Warum die Wahlprognosen bei Trump (wieder) daneben lagen

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Es ist mittlerweile Donnerstag und wir wissen immer noch nicht sicher, wer der nächste US-Präsident sein wird. Das liegt daran, dass die Stimmen wie erwartet in entscheidenden Staaten wie Michigan, Pennsylvania, Nevada, Arizona und Georgia noch nicht fertig ausgezählt sind.

Aber eines steht fest: Die Meinungsforscher haben selbst jetzt systematisch unterschätzt, wie viele Amerikaner immer noch hinter Präsident Trump stehen. Und bei dieser Wahl verschätzten sie sich sogar noch mehr als 2016. Und auch Yahoo News war da keine Ausnahme. Unsere YouGov-Umfrage endete mit der Prognose, dass der Demokrat Biden mit 10 Punkten vorne liegen würde.

Selbst wenn Trump sich nicht gegen Biden durchsetzen kann, hat er die Wahlprognosen dennoch weitgehend geschlagen.

Die Frage ist nun, warum sich fast alle verschätzt haben.

Der 2020-Wahlirrtum „ähnelt sehr dem Muster des Irrtums von 2016, es scheint also wirklich, als ob etwas nicht stimme”, so G. Elliott Morris, ein Datenjournalist, der für die Wahlvorhersagen des Economist verantwortlich ist. In seinem „Science of Politics”-Podcast sagte er: „Das sind nicht nur zwei zufällige Fehler bei den Prognosen.”

Präsident Trump bei einer Party in der Wahlnacht im East Room des Weißen Hauses. (Al Drago/Bloomberg über Getty Images)
Präsident Trump bei einer Party in der Wahlnacht im East Room des Weißen Hauses. (Al Drago/Bloomberg über Getty Images)

Besonders im Rust Belt („Rostgürtel”) waren die Ergebnisse nicht ansatzweise nahe an den Vorhersagen:

  • In Michigan zeigten in diesem Jahr die Prognosen von FiveThirtyEight (die umfassendsten und vorsichtigsten Vorhersagen in dem Gebiet) Biden durchschnittlich mit 7,9 Prozentpunkten vorne liegen. Das Rennen wird jetzt mit weniger als 2 Punkten entschieden. Vor vier Jahren führte Hillary Clinton in Michigan vor den Wahlen mit durchschnittlich 4 Punkten. Sie verlor allerdings mit einem Viertelpunkt. Das bedeutet, dass die diesjährigen Umfragen in Michigan um 6 oder 7 Punkte daneben lagen - und um etwa 2 oder 3 Punkte weniger genau waren als die von 2016.

  • In Wisconsin sah der Umfragedurchschnitt Biden mit 8,4 Prozentpunkten vorne liegen. Jetzt wird er hier wahrscheinlich mit weniger als einem Punkt gewinnen. Vor vier Jahren führte Clinton in Wisconsin vor dem Wahltag mit einem Durschnitt von 5 Punkten. Sie verlor schließlich mit weniger als einem Punkt gegen Trump. Das bedeutet, dass die diesjährigen Umfragen in Wisconsin um 8 Punkte daneben lagen – und um etwa 2 Punkte weniger genau waren als die von 2016.

  • In Ohio zeigten die Endprognosen in diesem Jahr Trump mit 0,8 Prozentpunkten vorne. Er ist aber gerade auf dem Weg, mit mehr als 8 Punkten zu gewinnen. Vor vier Jahren führte Trump vor dem Wahltag mit 2 Punkten. Er gewann mit 8. Das bedeutet, dass die diesjährigen Umfragen in Ohio um 7 Punkte daneben lagen – und um etwa 1 Punkt weniger genau waren als die von 2016.

  • Und in Iowa zeigte der Umfragedurchschnitt Trump mit 1,3 Punkten vorne. Er ist gerade auf dem Weg, mit etwa 7 Punkten zu gewinnen. Vor vier Jahren lag Trump in Iowa vor dem Wahltag mit durchschnittlich 3,4 Punkten vorne. Er gewann letztendlich mit 8. Das bedeutet, dass die diesjährigen Umfragen in Iowa um fast 6 Punkte daneben lagen – und damit genauso falsch waren wie 2016.

Und die Liste ist damit noch nicht beendet.

Bürger beim Wählen in Flint, Michigan am Dienstag. (Seth Herald/AFP über Getty Images)
Bürger beim Wählen in Flint, Michigan am Dienstag. (Seth Herald/AFP über Getty Images)
  • In Florida führte Biden in den Abschlussprognosen im Durchschnitt mit 2,5 Punkten. Es sieht so aus, als würde er wegen eines 6-Punkte-Umfrageirrtums um etwa 3,5 Punkte verlieren.

  • In Nevada führte Biden im Endergebnis mit 5,3 Punkten vor Trump. Es sieht so aus, als ob die Ergebnisse extrem nahe beieinander liegen werden, sodass die Umfragen mit etwa 5 Punkten daneben lagen.

  • In Texas führte Trump mit 1,1 Punkten im Endwahldurchschnitt. Es sieht so aus, als würde er mit 6 Punkten gewinnen, was einem weiteren Irrtum von 5 Punkten in den Umfragen gleichkommt.

In Pennsylvania führte Biden im Endwahldurchschnitt mit 4,7 Punkten. Das Ergebnis wird sich wahrscheinlich um einige Punkte verschlechtern, wenn alle Stimmen ausgezählt sind.

Selbst die nationalen Umfragen scheinen dieses Mal daneben gelegen zu haben. 2016 führte Clinton in der Endwahlumfrage mit 3 bis 4 Punkten, je nachdem, welchen Durchschnitt man sich angesehen hat. Am Ende gewann sie die nationale Volksabstimmung mit 2,1 Punkten, sodass die Umfragen damals gar nicht so weit auseinander lagen.

Allerdings zeigte der Durchschnitt der Volksbefragung von FiveThirtyEight in diesem Jahr Biden sehr viel weiter vorne als Clinton - nämlich mit 8,4 Punkten. Wie seine demokratische Vorgängerin wird der ehemalige Vizepräsident die Volksabstimmung in den großen blauen Staaten wie Kalifornien, New York, New Jersey, Maryland, Massachusetts und Illinois gewinnen, wenn die mehr als 10 Mio. noch ausstehenden Stimmen ausgezählt sind. Es gibt eine Schätzung, dass Biden, der aktuell mit 3 Mio. Stimmen an der Spitze liegt, mit etwa 5 bis 7 Mio. gewinnen wird – das sind etwa doppelt so viele Stimmen wie Clinton 2016 erhalten hat.

Joe Biden bei einer Rede in Wilmington, Delaware, am Mittwoch. (Jim Watson/AFP über Getty Images)
Joe Biden bei einer Rede in Wilmington, Delaware, am Mittwoch. (Jim Watson/AFP über Getty Images)

Aber angesichts der diesjährigen historischen Wahlbeteiligung auf beiden Seiten würde das einem Abstand von nur 3 bis 5 Prozentpunkten entsprechen. Mit anderen Worten: Die nationalen Umfragen könnten dieses Jahr um etwa doppelt so viel daneben liegen wie 2016, wenn die Schätzungen Bestand haben.

Yahoo News gehörte zu den Medienorganisationen, deren nationale Zahlen Bidens Vorsprung wahrscheinlich überschätzten. Wir haben uns in diesem Zyklus bereits früh mit YouGov zusammengetan, und das Unternehmen beauftragt, für uns regelmäßige nationale Meinungsumfragen zu den Themen Politik, Coronavirus und den Schlagzeilen der Woche durchzuführen. In diesen Umfragen war der geringste Vorsprung, den YouGov jemals feststellen konnte, ein Sieg Bidens mit 5 Punkten. YouGovs Endumfrage für Yahoo News zeigte Biden gegenüber Trump mit 53 % zu 43 % in Führung.

Zu der Zeit haben wir geschrieben, dass ein 10-Punkte-Sieg für Biden „wenig sicher ist. Aber wenn man sich die Größe und Stabilität von Bidens nationalem Vorsprung, das Ausmaß seiner Führung in den Schlüsselstaaten und die sehr hohe Zahl von Amerikanern ansieht, die bereits gewählt haben, wird sich der Präsident nur dann eine zweite Amtszeit sichern können, wenn die Prognosen seine Anhänger sehr viel mehr als 2016 unterschätzen, als sie national mit 1 Punkt und in Michigan, Wisconsin und Pennsylvania mit jeweils 4 Punkten daneben lagen.”

Und genau das passierte am Wahltag – abgesehen von dem Teil, dass Trump sich eine zweite Amtszeit sichern kann, wofür er sich mit dem Wahlmännergremium einen harten Kampf liefern muss. Aufgrund ähnlicher Irrtümer sind die Demokraten auch bei mehr Senats- und Parlamentswahlen im Rückstand als erwartet.

Egal wer letztendlich den Kampf ums Weiße Haus gewinnt, in den Tagen vor der Entscheidung fragen sich viele, warum die Prognosen von 2020 sogar noch weiter daneben lagen als die von 2016. Momentan lautet die Antwort: „Wir wissen es nicht.”

Umfrageirrtümer kommen häufig vor, tatsächlich bei den meisten Wahlen. Aber sie sind in der Regel eher zufällig und ändern ihre Richtung von Zyklus zu Zyklus. Klar hatten die Umfragen Trump in den Swing States 2016 mit etwa 4 Punkten unterschätzt. Aber vier Jahre zuvor, 2012, hatten sie Barack Obama schon mit derselben Menge unterschätzt.

Ein Gast bei einer Wahlparty der Republikaner in Austin, Texas. (Sergio Flores/AFP über Getty Images)
Ein Gast bei einer Wahlparty der Republikaner in Austin, Texas. (Sergio Flores/AFP über Getty Images)

Ein Grund dafür, dass dies passiert, ist, dass die Methoden bei Umfragen immer wieder angepasst werden, damit sich Fehler nicht wiederholen. Von 2016 bis 2020 sollte zum Beispiel sichergestellt werden, dass weiße Wähler ohne College-Abschluss (eine Bevölkerungsschicht, die schwer zu erreichen, aber für Trump überproportional vertreten ist) mehr bei den Umfragen berücksichtigt werden. Das Defizit sollte so behoben werden.

Aber die besorgniserregende Sache in diesem Jahr ist nicht, dass die Prognosen wieder daneben lagen, sondern, dass sie wieder an genau denselben Orten daneben lagen wie bereits 2016. Und dieses Mal lagen sie sogar noch weiter daneben. Das lässt darauf schließen, dass sich das, was bereits 2016 im Argen lag, in den letzten vier Jahren nur noch verschlimmert hat. Das „Gewichten nach Bildungsstand” oder andere Anpassungen bei den Methoden kann das nicht beheben.

Stattdessen sind die Probleme, die verursacht haben, dass die Meinungsforscher Trumps Rückhalt so drastisch unterschätzt haben, mit großer Wahrscheinlichkeit ernster. Die Ergebnisse 2018 waren sehr exakt, als Trump nicht auf dem Wahlzettel stand. Und in Staaten wie Arizona sieht es so aus, als ob die Meinungsforscher die Demokraten tatsächlich unterschätzt haben.

Aber diese Ausnahmen bestätigen die Regel. Bei zwei aufeinanderfolgenden Wahlen hat Trump am Wahltag sehr viel mehr Unterstützung für sich verbuchen können, als es die Prognosen vorhergesagt hatten. Und trotz der besten Mühen der besten Meinungsforscher in der Branche, das Wahlergebnis präziser vorauszusagen, scheinen sie weniger präzise geworden zu sein.

Es ist daher an der Zeit, die Ursache - oder noch wahrscheinlicher die Ursachen - dieses Irrtums anzugehen. Frühe Theorien gibt es im Überfluss. Während der „Science of Politics”-Nachbetrachtung am Mittwoch zogen Morris und Moderator Matt Grossman (Politikwissenschaftler an der Michigan State Universität) diverse Möglichkeiten in Betracht.

In Südflorida haben die Meinungsforscher übersehen, dass mittlerweile sehr viel mehr kubanische Amerikaner auf der Seite Trumps stehen. Sie sind zum großen Teil für seinen Wahlsieg in dem Bundesstaat verantwortlich. Auch in den hispanischen Bezirken im Süden von Texas gab es eine Verschiebung zugunsten Trumps.

In den nördlichen Wahlkampfgebieten scheinen die Prognosen hingegen bei Bidens Verbesserung bei weißen Wählern mit College-Abschluss in den Vororten richtig gelegen zu haben. Allerdings haben sie dramatisch die Beliebtheit des Demokraten bei den weißen Wählern ohne College-Abschluss überschätzt, die die Meinungsforscher bereits 2016 überrascht hatte.

Wähler in einem Wahllokal in Manchester, New Hampshire am Dienstag. (Jodi Hilton/NurPhoto über Getty Images)
Wähler in einem Wahllokal in Manchester, New Hampshire am Dienstag. (Jodi Hilton/NurPhoto über Getty Images)

Forscher haben die Theorie „zurückhaltender Trump-Wähler”, die in Umfragen nicht die Wahrheit sagen, sondern eher angeben, dass sie unentschlossen sind oder für jemand anderes stimmen, obwohl sie in Wirklichkeit für Trump sind, weitgehend verworfen. Es ist allerdings möglich, wie Grossman und Morris spekulieren, dass weiße Trump-Anhänger ohne College-Abschluss weniger bereit dazu sind, ans Telefon zu gehen oder an Umfragen teilzunehmen als weiße Biden-Anhänger ohne College-Abschluss.

Warum? Trump-Anhänger haben weniger Vertrauen in die Gesellschaft, d. h. weniger „Vertrauen in andere Menschen oder Institutionen”, wie Morris es ausdrückt. Es kann sein, dass die Teilnahme an Umfragen an sich durch Trumps „Fake News”-Mantra politisiert wurde. Bei einer Beteiligungsquote von nur 4 Prozent kann das die Ergebnisse an Orten wie dem Rust Belt oder Texas zugunsten von Biden verfälschen.

Eine ähnliche Dynamik hat es wahrscheinlich auch so aussehen lassen, als hätten mehr Republikaner das Lager von Trump zu Biden gewechselt, als es im Endeffekt der Fall war. Auch das kann den Grund haben, dass Republikaner, die auf Trumps Seite sind, seltener an Umfragen teilnehmen als Unterstützer Bidens.

Andere mögliche Gründe für den Riesenirrtum von 2020 liegen möglicherweise auch außerhalb jedermanns Kontrolle. Es ist unwahrscheinlich, dass späte Wähler, die sich erst in der Woche vor der Wahl entschieden hatten, für diese Abweichung verantwortlich sind, obwohl sie bei Umfragen nach dem Wählen zu 14 Prozentpunkten für Trump gestimmt hatten. Es gab von ihnen in diesem Jahr einfach nicht genug: Sie machten nur 4 oder 5 Prozent der Gesamtwählerschaft aus, während es 2016 14 % waren. Dass Trump am Wahltag besser dastand, lässt sich damit also nicht erklären.

Ein plausiblerer Grund ist laut Morris, dass es aufgrund der Pandemie eine hohe Anzahl von Stimmen per Briefwahl gab und dass diese etwas später eingegangen sind, nicht angenommen oder nicht zurückgesandt wurden. Wenn sehr viele Menschen bei den Umfragen angeben, dass sie per Briefwahl gestimmt haben, aber diese „wahrscheinliche Stimme” dann am Wahltag aus irgendeinem Grund nicht gezählt wird, kann es die Kluft zwischen Prognosen und den tatsächlichen Ergebnissen weiter vertiefen.

In den nächsten Jahren werden sich Politikwissenschaftler und Meinungsforscher eingehend mit diesen Problemen befassen und wahrscheinlich neue Ansätze finden, um sie zu lösen. Aber nachdem vorhergesagt wurde, dass Biden die Wahl mit erdrutschartigem Erfolg gewinnen wird – und man dann mitansehen muss, wie Trump die Prognosen in einem Staat nach dem anderen (und das noch mehr als 2016) widerlegt – kann es sein, dass ein Großteil der Bevölkerung in Zukunft einfach nicht mehr an politischen Umfragen teilnehmen wird.

Es gibt „systematische Probleme, die seit 2016 nicht gelöst worden sind und dieses Mal scheinen sie sogar noch größer geworden zu sein”, so Morris. „Es ist ziemlich verstörend, wenn man ein Meinungsforscher ist – besonders wenn man die letzten vier Jahre damit verbracht hat, darüber nachzugrübeln, warum die Prognosen Trumps Anhängerschaft unterschätzt haben. Es liegt also noch sehr viel Denkarbeit vor ihnen.“

Andrew Romano