt. Aus der besonders betroffenen Provinz Hubei in Zentralchina kommen viele Autoteile.

Grafik: dpa

Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wie ansteckend ist das neue Coronavirus?

Diese Frage lässt sich zurzeit nur schwer beantworten. Klar ist, dass sich das Virus durch Tröpfcheninfektion - etwa beim Husten und Sprechen - verbreitet. “Der Erreger ist deutlich infektiöser als ursprünglich angenommen”, sagt der Infektionsepidemiologe Lars Schaade, Vizepräsident des Robert Koch-Instituts (RKI). Viele Details der Infektion seien noch ungeklärt, sagt der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité. “Das lässt sich nicht genau rekonstruieren. Man bekommt das Virus vermutlich ähnlich, wie man sich eine Erkältung einfängt.” Dass auch symptomfreie Menschen infektiös sein können, wie vereinzelt berichtet, hält Drosten für eher unwahrscheinlich.

Nach Auskunft chinesischer Mediziner kann sich das Virus möglicherweise auch über das Verdauungssystem verbreiten. Sie hatten den Erreger in Stuhlproben gefunden, nachdem sie festgestellt hatten, dass einige Patienten Durchfall statt üblicherweise Fieber bekommen hatten. Nach RKI-Angaben ist jedoch noch nicht abschließend geklärt, ob man sich tatsächlich auf diese Weise anstecken kann. Auch von der Mutter auf das Neugeborene ist das Virus nach Erkenntnissen in China wahrscheinlich übertragbar.

Auffällig ist die Diskrepanz zwischen der schnellen Ausbreitung in China und der Tatsache, dass sich in anderen Ländern bisher nur wenige Menschen angesteckt haben. Der Virologe Thomas Schulz von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erklärt das auch damit, dass der Erreger in China vermutlich schon Wochen zirkulierte, bevor die Behörden rigorose Maßnahmen ergriffen. “Hätte man das einen Monat früher gemacht, wäre die Situation vermutlich nicht so eskaliert”, sagt Schulz.

Welche Symptome verursacht das neue Coronavirus?

Der Erreger infiziert vor allem Zellen der unteren Atemwege. Dadurch scheinen manche Symptome einer Erkältung wie etwa Fließschnupfen nicht aufzutreten. Generell sind die Symptome der neuen Lungenkrankheit unspezifisch. Fieber, trockener Husten und Atemprobleme können auch bei einer Grippe auftreten. “Es reicht nicht aus, nur fieberhafte Personen zu testen”, sagt Drosten. “Manche Menschen haben nur eine leichte Erkältungssymptomatik mit Frösteln und Halsschmerzen.” Mitunter können Patienten auch Kopfschmerzen oder Durchfall haben. Die Inkubationszeit - der Zeitraum zwischen Infektion und Beginn von Symptomen - beträgt 2 bis 14 Tage. Deshalb werden Verdachtsfälle zwei Wochen isoliert. Nachgewiesen wird eine Infektion meist durch den Nachweis von Erbgut des Coronavirus im Sputum, dem schleimigen Auswurf beim Husten.

Wie gefährlich ist der Erreger?

Das lässt sich momentan kaum beantworten. Der Anteil der Infizierten, der an der Lungenerkrankung stirbt, liegt nach derzeitigen Daten in China bei etwa 2 Prozent - höher als bei einer Grippe. Bei den Grippe-Pandemien 1957 und 1968 lag die Fallsterblichkeit nach Angaben von Drosten bei etwa 0,1 Prozent. Den hohen Wert in China erklärt der Experte mit dem Umstand, dass dort vor allem schwere Fälle bekannt werden. “Viele Menschen melden sich in China erst dann, wenn sie wirklich krank sind. Diese Fälle sind nicht repräsentativ.”

“Wir kennen die tatsächlichen Fallzahlen nicht”, sagt Schaade. Außerhalb Chinas ist die Fallsterblichkeit gegenwärtig geringer. Die geringe Todesrate sei zunächst ermutigend, “aber wir müssen das weiter beobachten”, sagt Schaade. Clemens Wendtner, der in der München Klinik Schwabing einige Infizierte betreut, geht davon aus, dass “die Sterblichkeit deutlich unter einem Prozent liegt, eher sogar im Promillebereich”. “Mit einer sehr, sehr gefährlichen Erkrankung hat das nicht viel zu tun”, sagt er.

Wie lässt sich die neue Lungenkrankheit behandeln?

Eine spezielle Therapie für die Erkrankung gibt es nicht. Schwer erkrankte Patienten werden symptomatisch behandelt: mit fiebersenkenden Mitteln, der Therapie etwaiger bakterieller Zusatzinfektionen und mitunter mechanischer Beatmung.

Lässt sich die Epidemie mit den bestehenden Aktionen stoppen?

Die Coronavirus-Epidemie werde ihren Höhepunkt Mitte bis Ende nächster Woche erreichen, sagte der Chef des nationalen Expertenteams im Kampf gegen das Coronavirus, Zhong Nanshan, am Montag. Ob das realistisch ist, lässt sich deutschen Experten zufolge kaum abschätzen. “Ich kenne die Daten und Modelle der Chinesen nicht”, sagt Schulz, er tendiert aber zu Skepsis. “Im Augenblick geht die Kurve noch steil nach oben.” Der Infektionsepidemiologe Schaade stimmt zu: “Ich wäre mit Prognosen sehr vorsichtig.”

Drosten ergänzt: “Entscheidend ist, ob China es schafft, die Übertragungen zu stoppen. Das kann ich mir schon vorstellen.” Hinzu komme jedoch eine zweite Frage, betont er: Nistet sich das Virus in Ländern mit schlechtem Gesundheitssystem etwa in Afrika oder Asien ein, wo es kaum noch zu kontrollieren wäre? Dann drohe dauerhaft eine neue Lungenkrankheit auf der Welt. Schulz vermutet, dass die Krankheit in China mit Beginn der wärmeren Jahreszeit zurückgehen wird - ähnlich wie bei Grippe und Erkältungen. “Die Frage ist, ob sie nächstes Jahr wiederkommt.”

Kann das Virus durch Gegenstände übertragen werden?

Gesicherte Erkenntnisse gibt es für das neue Virus noch nicht. In einer Metastudie haben Virologen der Unis Greifswald und Bochum kürzlich ermittelt, dass frühere Coronavirus-Varianten wie Sars und Mers auf unbelebten Oberflächen im Schnitt zwischen vier und fünf Tagen überleben, bei Kälte und hoher Luftfeuchtigkeit bis zu neun Tage. Die Forscher nehmen an, dass sich die Ergebnisse auf das neue Virus Sars-CoV-2 übertragen lassen. Ansteckungen etwa durch Postsendungen sind bisher nicht bekannt geworden, es wurden auch keine entsprechenden Warnungen ausgesprochen.

Wie kann man sich dagegen schützen?

Zum Schutz vor diesem wie auch anderen Viren empfehlen Experten gewöhnliche Hygienemaßnahmen: regelmäßiges Händewaschen, Desinfektionsmittel und Abstand zu Erkrankten. Den Nutzen von normalen Atemmasken - wie derzeit in China überall auf den Straßen zu sehen - schätzen Schmidt-Chanasit und Drosten als eher gering ein.

Woher kommt das Virus?

Die Reservoire verschiedener Coronaviren liegen im Tierreich. Bei Mers sind Kamele der Ursprung, bei Sars und dem neuen Erreger liegen die Reservoire vermutlich bei Fledermäusen. Auf den Menschen sprang der Sars-Erreger vermutlich von Schleichkatzen über, die auf chinesischen Märkten angeboten werden. Auch 2019-nCoV geht vermutlich von einem Tiermarkt in China aus. Forscher gehen inzwischen davon aus, dass auch das neue Virus ursprünglich bei Fledermäusen auftrat, aber nicht von diesen direkt auf den Menschen übertragen wurde. Als Zwischenwirt wird in einer neuen Studie das Schuppentier vermutet, das in China eine beliebte Delikatesse ist.

(mit Material von dpa und AFP)