"Es war eine Befreiung"

Frank Rauscher
·Lesedauer: 6 Min.

Legenden der Leidenschaft: Der Musiker Canun hat eine Hymne auf Sead Kolasinac veröffentlicht und es in den vergangen Tagen als "Schalke-Rapper" schon zu deutschlandweiter Bekanntheit gebracht. Jetzt lässt er im Interview tief in die gepeinigte Schalker Fanseele blicken.

Dieses Gefühl, wenn du nach 30 sieglosen Spielen wieder einmal als Gewinner vom Platz gehst, ist eigentlich unbeschreiblich. Obwohl alle Schalker natürlich ein Lied davon singen können. Der Rapper Canun hat es nach dem 4:0-Heimspiel-Erfolg seines Klubs gegen die TSG Hoffenheim tatsächlich mit einem Song versucht - mit einer Hymne auf den S04-Rückkehrer Sead Kolasinac. In "So wie Kola" werden die Meriten des Nationalspielers Bosnien-Herzegowinas hinreichend gewürdigt: "Da kommt auf einmal jemand, der uns Hoffnung schenkt", heißt es da. Und im Refrain: "Wir sind Feuer so wie Kola. Wir brauchen Arme so wie Kola, langen Atem so wie Kola. Im Herzen nur bei Schalke - von Basel bis nach Roma!" Wer ist dieser Musiker? - Im Interview spricht der Mann, der eigentlich Karim Yahiaoui heißt und hauptberuflich Trauredner (www.freier-redner-karim.de) ist, über seine Liebe zum S04 und lässt die tief in die gepeinigte Schalker Fanseele blicken.

Der dreifache Vater, der mit seiner Familie im Weserbergland lebt, sagt: "Ich sehe mich eher als Fan denn als ein Rapper oder Musiker. Es gibt bessere Künstler als mich, aber eins kann ich sagen: Es kommt aus tiefstem Herzen!"

teleschau: Wie kamen Sie zum FC Schalke?

Canun: Das geschah relativ plump - oder vielleicht auch ganz klassisch: Ich bekam von meinem Papa früh ein Trikot geschenkt, und dann war ich hier bei uns ziemlich allein damit. In meiner Gegend waren alle eher gelb oder Bayern. Aber das hat die Liebe nur größer gemacht.

teleschau: Vor einem Jahr, am 17. Januar 2020, gewann Schalke 04 mit 2:0 gegen Borussia Mönchengladbach. Es sollte der letzte Sieg für sehr lange Zeit gewesen sein. Geben Sie uns einen Einblick in das Seelenleben eines Schalke-Fans: 30 Spiele ohne Bundesliga-Dreier - wie ging es Ihnen in den vergangenen zwölf Monaten?

Canun: Wir waren in dieser Zeit geknechtet, geächtet, gepeinigt ... Im Grunde fehlen die Worte, für das, was wir mitgemacht haben.

teleschau: Haben Sie eine Theorie, warum es 2020 so schlecht gelaufen ist?

Canun: In aller Kürze: Fragwürdige Personalentscheidungen, viel Chaos um den Verein und wenig Fußball. Wir haben als FC Schalke nicht das gelebt, was wir ausstrahlen möchten. Die Verantwortung wurde auf dem Platz immer auf einzelne Spieler gelegt, die unter diesem Druck einbrachen - einer nach dem anderen. Der Druck hätte besser verteilt werden müssen, man muss als Mannschaft durch eine Saison gehen - es geht nur gemeinsam. Ich glaube aber auch, dass wir mehr unter den leeren Stadien leiden als andere Teams: Wir sind eine Mannschaft, die ein wenig mehr auf Spieler Nummer 12 angewiesen ist als andere.

"Dieser Sieg war nicht nur ein Sieg"

teleschau: Dann endlich das 4:0 gegen die TSG Hoffenheim. War das ein Moment der Erlösung, oder was bedeutet Ihnen das?

Canun: Dieser Sieg war nicht nur ein Sieg, es war eine Befreiung. Es klingt jetzt ein bisschen pathetisch, aber wir fühlten uns nach diesem Spiel endlich wieder frei - im Kopf, in der Seele. Es war saugeil. Ich hatte wieder dieses Gefühl wie nach dem legendären 4:4-Derby.

teleschau: Sie haben sich direkt danach dazu entschlossen, einen Song über S04-Rückkehrer Sead Kolasinac zu machen. Warum ausgerechnet er?

Canun: Ich finde, er personifiziert unsere Werte. Und er hat dieser Truppe wieder ein bisschen Seele zurückgegeben. Er ist ein Kämpfer, ein Bulldozer, aber auch ein cooler Mensch. Er würde für jeden Spieler auf dem Feld ins Feuer gehen, auf und neben dem Platz. All das gehört dazu, klingt jetzt bisschen blöd, aber Fußball ist mehr als nur Fußball.

teleschau: Wissen Sie, ob er seine Hymne schon gehört hat?

Canun: Ja, hat er. Er hat das Lied gelikt, und über mehrere Ecken sagte man mir, dass er sich darüber freut, aber zu 100 Prozent weiß ich es nicht. Ich freue mich natürlich darüber, aber wenn ich ehrlich bin, ist der Song mindestens genauso auch für die Fans. Denn wir haben echt gelitten, und es tut einfach mal wieder gut, ein Lied zu hören, ein kaltes Getränk zu sich zu nehmen und sich die Zusammenfassung 385-mal anzuschauen von diesem geilen Spiel. An dieser Stelle auch nochmals ein großes Dankeschön an Sascha Urbansky, der den Song produziert hat und an Maaj für das Video.

"Mehr Fan als Musiker"

teleschau: Sie haben schon einige Schalke-Songs gemacht ...

Canun: Ja. Aber Sie müssen wissen, ich bin mehr Fußballfan als Musiker. Ich bin nicht mal wirklich gut, in dem, was ich mache, aber es kommt vom Herzen. Mir geht es nicht darum, die besten Lieder zu machen. Mir macht das Spaß, und ich kann meine Gefühle da reinpacken. Am Ende des Tages bin ich ein Schalke Fan wie jeder andere mit klarem Menschenverstand auch. Die Musik mache ich, weil es Leute gibt, die es feiern, vor den Spielen hören und Spaß damit haben. Darum geht es! Ich bin ganz klar mehr Fan als Musiker.

teleschau: Weiß der Verein eigentlich, dass er einen echten Schalke-Rapper hat?

Canun: Das weiß ich nicht. Ich muss dazu sagen, unser Verein hat viele geniale Leute hinter sich. Wir haben mehrere Künstler Muetze, Joel Hong, alles Hammer-Musiker, die sich für Schalke engagieren. Ich bin nur einer von vielen und kann mir nicht vorstellen, dass der Verein das weiß. Wäre schön, aber wichtiger ist, dass die Fans Spaß mit den Liedern haben und wir was zum Feiern hören können - und zum Leiden: etwas, das uns ein bisschen tröstet.

"Natürlich, schaffen wir das!"

teleschau: Wenn Sie ganz ehrlich sind: Denken Sie, Schalke schafft den Klassenerhalt?

Canun: Ich verstehe die Frage nicht! Natürlich, schaffen wir das. Das steht für mich außer Frage. Ich zähle eher die Punkte Richtung Europa - kleiner Spaß (lacht). Aber es ist mein voller Ernst: Ich glaube an den Klassenerhalt. Und egal, vor welchem Spiel, die Hoffnung auf den Sieg ist immer da - egal ob gegen die Bayern oder Real Madrid. Ich kann so etwas nicht rational betrachten, deswegen stehe ich dieses Jahr bei allen Kick-Tipp-Gruppen an letzter Stelle.

teleschau: Schalke arbeitet laut Medienberichten an der nächsten Rückholaktion eines Kultstars: Würden Sie sich über ein königsblaues Comeback von Klaas Jan Huntelaar freuen?

Canun: Logisch. Ich find den Hunter cool! Er ist vielleicht in die Jahre gekommen, aber ich glaube, so ein Spieler hat für viele eine große Bedeutung, auch neben dem Platz. Das sind Spieler, zu denen man aufschaut, Legenden. Er ist da, wo unsere jungen Talente auch mal hinmöchten. Daher sage ich: Na klar, her damit. Komm zurück Hunter!