Was ich von den Arbeitslosen der reichsten Gemeinde Deutschlands gelernt habe

Amelie Graen
Schön ist es: Starnberg am Rand der Alpen

Leere Gesichter starren vor sich hin, Kindergeschrei erfüllt den Raum. Dann ein Gong. “23!”, ruft eine Frauenstimme. Der Mann neben mir blickt müde unter seiner Kappe mit Mercedes-Benz-Schriftzug auf, lässt den Kopf dann wieder sinken.

“23 gibt’s nicht mehr!”, ruft jemand. “Okay.” Der nächste Gong.

“24!”

 Ein vielleicht 40-jähriger Mann steht auf und schlurft zum Schalter.

“Haben Sie einen Ausweis?”

“Ja, freilich.”

“Sie haben kein Geld bekommen?”

“Genau.”

“Haben Sie alles eingereicht?”

“Ja, natürlich. Ich brauche jetzt dringend Geld.”

Ich bin im Jobcenter in Starnberg, der reichsten Gemeinde Deutschlands. Das verfügbare Nettoeinkommen pro Kopf ist hier mit über 33.000 Euro 44 Prozent höher als im Bundesschnitt. Die Arbeitslosenquote im Landkreis Starnberg liegt derzeit bei 2,7 Prozent. Vollbeschäftigung – und das seit Jahrzehnten. In Starnberg selbst soll es mittlerweile weniger als 700 Arbeitslose geben, bei rund 23.000 Einwohnern.

Auf dem Weg zum Jobcenter bin ich am Starnberger Ferrari-Haus vorbei gelaufen. Nur ein S-Bahn-Stopp weiter ist man am Starnberger See, hat den Blick auf Jachten und Segelboote. Das Jobcenter hingegen sieht aus, als hätte jemand zwei überdimensionale Dixi-Klos aneinander geklebt. Gäbe es das überfüllte Jobcenter nicht – es wäre kaum zu glauben, dass hier überhaupt Menschen wohnen, denen es schlecht geht.

Spahn sagt, Hartz-IV-Empfänger hätten alles, was sie brauchen

In Starnberg muss einfach alles perfekt sein. Der Gedanke liegt nahe.

Zwei bis fünf Prozent Arbeitslose, das ist zu verkraften. Und sie bekommen ja Hartz IV. Davon lässt sich leben. Das sagt zumindest der CDU-Politiker Jens Spahn.

Die Behauptung des Gesundheitsministers, jeder habe mit Hartz IV, “was er zum Leben” brauche, sorgt seit Wochen für Diskussionen. Im Kern geht es meist darum, wie viel Geld ein Mensch in Deutschland zum Leben braucht.

Was bei der Diskussion aber...

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