Warum müssen Stewardessen eigentlich unbedingt jung und hübsch sein?

Diese Lufthansa-Stewardess erfüllt alle Ansprüche der Airlines. Doch warum ist das Äußere in diesem Job eigentlich so wichtig? (Bild: ddp)

Bitte immer lächelnd, adrett, geschminkt, hübsch und am liebsten sexy! Warum werden Stewardessen so sehr auf ihr Äußeres reduziert? Ist das nicht einfach nur diskriminierend?

Ungerecht und diskriminierend fanden es zwei Stewardessen der russischen Airline Aeroflot, dass ihr Arbeitgeber sie nicht mehr auf den lukrativen Langstrecken einsetzte, sondern nur noch auf schlechter bezahlten Inlandsflügen. Der Grund: Bei der Airline gab es eine sogenannte Schönheitsklausel die es erlaubte, zu große und zu dicke Frauen von bestimmten Flügen auszuschließen. „Aeroflot ist eine Premium-Airline, und unsere Fluggäste zahlen auch für gutes Aussehen unserer Mitarbeiter“, begründete Aeroflot-Vertreter Pawel Danilin dieses Vorgehen.

Nikita Kritschewski, ein anderer Vertreter der Fluggesellschaft, meinte dreist, die Mitarbeiterinnen sollten sich freuen, dass sich das Unternehmen um ihre Gesundheit kümmere. Das niedrigere Einkommen bei Inlandsflügen sei schließlich ein guter Anreiz, um abzunehmen. Ein weiteres Argument, dass die Airline heranzog: 92 Prozent der Passagiere würden sich an Bord sicherer fühlen, wenn die Stewardessen „fit“ aussähen. Wer bei der Aeroflot auf den guten Strecken eingesetzt werden wollte, musste eine Kleidergröße zwischen 34 und 42 haben.

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Prof. Dr. Paula-Irene Villa, Lehrstuhlinhaberin für Allgemeine Soziologie und Gender Studies an der LMU München, hat dazu eine klare Meinung. „Inhaltlich ist das natürlich Unsinn und es hat auch keiner das Recht auf gutes Aussehen, weil er sich ein Ticket gekauft hat“, sagt sie im Gespräch mit Yahoo! Finanzen. Das Gericht in Moskau urteilte ähnlich. Die Klägerin Yevgenia Magurina bekam für ihre Ausfälle eine Entschädigung von rund 300 Euro. Wobei das Gericht es explizit vermied, das Gebaren der Aeroflot als Diskriminierung zu bezeichnen.

Doch wo fängt die überhaupt an in einem Job, in dem so viel Wert auf das Äußere gelegt wird wie fast nirgendwo sonst und in dem Frauen ständig oszillieren zwischen dem Bild als ultimatives Sexsymbol und abwertenden Bezeichnungen wie Saftschubse? Dass ihnen ziemlich detailliert vorgeschrieben wird, wie sie sich zu kleiden und zu schminken haben, zieht sich ja durch alle Airlines.

Bei Emirates wird die Crew einem Make-up- und Geruchstest unterzogen

Bei Emirates, der staatlichen Fluggesellschaft Dubais, müssen alle Flugbegleiterinnen ihren Body-Mass-Index (BMI) angeben. Sie dürfen keine Fitnessarmbänder oder digitale Uhren tragen, müssen Dutt oder Flechtfrisur in ein Haarnetz packen, roten Lippenstift auftragen, Foundation, Make-up und Rouge. Dazu Wimperntusche oder Eyeliner, eines davon verpflichtend. Die Airline beschäftigt extra Leute, die die Crew vor Betreten des Flugzeugs in Augenschein nehmen und auch schon einmal nachhause schicken, wenn die Haarfärbung zu blond ausgefallen ist oder jemand künstliche Wimpern trägt. Auch das Parfüm wird einem Riechtest unterzogen.

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Bei „Bento“ berichtete eine Swiss-Stewardess, dass sie einmal nicht mitfliegen durfte, weil an ihrem Handgelenk ein Pflaster zu sehen war. Make-up und Lippenstift seien Pflicht, Mini-Zöpfe sind dunkelhäutigen Mitarbeiterinnen vorbehalten, falls sie darin einen Ausdruck ihrer Kultur sehen. Verboten sind Tattoos, Piercings und mehr als zwei Ringe pro Hand. Vorgaben zu einer Kleidergröße gebe es nicht, sagte ein Sprecher der Fluglinie: „Es kommt auf das Gesamterscheinungsbild und die Persönlichkeit an, ob es zu einer Anstellung kommt oder nicht.”

Auch ein Lufthansa-Sprecher sagte kürzlich: „Bei uns werden Mitarbeiter nicht auf Grund ihres Aussehens oder Gewichtes ausgesiebt. Es bewerben sich jedoch vergleichsweise wenige Menschen mit höherem Körpergewicht bei uns als Flugbegleiter.”

Der Beruf der Stewardess gilt als Verlängerung der Tätigkeit von Hausfrauen

Alle Flugbegleiterinnen müssten aber bestimmte Vorgaben hinsichtlich der Uniform und des Make-ups einhalten. „Wir haben anspruchsvolle Kunden und sind eine Premium-Airline. Das müssen wir in der Kabine entsprechend zeigen.“ Auch hier sind Piercings verboten, Zahnschmucksteine auch, Tattoos dürfen nicht sichtbar sein. Zudem nennt die Lufthansa auf ihrer Website folgende Anforderung an Stewardessen: „Auf Grund der Sicherheitsbestimmungen an Bord müssen wir auf die Mindestgröße von 1,60 Metern, bzw. die Maximalgröße von 1,95 Metern bestehen.“ Das Körpergewicht sollte etwas vage formuliert „angemessen“ sein. Welcher Schmuck und welcher Make-up als angemessen gilt, wird angehenden Flugbegleiterinnen in einem Ausbildungsblock mit dem Namen „Style and Smile“ vermittelt.

Doch woher kommt es denn eigentlich, dieses ganze Gewese um das Aussehen von Stewardessen? „Gerade in diesem Job hat das eine lange Tradition“, sagt die Soziologin Prof. Villa. „Der Beruf der Stewardess gehört zu jenen, die als Verlängerung der Hausfrau gesehen werden.“ Weibliche Berufe also, die Frauen im späten 19. Jahrhundert zugänglich wurden, da sie nahe mit den angeblich „natürlichen“ Fähigkeiten von Frauen verbunden schienen.

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Die bürgerliche Hausfrau und Mutter galt als von Natur aus fürsorglich, kümmernd und teamorientiert – alles Eigenschaften, die sie für Berufe wie etwa Erzieherin oder Kindergärtnerin geradezu prädestinierte. „Das ist bis heute die Textur vieler Berufe in der Dienstleistungsbranche“, sagt die Geschlechterforscherin.

Zugegeben: Manchmal sind es auch die Stewardessen selbst, die ihr sexy Image offensichtlich genießen, pflegen und befeuern. In Model-Posen präsentieren sie sich an zweifellos schönen und besonderen Orten, zu denen ihr Beruf sie führt, und pflegen wie diese Emirates-Flugbegleiterin den Traum von der glamourösen Erkundung der ganzen Welt:


Ob man die vielen Regeln und Erwartungen im Hinblick auf das Äußere von Stewardessen nun als diskriminierend bezeichnet oder nicht – eine Frage bleibt doch: Betrifft Diskriminierung im Job vor allem Frauen oder werden Männer nur anders diskriminiert?

Prof. Villa meint: „Historisch gesehen werden Frauen immer zuerst als Frauen wahrgenommen und nicht primär als Kollegin, Politikerin, Ärztin oder Anwältin. Weiblichkeit und Frausein werden anders als bei Männern historisch nicht mit Macht, Ehrgeiz, Kompetenz und Karriere zusammengebracht. Verkörpert eine Frau das, ist sie zunächst einmal suspekt. Das ändert sich aber seit Jahren.“

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Dennoch sei es nicht so, dass Männer in der Arbeitswelt nicht geschlechtlich diffamiert würden. Man sähe das an Beispielen wie dem Grünen-Politiker Anton Hofreiter und dem Spott über seine langen Haare, durch die er von einigen nicht als männlich empfunden würde. Bei Männern, die Teilzeit arbeiten oder in Elternzeit gehen und darum von Chefs und Kollegen nicht mehr für voll genommen würden. Oder bei Erziehern, denen nur aufgrund ihres Geschlechts immer wieder pädophile Neigungen unterstellt würden. Und trotzdem steht laut Prof. Villa Tages fest: „Männer werden zwar auch diskriminiert. Aber Sie kommen trotzdem schneller und öfter in Führungspositionen als ihre Kolleginnen.“

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