Warren Buffett 2.0


Die Investmentgesellschaft Social Capital Hedosophia (SCH) will ihrem Börsenprospekt zufolge ein Sammelbecken für nicht börsennotierte Technologie-Unternehmen werden, das der legendären Holding-Gesellschaft aus Omaha ähnelt. Im Zuge des eigenen Börsengangs will SCH 500 Millionen Dollar an Aktien ausgeben und diese dann an der New Yorker Stock Exchange notieren. Der Clou dabei: Der Gründer will damit auch Wall-Street-Giganten wie Morgan Stanley oder JP Morgan attackieren. Sie und die von ihnen bevorzugten Anleger fahren bei erfolgreichen Börsengängen immer als erste die Gewinne ein.

Der Konzern bezeichnet sich selber als „blank-check company“, also als Unternehmen ohne eigenen Geschäftsplan oder Betrieb. SCH ist also nur dazu da, um mit anderen zu fusionieren, oder andere ganz oder teilweise zu kaufen. Das ist nicht unbedingt ein positives Herausstellungsmerkmal. Die US-Börsenaufsicht warnt davor, dass solche Unternehmen oft „penny stocks“ und hoch spekulativ sind. Deshalb werden besonders hohe Anforderungen gestellt.

Tatsächlich sammelt Chef und Risikokapitalanleger Chamath Palihapitiya nicht wie Buffett börsennotierte und seiner Meinung nach unterbewertete Unternehmen ein, sondern der frühere Facebook-Manager setzt auf sogenannte „Unicorns“ (Einhörner), die Fabeltiere der Silicon-Valley-Industrie, milliardenschwer bewertete Start-ups mit oder ohne Gewinn (na gut, meistens ohne), die eigentlich an die Börse gehen müssten. Zum Beispiel, weil sie neues Geld brauchen, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Wie das ausgehen kann, kann man gut an den Konzernen Snap und Blue Apron sehen. Beide Neulinge sind mittlerweile mit ihren Aktienkursen tief unter Wasser.


„Unsere Mission ist die Schaffung einer Alternative zum klassischen Börsengang für agile und disruptive Technologiefirmen, damit sie ihre langfristigen Ziele erreichen und Schlüsselprobleme eines IPO vermeiden können“, heißt es im Börsenprospekt. Also weg mit Quartalsergebnissen und frechen Aktionären oder Analysten, die vielleicht sogar noch Rechenschaft oder Gewinne erwarten. Zuerst ließen sich Gründer wie Sergey Brin, Larry Page, Mark Zuckerberg oder Evan Spiegel die Unantastbarkeit beim Börsengang zusichern, jetzt soll der Börsengang komplett wegfallen.

Die Chancen (und Risiken) sollen ohne Umwege über Wall-Street-Banken dann an die Privatanleger weitergegeben werden. Das Umfeld ist für den Börsenneuling günstig. Über 150 solcher „Unicorns“ soll es derzeit geben, von kleinen Milliardären wie Box oder Monstern wie Uber mit einer Bewertung von angeblich 70 Milliarden Dollar.

Viele davon wollen eigentlich noch gar nicht an die Börse, sondern wie gewohnt weiterarbeiten – und das Geld der Risikokapitalgeber verbrennen. Geld ist genug da, es fliegt im Valley herum wie Konfetti. Nur die Börsengänge werden immer seltener. Was nichts ausmacht, wenn sich die Anleger bei SCH beteiligen und profitieren können.


Das goldene Händchen des Warren Buffett

Aber, wie gesagt, mit dieser Strategie können Konzerne, wie das Beispiel Snap zeigt, schnell scheitern. Vergreift sich Palihapitiya bei der Auswahl, ist der Katzenjammer groß. Sozusagen als vertrauensbildende Maßnahme hat er deshalb zwei bekannte Valley-Größen engagiert. Da wären Ex-Skype-Chef Tony Bates und Adam Bain, früherer COO von Twitter. Palihapitiya selber hat sich als Investor in Firmen wie Box, Palantir Pure Storage oder Slack einen Namen gemacht. Ohne das Vertrauen der Investoren gibt es für die im Steuerparadies Cayman Islands angesiedelte Firma kein Geld.


Im September will die Gruppe angeblich auf Investorensuche gehen und das Startkapital für eine oder mehrere Minderheitsbeteiligungen einsammeln. Pro Aktie ist ein Nennwert von zehn Dollar angesetzt, und die Frage ist, ob Palihapitiya tatsächlich das goldene Händchen des Warren Buffett geerbt hat.

Nach 50 Jahren konstanter Erfolgsgeschichte kostet eine Aktie von Berkshire Hathaway heute 268.036 Dollar. Und Buffett selber gibt einen Hinweis, dass sein Nachfolger aus dem Valley kommen könnte. Sein größter Investitionsfehler in all den Jahren sei es gewesen, niemals Google-Aktien gekauft zu haben, räumt er heute ein. Und das kommende Google will Palihapitiya jetzt finden und kaufen. Good luck!

Immer dienstags schreiben Britta Weddeling und Axel Postinett, Korrespondenten des Handelsblatts im Silicon Valley, über neue Trends und den digitalen Zeitgeist im Tal der Nerds.