Warum wir eine fatale Sehnsucht nach jungen Politikern hegen

Christian Lindner (Rolf Vennenbernd/dpa via AP)

Junior geht immer – einer, der aufräumt. Im Wahlkampf punkten Politiker, die frisch und unverbraucht daherkommen. Das macht sie nicht besser. Sondern manchmal gar schlimmer.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Jetzt muss in diesem Schlaftablettenwahlkampf endlich etwas passieren. Es ist doch eine komische Lage in Deutschland: Stell dir vor, es sind Wahlen, und keiner merkt‘s…

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Gerade hat die heiße Phase des Bundestagswahlkampfs begonnen, und ihre Temperatur macht kein Würstchen warm. Richtungswahlkampf? Schicksalswahl? Schlacht der Ideen? Nichts dergleichen. Einerseits ist die mangelnde Wahrnehmung von aktiver Demokratiegestaltung ein wohltuendes Indiz dafür, wie gut es uns geht. Echte Wut würde auf die Straße strömen, woher auch immer. Andererseits gibt es dieses Grundrauschen, leise und dennoch unüberhörbar, in Moll und wehmütig klagend. Bloß worüber, das verrät es uns nicht. Nur dass etwas geschehen muss, dieses Gefühl dringt aus dem Bauch nach oben.

Und dann haben wir den Salat. Jung ist angesagt. Die Alten haben ja versagt, sie sehen im Internet „Neuland“ und hören komische Musik. Die Rente haben sie auch nicht sicher gemacht und reden nur von Reformen, anstatt sie anzugehen.

Daher gibt es diese aktuelle Sehnsucht nach jungen Politikern, verbunden mit der Hoffnung, diese seien anders. Besser. Eben die Ärmel hochkrempelnd wie Christian Lindner von der FDP, oder verbal gegen Drachen kämpfend wie der neue Sankt Georg der CDU, Jens Spahn, oder wie der einfach Zuversicht ausstrahlende Karl-Theodor zu Guttenberg von der CSU.

Schein und Sein

Diese Hoffnung ist international. Sie brachte in Italien Matteo Renzi an die Macht, und in Frankreich Emmanuel Macron. Beide stellten im Wahlkampf vor allem ihr Alter aus wie eine Trophäe; als wären noch nicht absolvierte Lebensjahre ein Verdienst. In der Regierungsverantwortung dagegen residierten sie, als wären sie steinalt. Renzi war bisher nur effektiv im Zerstören seiner sozialdemokratischen Partei, und Macron schiebt gerade so viel an, dass nach dem Lichten seiner Staubwolke womöglich alles wieder am alten Platz ist.

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Jung sein ist keine Tugend. Ein jugendlicher Politiker ist wichtig, weil er natürlicher Fürsprecher kommender und in der Nomenklatura unterrepräsentierter Generationen sein kann, welche im Übrigen auch gern übergangen werden. Doch ein Garant ist er nicht. In der Politik altert man nämlich schnell. Die Cleveren unter den jungen Politikern haben dies erkannt, und daher liften sie sich. Deshalb lächelt uns Lindner bemüht sexy von den Plakaten an, trägt Guttenberg Brille und Bart als Hipsterklon, und Spahn gibt sich unstet – das deutet Bewegung und Vitalität an.

Politik aber ist anderes. Politik bleibt das Bohren dicker Bretter, und dies schafft man nicht kurzärmelig oder tänzelnd oder dauerlächelnd. Junge Politiker lenken ab, vielleicht auch sich selbst von den wahren Problemen. Was auf den ersten Blick wie eine Verheißung aussieht, ist womöglich ein faules Ei.

Mir persönlich missfallen Politiker wie Angela Merkel und Martin Schulz immer weniger. Einen Model-Wettbewerb werden beide kaum gewinnen, und mit Coolness wird es bei ihnen auch nichts mehr. Aber sie beruhigen mich. Abseits der politischen Ausrichtung lassen sie mich wissen, wo sie stehen, was von ihnen zu erwarten ist. Das ist im Endeffekt viel mehr als die Fassade der Jungen.

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