„Ich war eine analoge Hausfrau aus Kreuth“

Stephanie Czerny, die alle nur Steffi nennen, ist nicht die einzige erfolgreiche Netzwerkerin Deutschlands, aber sie ist die unkonventionellste. Das zeigt sich jedes Jahr auf der DLD, kurz für Digital Life Design. 2005 hat die Burda-Managerin die Konferenz ins Leben gerufen und als Geschäftsführerin zum wichtigsten Treffen der Tech-Szene außerhalb der USA und zur globalen Marke aufgebaut.

Jedes Jahr holt die 64-Jährige die Größen aus dem Silicon Valley nach München auf das Podium – und begrüßt sie auf die Czerny-Art: einfach drauflos, in etwas holprigem Englisch, aufrichtig herzlich. Sie ist eine Menschenfängerin. Diejenigen, die schon wer sind, kennt sie seit Langem. Diejenigen, die es noch weit bringen werden, spürt sie auf.

Frau Czerny, Sie bringen selbst die maulfaulsten Menschen zum Plaudern. Wie machen Sie das?
Es gibt eine einfache, aber goldene Regel: Nimm dich selbst nicht so wichtig! Ich gebe meinem Gegenüber das Gefühl, dass ich ernsthaft etwas über ihn wissen will.

Das klingt ziemlich banal.
Ist es auch, aber man darf keine Vorurteile haben, wenn man auf andere zugeht. Und es braucht Neugierde und echtes Interesse an Menschen – und an dem, was sie bewegt. Das hat längst nicht jeder.

Sie offenbar schon.
Ich war immer eher eine Außenseiterin, nie Teil eines Systems, zum Beispiel der Mittelschicht. Deswegen war ich schon früh darauf gepolt, mir alles anzuschauen und für jeden offen zu sein.


Wie meinen Sie das?
Meine Mutter war mit 42 relativ alt, als sie mich bekam, mein Vater ein gut aussehender 26-jähriger Journalist. Sie waren nicht verheiratet.

Was in den 50er- und 60er-Jahren, in denen Sie groß geworden sind, bestimmt nicht einfach war.
Heute würden wahrscheinlich viele zu meiner Mutter sagen: Toll, dass du deinen eigenen Weg gehst. Früher war es sicherlich oft schwer für sie, und es gab Leute, die ihre Missbilligung deutlich gezeigt haben. Im Religionsunterricht fühlte ich mich seltsam, weil ich die Lobpreisung der klassischen Familienaufstellung nicht verstanden habe. Als ich klein war, war ich primär von Frauen umgeben. Meinen Vater habe ich erst später kennen gelernt.

Wie hat Sie das geprägt?
Mir war von Anfang an klar, dass auch Frauen ihren Mann stehen und Geld verdienen müssen. Meine Mutter hat sehr hart gearbeitet, und trotzdem mussten wir immer kämpfen.

Sie meinen finanziell?
Wir hatten nie viel Geld. Aber das war auch gut so, Geld ist kein Garant für Glück. Das habe ich früh gelernt. Es gibt ganz andere Dinge, die wichtig sind. Harmonie, aber auch Diskussionen. Und vor allem Freundschaften. Meine besten Freunde kenne ich mein Leben lang.

Was bedeutet Geld für Sie heute?
Sicherheit. Ich habe vier Kinder erzogen, da ist es schon beruhigend, wenn man weiß, dass man sie gut ernähren und anziehen kann, dass man sie auf gute Schulen schicken kann.

Mit wem lässt es sich eigentlich leichter netzwerken, mit Männern oder Frauen?
Meine Mutter hat zu ihrem 90. Geburtstag einen schönen Satz gesagt: „Männer liebe ich sehr, aber Frauen habe ich lieber. Mit ihnen komme ich schneller ins Gespräch.“ Da ist was dran.

Wie wichtig sind Beziehungen?
Ich halte nicht viel von Seilschaften, darauf würde ich keine Zeit verschwenden. Die waren in den 80er- und 90er-Jahren sicherlich elementar, aber nicht mehr heute, wo sich die Welt derart schnell verändert und alle flexibel sein müssen. Wichtig ist, dass man ehrlich ist, authentisch. Ich verstecke mich nicht und hoffe, dass die Menschen dadurch erkennen, dass sie sich auch nicht vor mir verstecken müssen. Wahrhaftigkeit ist mein Ideal.

Wer ist denn die wahrhaftige Steffi Czerny?
Eine 64-jährige Frau, nicht ganz dünn, nicht besonders modisch, die sich manchmal besser vorbereiten sollte, bevor sie redet. Ich denke nicht sehr stringent, sondern springe lieber zwischen den Themen.

Werden Sie manchmal von anderen Menschen, die Sie nicht kennen, unterschätzt?
Ich hoffe doch! Dann nämlich bin ich völlig frei, ich kann den anderen ja nur positiv enttäuschen.

Ehrlichkeit macht aber auch verletzlich..
Ja, damit muss man leben können. Andererseits: Wenn ich so bin, wie ich bin, was kann mir passieren? Dann bin ich eben naiv oder nicht genug informiert – und lerne daraus.

Hubert Burda hat Sie 1995 in seinen Verlag geholt und Sie auf das Internet angesetzt. Hatten Sie damals überhaupt eine Ahnung, was das ist?
Wie sollte ich? Ich war eine analoge Hausfrau aus Kreuth. Zu der Zeit war das Internet kein Neuland, es war Vor-Neuland. Trotzdem hat Hubert Burda sofort begriffen, dass damit große Veränderungen auf sein Unternehmen zukommen. Was ich großartig fand, war, dass er von Beginn an gesagt hat: „Du kannst das Internet nicht von hier aus verstehen. Du musst nach Amerika und schauen, was da los ist!“


Wie war Ihre erste Reise ins Silicon Valley?
Das war Mitte der Neunziger. Marc Andreessen hatte gerade seinen Mosaic-Browser vorgestellt, der die Tür zum Internet öffnete. Ich verstehe bis heute nicht viel von Technik, aber ich habe gesehen, wie dieser Mittzwanziger umringt war von Investoren, Journalisten und anderen wichtigen Leuten. Wie sie alle seine Nähe suchten. Das hat mich neugierig gemacht. Ich glaube, das Erfolgsrezept von DLD ist, dass wir früh ein Gefühl für die Gründer haben, in denen dieser unbedingte Wille zum Durchbruch, diese mentale Stärke, steckt – und dann einfach an ihnen dranbleiben.

War es so auch bei den Google-Gründern, mit denen Sie schon Skifahren waren, oder der ehemaligen Yahoo-Chefin Marissa Mayer, mit der Sie mehrmals auf dem Waldfest in Kreuth ein Bier getrunken haben?
Glauben Sie wirklich, dass, wenn ich Larry Page und Sergey Brin heute treffen würde, einer von beiden mich noch besonders beachten würde?

Wahrscheinlich nicht...
Bestimmt nicht! Mein Vorteil war, dass ich sie kennen gelernt habe, also keiner wusste, wer Larry Page und Sergey Brin sind. Als kaum einer ahnte, wer sie einmal sein würden. Hubert Burda, sein Sohn Jacob und ich waren schon bei Facebook und haben mit den Entwicklern gesprochen, als das Team noch in einem kleinen Büro auf der University Road‧ in Palo Alto saß. 2009 hatten wir dann bei der DLD Mark Zuckerberg auf der Bühne.

Gab es Widerstand bei Burda gegen Sie?
Ich war vom ersten Tag an eher ungewöhnlich. Viele haben sicherlich gedacht: Was will denn die bei uns? Und dann konnte ich anfangs nicht wirklich gut präsentieren, ich war ja keine richtige Managerin oder so. Einmal hat mich Hubert Burda mit zu einer CSU-Veranstaltung genommen, um dort über die neue vernetzte Kommunikation zu reden. Ich sehe noch die Granden in der ersten Reihe: Edmund Stoiber und seine Minister. Ich hatte einen totalen Blackout, konnte gar nichts mehr sagen. Aber auch da bekam ich, wie so oft, Schützenhilfe von Hubert Burda.


Ist er eine Art Mentor für Sie?
Unbedingt. Bis heute. Ich habe von ihm gelernt, dass es immer weiter geht, immer vorwärts. Hubert Burda vermag wie kein anderer, nah an den Menschen zu sein. Er versteht sie: ihre Freuden, ihre vielschichtigen Themen, ihre Sorgen, ihren Lifestyle. Dadurch ist er in der Lage, diese enorme Bandbreite in seinem Unternehmen abzudecken. Er selbst ist ja Kunsthistoriker. Auf der einen Seite verleiht er einen Dichterpreis und schart die Intellektuellen um sich. Auf der anderen Seite sind ihm die Leser von „Freizeit Revue“ und „Bunte“ wichtig. Diese humanistische Verlegerhaltung beeindruckt mich bis heute.

Wie sprechen Sie Menschen an, die Ihr Interesse geweckt haben?
Immer persönlich, nie schriftlich oder am Telefon. Ich reise oft und bin bei vielen Konferenzen, weniger auf Partys. Ich bin kein Nachtmensch.

Beim alljährlichen Weltwirtschaftsforum in Davos ist die Burda-Party legendär. Da will jeder hin.
Das stimmt! Aber Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich bin meistens um 10 Uhr abends müde und brauche meinen Schlaf. Ich bin sehr früh wach, gegen 5 Uhr, und gehe bei mir zu Hause fast jeden Morgen auf den Berg, ein- und denselben Weg. Dabei entdecke ich immer wieder etwas Neues. Und so lerne ich, die Natur zu verstehen.

Woher kommt Ihre Liebe zur Natur? Sie sind ja mitten in München aufgewachsen.
Meine Mutter hatte ein kleines Häuschen in Fischbachau. Da sind wir an den Wochenenden hingefahren. Da gab es viele Bauern, und in den Ferien bin ich oft sechs Wochen lang auf der Alm gewesen. Als ich 1984 mein erstes Kind erwartete, sind mein Mann und ich zurück aufs Land gezogen. Das war eine wichtige Zeit für mich: zum einen die Erziehung, also meine Kinder beim Aufwachsen eng zu begleiten, und zum anderen die Verortung in Kreuth, die Verbindung zu Nachbarn und jungen Müttern, aber auch zum Bürgermeister und Gemeinderat. Ich habe mitgeholfen, dass der erste Kindergarten im Ort gebaut wurde. Und ich habe einen Jagd- und Fischereischein gemacht, obwohl ich nicht gerne schieße. Alles wichtige Voraussetzungen für meinen Job.

Was bitte hat Jagen mit dem DLD zu tun?
Das Wissen um Vernetzung! Alles hängt mit allem zusammen. Auch im Wald und im Gebirge. Ecosysteme, die man kennen muss! Man kann erst ein Kosmopolit sein, wenn man versteht, was vor der eigenen Haustür passiert. Nur dann steht man mit beiden Beinen fest auf dem Boden. Wer das nicht hat, ist gefährdet für allerlei Einflüsse von außen. Ich glaube, ein großes Problem unserer Zeit ist Entfremdung. Der müssen wir unbedingt begegnen. Wir müssen den Menschen helfen, dass sie wieder zu sich und ihren Wurzeln finden.

Sie tragen ein Kreuz um den Hals. Gibt es christliche Werte, an denen Sie sich orientieren?
Die zehn Gebote sind schon das Maß aller Dinge. Du sollst nicht töten. Du sollst nicht lügen. Du sollst nicht stehlen. Du sollst Mutter und Vater ehren. Wenn wir uns alle daran halten würden, würde uns das sehr weit bringen.

Haben Sie Ihre Mutter geehrt?
In Bezug auf meine Mutter habe ich früher gern von meinem 30-jährigen Krieg gesprochen. Ich habe mich lange gegen sie aufgelehnt. Aber ich finde, das muss und sollte ein Kind auch, um sich selbst zu erfahren, sich selbst zu spüren. Ich war sogar in der roten Schülerfront [lacht laut]. Aber nicht weil ich mich inhaltlich angesprochen fühlte, sondern einfach um meinen Protest zu zeigen. In meinem Zeugnis stand mal, dass ich eine Rebellin bin. Dieses Aufbegehren vermisse ich bei der Jugend heute manchmal.

Ist sie Ihnen zu angepasst?
Ja, es traut sich doch kaum einer mehr, den Mund aufzumachen, Fehler zu riskieren. Dabei lernt man nur daraus wirklich was: über sich selbst und über andere. Meine Freundin Esther Dyson, eine digitale Pionierin und Tech-Investorin, signiert jedes ihrer Bücher mit dem Satz: „Always Make New Mistakes.“ Ich habe so viele Fehler in meinem Leben gemacht, und es war so gut.

Zum Beispiel?
Ich bin in den Siebzigern mit einem großen Rucksack durch Amerika gereist, um Großkommunen kennen zu lernen. Ich glaubte, das alternative Leben sei spannend und ein erstrebenswertes Ziel – bin aber ziemlich ernüchtert nach Deutschland zurückgekehrt. Ich dachte, ich hätte ein Jahr vergeudet. Aber ich habe damals viele junge Amerikaner kennen gelernt, die ich später im Silicon Valley wiedergetroffen habe. Zum Beispiel Mitchell Baker, die Chefin der gemeinnützigen Mozilla Foundation. Diese Bekanntschaften aus der Großkommune waren teils meine Eintrittskarte ins Silicon Valley in den Neunzigern. Das zeigt: Aus dem vermeintlich Schlechten entwickelt sich oft was Gutes.

Wie digital sind Sie selbst?
Nicht besonders. Ich bin zwar bei Facebook, Twitter und Co. angemeldet, aber ich bin dort nicht sehr aktiv. Mir ist das persönliche Gespräch wichtig, und ich glaube, es braucht zunehmend Menschen, die das Zusammentreffen erleichtern. Gerade in einer Welt, die anonymer und undurchsichtiger wird.

Welche Rolle spielen Emotionen? Sie drücken die Redner beim DLD auf der Bühne auch gern mal zur Begrüßung. Das ist für eine gelernte Journalistin ungewöhnlich, wenn nicht unprofessionell.
Aber wichtig, denn ich will, dass sich beim DLD alle wohlfühlen. Ich will nicht nur News generieren, sondern Inspiration schaffen. Aber ich bin auch nicht konfliktscheu, sage offen meine Meinung. Als eine EU-Politikerin eine ziemlich langweilige Präsentation gehalten hat, habe ich ihr vor dem gesamten Publikum zugerufen, sie solle mal ein bisschen Gas geben. Es war mir wichtig, hiermit ein Zeichen zu setzen.

Gibt es Menschen, die Sie nicht mögen und nicht einladen würden?
Wir müssen all diejenigen, die eine Vision haben und was bewirken, die großen Namen, nach München auf die Bühne holen. Das erwarten die Menschen von der DLD und der Marke. So wie Travis Kalanick.

.. den umstrittenen Mitgründer und früheren Chef des amerikanischen Fahrdienstvermittlers Uber, der auf Druck der Investoren seinen Posten räumen musste..
.. den habe ich natürlich gern beim DLD! Aber ich muss ihn nicht die ganze Zeit persönlich betreuen.

Was ist der DLD für Sie?
Eine gelungene Cocktailparty, bei der sich neue Freunde finden, aber auch Geschäfte anbahnen lassen. Viele sind im Alltag total verstrickt in ihr Business. Wollen Leistung bringen, rennen. Diese Menschen wollen wir unbedingt ab und an rausholen aus ihren Kopf-Käfigen. Das gilt gerade für die Genies in der Tech-Szene, denn die sind besonders getrieben, können oft über nichts anderes reden als ihr Projekt und sind manchmal richtig verkniffen und introvertiert. Da braucht es interessante Menschen, gutes Essen, schöne Musik, um sie emotional abzuholen. Deswegen laden wir zur DLD ja auch Künstler ein.

Was ist das nächste große Ding?
Ich glaube, dass Quantenphysik in Verbindung mit künstlicher Intelligenz ein elementares Thema wird, das im Moment noch ganz weit weg ist. Ich habe keine Ahnung davon, aber es gibt diesen jungen Wissenschaftler Michele Mosca, der das super erklären kann. Solche Menschen wollen wir zum Sprechen bringen. Wir müssen sie aus ihren Laboren in die Öffentlichkeit zerren, damit sie uns erzählen, welche Chancen das Zusammenspiel von Wissenschaft und Technologie für uns birgt.

Sie sind mit 64 Jahren in einem Alter, in dem viele schon in Rente sind oder bald gehen. Und Sie?
Das klingt abgedroschen, aber mir macht meine Arbeit Spaß, und ich hoffe, dass ich sie noch ein bisschen weiter machen kann. Ich schaue gerade ganz gespannt auf China. Das heißt aber nicht, dass ich bis zu meinem Tod die Geschäftsführerin der DLD sein werde. Schließlich muss sich auch die DLD verändern, braucht Impulse durch Jüngere. Man muss alles, egal, wie erfolgreich es läuft, immer wieder aufbrechen, immer wieder erneuern.

Haben Sie je schlechte Laune?
Ganz ehrlich? Nein. Ich mag keine Menschen, die schlechte Laune haben – und sie dann im schlimmsten Fall auch noch verbreiten. Dafür ist das Leben zu kurz. Ich werde manchmal wütend, aber das ist was anderes. Keine schlechte Laune.

Wann denn?
Wenn jemand nicht so funktioniert, wie ich es mir vorstelle, oder nicht genügend Tempo bei einer gemeinsamen Sache macht. Wenn jemand grundlos aggressiv ist, oder für mich der Auslöser für die Aggression auf den ersten Blick nicht erkennbar ist. Aber dann werde ich eher kämpferisch.

Wann wollten Sie zuletzt etwas mit aller Kraft – und es hat partout nicht funktioniert?
(Denkt länger nach) Ich wollte immer abnehmen. Hat nie geklappt (lacht).

Frau Czerny, vielen Dank für das Interview.

Auf dem Schreibtisch von Steffi Czerny liegt immer alles gerade. Warum? „Ich bin selber in vielen Dingen etwas schräg, da müssen die Sachen nicht noch schiefliegen.“