Warren Buffett kauft TUI-Aktien? Eher nicht!

Caio Reimertshofer, Motley Fool beitragender Investmentanalyst
·Lesedauer: 4 Min.

Erst vor Kurzem ist mir in meinem Newsfeed ein Artikel ins Auge gestochen. Darin behauptet ein Analyst eines bekannten deutschen Aktienmagazins, die Aktie von TUI (WKN: TUAG00) könnte für einen langfristigen Anleger wie Warren Buffett passend sein. Auf diese Behauptung möchte ich nachfolgend eingehen und dagegenhalten.

Ich denke nicht, dass Warren Buffett sich ausgerechnet die TUI ins Depot legt. Darauf möchte ich gleich genauer eingehen. Denn als Privatanleger sollte man bei der TUI-Aktie meiner Meinung nach aus verschiedenen Gründen nicht blind auf eine lukrative Turnaround-Chance hoffen.

Warren Buffett kauft Aktien von TUI?

Anlässlich eines möglichen „geheimen Deals“ von Berkshire Hathaway, Warren Buffetts Beteiligungsgesellschaft, wird in dem besagten Artikel eine Brücke zu einer möglichen Investition in die TUI-Aktie gebaut. Gemäß dem Analysten würde eine Investition in die TUI-Aktie Sinn machen, da Warren Buffett für gewöhnlich sehr langfristig investiert. Gegenwärtig ist TUI als Tourismuskonzern arg gebeutelt, keine Frage. Die Möglichkeit, dass eine attraktive Contrarian-Chance hier lauern könnte, ist nicht abzustreiten. So weit der Grundgedanke.

Weiter wird argumentiert, dass nun mögliche Impfstoffe gegen das Coronavirus vorhanden sind und somit eine mittelfristige Erholung des Tourismus zu erwarten ist. Als Marktführer – als Marktanteil wird hier ein Wert von 18 % genannt – würde TUI überproportional profitieren. Die Tatsache, dass kleinere Reiseveranstalter bereits in die Insolvenz abgedriftet sind beziehungsweise noch könnten, stärkt diese Annahme. Abschließend wird betont, dass TUI durch die staatliche Hilfe die Krise überleben und somit dadurch gestärkt werden könnte.

Der Grundgedanke ist für mich durchaus nachvollziehbar, doch ist er mir zu einfach gestrickt. In diesem doch sehr positiv ausgerichteten Fazit des Analysten wird nicht darauf eingegangen, wie es finanziell um die TUI bestellt ist. Ob der Branchenprimus daher langfristig Wert für Aktionäre schaffen kann, ist zweifelhaft.

TUI steht vor vielen Problemen

Gerade die Größe der TUI, die mitunter die Marktführerschaft ausmacht, kommt dem Unternehmen in der Coronakrise sehr ungelegen. Die vertikale Integration, die in prosperierenden Tagen viele Vorteile hat, kehrt sich gegenwärtig massiv gegen den Konzern um. Die Lage bei sehr vielen touristischen Unternehmen scheint schlimm zu sein, allerdings scheint sie bei TUI mitunter am schlimmsten zu sein.

Der Branchenprimus hat bereits mehrere Staatshilfen in Milliardenhöhe erhalten und benötigt jüngsten Medienberichten zufolge wohl noch eine Finanzspritze vom Staat. Bereits vor der Coronakrise war die Bilanz der Hannoveraner keine Augenweide. Für das abgelaufene Geschäftsjahr 2019 wurden etwas mehr als 12 Mrd. Euro an Verbindlichkeiten bilanziert – circa 7,4 Mrd. Euro davon kurzfristiger Natur. Schon zu diesem Zeitpunkt bestand die Liquidität des Tourismuskonzerns nur aus etwa 1,5 Mrd. Euro.

Wie wir auch aus dem Debakel der Lufthansa-Staatshilfe wissen, werden keine Steuergelder verschenkt. TUI muss diese Schulden im Laufe der Jahre begleichen. Zudem ist kaum ausgeschlossen, dass TUI neue Aktien für Kapitalerhöhungen ausgeben wird. Mehr ausstehende Aktien bedeutet mehr Verwässerung für bestehende Aktionäre.

Über die Schulden hinaus

Wenn man sich die Höhe der Umsätze der letzten Jahre ansieht und es mit den Nettogewinnen vergleicht, stellt man fest, dass die Gewinnmarge der TUI nicht wirklich rosig ist. Und das, obwohl TUI Marktführer ist. Der freie Cashflow der TUI lag in den vergangenen fünf Jahren durchschnittlich bei etwa 232 Mio. Euro pro Jahr. Man darf nur hoffen, dass dieser Betrag in Zukunft wesentlich höher ausfallen wird, sonst könnte es schwierig werden, die angehäuften Schulden möglichst bald zu begleichen.

Darüber hinaus sieht sich die TUI mit strukturellen Problemen konfrontiert. Das Unternehmen hat in den letzten Jahren keine echten Werte geschaffen und die Digitalisierung erst verspätet angegriffen (und gewissermaßen unter Zugzwang). Das spiegelt sich unter anderem auch darin wider, dass die TUI mitunter am schlechtesten bei der Abwicklung von der Rückzahlung von Kundengeldern abschneidet. In Fachkreisen beklagen sich viele Reisebüros über die dürftige Kooperationsbereitschaft von TUI. Auch wirkte der Branchenprimus über weite Teile der Krise massiv überfordert.

Foolishes Fazit

Nach diesen Ausführungen frage ich mich also, weshalb ausgerechnet der Altmeister Warren Buffett in ein Unternehmen investieren sollte, das sehr auf Schulden angewiesen ist und keinen echten Burggraben besitzt. Einzig allein die Größe halte ich nicht für ausreichend, um einen Wettbewerbsvorteil zu begründen. Es gibt auch andere Reiseunternehmen, die wesentlich organisierter durch die Krise gekommen sind und vermutlich daher die wahren Profiteure der Krise sein werden. Ich persönlich setze lieber auf die Aktie von Holidaycheck.

Wer ein glückliches Händchen bewiesen hat und zu einem Tiefstkurs bei TUI eingestiegen ist, könnte sich tatsächlich über eine lukrative kurzfristige Rendite freuen, wenn TUI die Krise überlebt. Als langfristige oder gar marktschlagende Investition würde ich die TUI-Aktie allerdings nicht bezeichnen. Daher glaube ich auch nicht, dass Warren Buffett sich das Unternehmen ins Depot legen möchte.

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Caio Reimertshofer besitzt Aktien von Berkshire Hathaway (B-Aktien) und Holidaycheck. The Motley Fool besitzt und empfiehlt Aktien von Berkshire Hathaway (B-Aktien) und empfiehlt die folgenden Optionen: Long January 2021 $200 Call auf Berkshire Hathaway (B-Aktien), Short January 2021 $200 Put auf Berkshire Hathaway (B-Aktien) und Short December 2020 $210 Call auf Berkshire Hathaway (B-Aktien).

Motley Fool Deutschland 2020