Warum wir viele Studien zum Thema Ernährung mit Vorsicht genießen sollten

Hannah Klaiber
·Freie Journalistin
·Lesedauer: 3 Min.

Wenn es um Studien und Forschungen rund um die Ernährung geht, lässt sich die Lebensmittelindustrie die Butter nicht vom Brot nehmen: Einer neuen Analyse zufolge ist eine von acht führenden Studien direkt auf die Branche zurückzuführen.

Vor allem bei Studien zum Thema Lebensmitteln solltest du nicht alles glauben, was du liest. (Bild: Getty Images)
Vor allem bei Studien zum Thema Lebensmitteln solltest du nicht alles glauben, was du liest. (Bild: Getty Images)

Wenn nun – sagen wir mal – Néstle eine Studie zum Thema Schokolade in Auftrag gibt, können wir dann ernsthaft erwarten, dass diese zu einem schockierenden Ergebnis gelangt? Solche Interessenskonflikte werden aber weitgehend ignoriert, so das Fazit einer neuen Studie mit dem Titel "Die Merkmale und das Ausmaß der Beteiligung der Lebensmittelindustrie an von Experten begutachteten Forschungsartikeln aus 10 führenden ernährungsbezogenen Fachzeitschriften im Jahr 2018".

Demnach wurde eine von acht führenden Studien von Fachzeitschriften veröffentlicht und ausdrücklich anerkannt, obwohl sie in einen direkten Zusammenhang mit der Lebensmittelindustrie gebracht werden konnte. Diese Studien gelangen also – Überraschung! – tendenziell zu Ergebnissen, die das Geschäft begünstigen und möglicherweise irreführend sind. So schreiben die Autoren: "Unsere Studie ergab, dass die Lebensmittelindustrie häufig an veröffentlichten Forschungsergebnissen führender Ernährungszeitschriften beteiligt ist."

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In den Fällen, in denen die Lebensmittelindustrie selbst involviert sei, fielen die Forschungsergebnisse demnach sechsmal wahrscheinlicher für die Interessen der Branche aus, als wenn es keine Beteiligung gebe. Die Verbindung zwischen der Industrie und wissenschaftlichen Forschungen waren schon vor einigen Jahren publik geworden – daraufhin hatten viele Verbraucher das Vertrauen in die Ernährungswissenschaft verloren.

Die Verbindung zwischen Publikationen und der Industrie ist schockierend

Neu ist jedoch die Verbindung zwischen den Forschungsergebnissen und die Publikationen in Fachzeitschriften: Durch die neue Studie wächst der Verdacht, dass diese von der Lebensmittelindustrie regelrecht kontaminiert – und wissenschaftliche Erkenntnisse dadurch verzehrt werden.

Nicht nur einzelne Studien, sondern auch Magazine werden von der Lebensmittelindustrie finanziert. (Bild: Getty Images)
Nicht nur einzelne Studien, sondern auch Magazine werden von der Lebensmittelindustrie finanziert. (Bild: Getty Images)

Unter anderem konnten die Autoren der Studie in Artikeln, die im Ernährungsfachmagazin "Journal of Nutrition" veröffentlicht wurden, bei 28 Prozent aller ausgewerteten Artikeln eindeutige Verbindungen zur Lebensmittelindustrie nachweisen. In einer Zeitschrift namens "Nutrition Reviews" (die fatalerweise von einem Institut herausgegeben wird, das wiederum von Mars, Nestlé, Coca-Cola und PepsiCo gegründet und finanziert wird) wurden in einem Viertel aller überprüften Artikel Geschäftsinteressen belegt.

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"Während zuvor viele davon ausgegangen sind, dass die von der Lebensmittelindustrie finanzierte Ernährungsforschung in der Regel wissenschaftliche Standards für die Durchführung und Berichterstattung wissenschaftlicher Studien einhält, war die Lebensmittelindustrie selbst an dieser Bewertung beteiligt", schreiben die Autoren. Sie fordern, den Einfluss der Lebensmittelbranche auf Regierungsbehörden und öffentliche Forschungseinrichtungen zu reduzieren, sowie die Anzahl branchenbezogener Artikel in Fachzeitschriften zu reduzieren. "Basierend auf den Ergebnissen dieser Studie erfordern alle Artikel, die irgendeine Art von Beteiligung der Lebensmittelindustrie enthalten, eine genaue Prüfung durch Zeitschriften, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf die Art der Beteiligung (z. B. direkte Finanzierung einer Studie) liegt."

Ob es wirklich möglich ist, die Interessen der mächtigen Lobby der Lebensmittelindustrie einzuschränken, ist äußerst fraglich. Bis dahin sollten Verbraucher bei Publikationen aus dem Bereich Ernährungswissenschaft am besten auf das vertrauen, was aussagekräftiger ist als Studien und Artikel: das eigene Bauchgefühl.

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