„Ich war Russlands schlimmster Albtraum, aber Russland sollte bei diesem Treffen dabei sein“

Der G7-Gipfel wird ohne einen der wichtigsten Akteure enden. US-Präsident Donald Trump entschied noch vor seiner Ankunft beim Gipfeltreffen in Kanada, dass er am Samstag noch vor Abschluss der Beratungen nach Singapur fliegen wird. Gegen 10.30 Uhr (16.30 Uhr MESZ) werde er von Quebec abreisen, sagte eine Sprecherin des Weißen Hauses.

In Singapur steht das historische Treffen mit dem nordkoreanischen Staatschef Kim Jong Un auf dem Programm. Die vorzeitige Abreise ist nur eine von mehreren Brüskierungen der G7-Partner. Der Entscheidung vorausgegangen war bereits ein heftiger Schlagabtausch zwischen Trump und anderen Gipfelteilnehmern.

Auf den Streit über die Handelszölle folgte am Freitag die nächste Provokation: Völlig überraschend sprach sich Trump für die Rückkehr Russlands in die Gruppe führender Wirtschaftsmächte aus. „Russland sollte am Verhandlungstisch sitzen“, sagte er vor seinem Abflug nach Kanada in Washington und fügte an die Adresse der anderen Mitglieder hinzu: „Sie haben Russland rausgeworfen, sie sollten Russland auch wieder hineinlassen.“

2014 war Moskau wegen der Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim ausgeschlossen worden. Weil der Status der Krim unverändert ist, war eine Rückkehr Russlands innerhalb der G7 bisher kein Thema.

Der italienische Ministerpräsident Guiseppe Conte schloss sich dem Vorschlag umgehend an. „Das ist im Interesse aller“, schrieb er auf Twitter. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist dagegen, Moskau äußerte sich zurückhaltend.

Deutliche Ablehnung äußerte EU-Ratspräsident Donald Tusk: Die 7 sei eine gute Zahl, sagte er. Zudem habe Russland bereits deutlich gemacht, dass es nicht so an dem Format interessiert sei wie andere Partner.


Trump sagte, die Aufgabe sei es, die Welt zu organisieren. Dazu werde Russland gebraucht. „Ich war Russlands schlimmster Albtraum, aber Russland sollte bei diesem Treffen dabei sein“, betonte der US-Präsident.

Für Spannung ist also gesorgt. Das „Familienfoto“, zu dem sich alle Gipfelteilnehmer traditionell zusammenfinden, ist nach einem Arbeitsmittagessen und einer ersten Gesprächsrunde über Wirtschaft und Handel für Freitagnachmittag geplant. Dieser Termin ist meist Gelegenheit für freundliche Gesten und offenkundige Nettigkeiten. „In diesem Jahr wird es nicht so viel Lächeln geben“, prognostizierte die „New York Times“.

Trump erstmals als Präsident in Kanada

Dass es ausschließlich Termingründe sind, die Trump zur früheren Abreise bewegen, bezweifeln Beobachter. Nach Berichten aus Washington ist der US-Präsident über die heftige Kritik seiner G7-Kollegen verärgert. Er erklärte zwar in Tweets, dass er in La Malbaie hart auftreten werde. Dies beendete aber bis zuletzt nicht Spekulationen, dass Trump möglicherweise überhaupt nicht nach Kanada reisen werde. Trump hat bisher als Präsident Kanada noch nicht besucht.


Gastgeber Justin Trudeau und der französische Präsident Emmanuel Macron hatten unmittelbar vor dem Gipfel in der kanadischen Hauptstadt Ottawa nochmals ihre Kritik an den US-Strafzöllen bekräftigt. Dies wiederum hatte Trump zu einem Tweet gegen Trudeau und Macron veranlasst, in dem er Kanada und der EU unfaire Handelspraktiken vorwarf.

Unklar war bis zuletzt, in welcher Form ein Kommuniqué am Ende des Treffens die Ergebnisse und Beschlüsse zusammenfassen wird. Solche Kommuniqués werden normalerweise von langer Hand vorbereitet. Ob dies jetzt überhaupt möglich war, ist nicht bekannt. Möglicherweise werde es nur eine Stellungnahme von Gastgeber Trudeau geben, hieß es in Quebec.

Macron erklärte am Donnerstag, ebenfalls per Tweet, dass es dem US-Präsidenten möglicherweise nichts ausmache, isoliert zu sein, „aber uns macht es nichts aus, eine Sechs-Länder-Vereinbarung zu unterzeichnen, wenn es sein muss“. Auf der Agenda steht die Verabschiedung mehrerer Dokumente zu Wirtschaftswachstum, Frauenförderung sowie Klima- und Ozeanschutz.

Kritik an Trump

Die langfristigen Folgen für die G7 und die transatlantischen Beziehungen, die diese Konfrontation erzeugen kann, sind noch nicht abzusehen. Cliff Kupchan, ein US-Politikanalyst, sprach in der „New York Times“ von einer „frostigen Dynamik“, die der Gipfel bringen könne.

Dan Price, ein früherer Berater von US-Präsident George W. Bush, sagte ebenfalls der „Times“, „die Isolation unserer G7-Alliierten unterminiert die Fähigkeit der USA, mit ihnen zusammenzuarbeiten und die wirklichen Herausforderungen, die Russland, China oder der Nahe Osten bringen, anzugehen“.

Mit Agenturmaterial.