Ich war Chefkonditorin mit Michelin-Stern — als ich meinen Job verlor, wurde mir klar, dass ich ihn nie wieder haben will

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Zwölf Jahre lang habe meinen Lebensunterhalt damit verdient, Desserts zuzubereiten. Ich habe zu meinen Freunden im Spaß immer wieder gesagt, dass bestimmt irgendwann jemand kommt und dem ein Ende bereitet. Denn: Wer hat schon das Glück, dafür bezahlt zu werden, jeden Tag ein Dessert zu zaubern? Dass die Realität anders aussah, verschwieg ich.

Als im März 2020 mein Chef zu mir kam und mir sagte, dass ich entlassen werde – wegen der Corona-Pandemie hatten alle Restaurants zu – war ich nicht überrascht. In vielerlei Hinsicht war ich sogar erleichtert. Natürlich hat es mir auch Angst gemacht, meinen Arbeitsplatz zu verlieren, aber im Grunde war ich froh, dass ich mal durchatmen durfte. Während meines bisherigen Berufslebens hatte ich mir selten Urlaub genommen und war so gut wie nie krankgeschrieben. Niemals hätte ich jemanden gegenüber zugegeben, wie furchtbar ausgebrannt ich eigentlich war. Irgendwann war ich so erschöpft, dass sich die Qualität meiner Arbeit verschlechterte und ich meinen Job anfing zu hassen. Ich wurde das, was so viele in der Gastronomie sind – ein wütender und verbitterter Mensch.

Am Anfang lief noch alles gut. Ich wurde als Köchin immer erfolgreicher – irgendwann arbeitete ich in einem Drei-Sterne-Restaurant in San Franzisco. Nach und nach verlor ich mich aber selbst in meinem Erfolg. Nach außen hin sah es so aus, als wäre ich glücklich – niemand konnte meine Verzweiflung, Scham und Schmerzen sehen. An guten Tagen schaffte ich 10, 15 oder 18-Stunden-Schichten. Der Ton war rau – ich wurde von meinen Chefs mit Gegenständen beworfen oder beleidigt.

Ich aß ungesund und trank zu viel Alkohol

Ich begoss jede Schicht mit ein paar Drinks, um mich abzureagieren und die Schmerzen in meinem Rücken weniger zu spüren. An den Wochenenden habe ich mich mit noch mehr Alkohol und Drogen vollgestopft. Alle, die ich in der Branche kannte, taten dasselbe. Wir lebten von der Hand in den Mund – keiner hat ein Gehalt gehabt, dass seine Existenz auf lange Zeit sicherte.

Ich trank nicht nur zu viel und aß ungesund. Auch meine Beziehungen sind zerbrochen. Anstatt mich jemanden anzuvertrauen, geriet ich immer mehr in eine Spirale. Ich habe mir selbst unheimlich viel Druck gemacht – ich wollte die Beste in der Spitzengastronomie sein und all mein Schmerz fühlte sich wie der Preis an, den ich eben für meinen Erfolg zu zahlen hatte.

Als die Restaurants wieder öffnen durften, kehrten andere begeistert in ihre Küchen zurück. Und ich begann in Frage zu stellen, wie ich bisher gelebt hatte und entschied mich gegen den Job – und für meine Bedürfnisse. Zum ersten Mal in meinem Leben trieb ich regelmäßig Sport, aß gesunde Mahlzeiten, mit denen ich mich nicht in den Keller eines Restaurants setzen musste, und sah jeden Tag die Sonne. Ich meditierte und fing an für andere zu backen – meine Leidenschaft, solange ich nicht von einem Chef unter Druck gesetzt werde.

Als mir ein ehemaliger Kollege erzählte, dass er sich wieder auf die Arbeit in der Küche freute, konnte ich diesen Eifer nicht mit ihm teilen. Ich beschloss, einen neuen Weg einzuschlagen – und schrieb mich für ein Bootcamp im Bereich Softwareentwicklung ein. Jetzt bin ich gerade auf der Suche nach einem Job.

Erfolg ist zweitrangig

Mittlerweile weiß ich, dass meine Gesundheit und mein Wohlbefinden so viel wichtiger sind als der Erfolg. Da meine ganze Identität nur darauf aufgebaut war, die weltbeste Pâtissier zu werden, hat mich die Aufgabe dieses Berufs natürlich auch geschmerzt. Nichts kann ich besser als Kochen. Mir ist aber mittlerweile klar, dass ich nicht mehr zurückgehe.

Ich weiß jetzt, dass es mir wichtiger ist, körperlich und emotional gesund zu sein. Ich möchte finanzielle Sicherheit haben und einen Partner finden. All das will ich mehr als Anerkennung oder vermeintlichem Erfolg im Job.

Das möchte ich auch anderen Menschen mit auf den Weg geben. In der Gastronomie sprechen wir viel zu wenig über den Druck und was das mit unserer mentalen Gesundheit macht. Viele werden in der Branche ausgenutzt von cholerischen Chefs, die sich weigern faire Arbeitsbedingungen zu schaffen. Die Menschen, die in den Restaurants arbeiten, haben was Besseres verdient. Es ist schade, dass es eine globale Pandemie gebraucht hat, bis ich das verstanden habe.

Dieser Text wurde aus dem Englischen übersetzt. Das Original findet ihr hier.

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