Warum die wirklichen Themen des Wahlkampfs keine Chance haben

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Auch das TV-Duell von Angela Merkel und Martin Schulz wurde über weite Strecken von den Themen Flüchtlinge, Terror und Erdogan bestimmt (Bild: dpa)

Flüchtlinge, Terror und Erdogan – dieser Dreiklang dominiert die Debatten vorm großen Urnengang. Echt jetzt? Was sind wir für ein glückliches Land…

Ein Kommentar von Jan Rübel

Wir können den nach Deutschland Geflüchteten reichlich dankbar sein, sie tun so viel für unser Land. Besonders: unsere Ängste kanalisieren. Das ist eine wahre Leistung.

Ich frage mich, wie sie das hinkriegen. Kaum sind sie den Schlauchbooten entstiegen, jagen sie, gefährlich um die Ecke schlurfend, dem Deutschen an und für sich einen ordentlichen Schrecken ein; zumindest manchem Journalisten.

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Wenn Journalisten dieser Tage auf Politiker treffen, dann gehen sie ihre Checkliste durch. Leider ist die erstaunlich kurz, drei Punkte stehen auf dem Papier: Flüchtlinge, Terror und Erdogan, ein nachdenklicher Moll-Akkord. Ausgiebig, nahezu ausschließlich wird er besungen. Und die Politiker machen mit, obwohl sie in ihrem Repertoire eigentlich ganze Sinfonien haben; von der bewusst einsilbigen AfD mal abgesehen. Warum dieses Theater?

Was man so alles sieht und riecht und was nicht

Ich gehe auf die Straße und grüße früh morgens die Nachbarskinder, sie müssen zur neuen Schule sehr weit fahren. Mein Heimatbezirk hat nicht begreifen wollen, dass Schüler Schulen brauchen, da wurde nichts investiert, nur gespart. Ich sehe den Mann von gegenüber, er ist seit langem arbeitslos. Warum geht es bei ihm nicht weiter – selbst schuld, keine gute Begleitung, fehlende Qualifikation? Ich laufe weiter und halte mir im Berufsverkehr wegen der Abgase die Nase zu. Aus der Kanalisation stinkt es nach maroder Infrastruktur, und das Internet war heute Morgen halb so schnell wie in Ostafrika.

Probleme gäbe es viele, drückende auch. Aber wir reden nur über „Flüchtlinge, Terror und Erdogan“, und mich beschleicht das ungute Gefühl, viele Wörter machen sich breit aus vorauseilendem Gehorsam – wem gegenüber? Eine Legende in unserem Land ist ja, dass man angeblich über die Geflüchteten nicht reden darf, dass all die Probleme, die mit ihrer Einwanderung entstanden sind, von den Medien nahezu kartellartig beschwiegen würden. Wie derzeit zu beobachten ist, ist das schlicht gelogen. Wir reden wir über kaum anderes. Dass im Gegenzug über die Chancen und Vorzüge der neuen Mitbürger für unser Land kaum gesprochen wird, überrascht dann kaum.

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Ich versuche es mal kühn in einem Absatz. Geflüchtete: Die gute Arbeit zur Integrierung muss fortgesetzt werden, mit intensiverer Begleitung. Die gestiegene Gewaltkriminalität unter ihnen muss bekämpft werden – da sie meist in den Massenunterkünften stattfindet, müssen diese bald alle aufgelöst sein. Und die Intensivtäter aus Nordafrika und Subsahara, die den Löwenanteil an dieser Kriminalität stellen, müssen noch intensiver begleitet werden. Terrorismus: Darum kümmern sich schon die Sicherheitsbehörden. Erdogan: Der steht, gottlob, hier nicht zur Wahl. Geht doch.

Unbequemes packen wir in den Schrank

Sind wir also im Grunde ein glückliches Land, weil unsere meistbesprochenen Probleme die abstraktesten und am weitesten entfernten sind? Vielleicht schon. Es ist ja nicht so, dass wir am Hungertuch nagen. Aber ein Thema hätte ich schon, über das ich gern mehr redete: Warum diskutieren die Politiker mit den Journalisten oder in den Bierzelten eigentlich nicht über jenen Gerichtsprozess in München – wo mutmaßliche Mitglieder einer faschistischen Terrorzelle angeklagt sind? Die für eine Mordserie in Deutschland verantwortlich ist und über deren Vernetzung quer durchs Land und vielleicht auch in Behörden hinein kaum etwas nach außen dringt? Weil zu wenige nachfragen? Wir beschäftigen uns doch so gern mit Terror: Wie wäre es einmal mit dem braunen?

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Im Übrigen leben wir doch in einem gesegneten Land, in dem die beiden aussichtsreichen Spitzenkandidaten für das Kanzleramt, unabhängig von ihrer politischen Couleur, anständige Menschen zu sein scheinen, denen man halbwegs trauen kann.

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