Wandlung zum Bösewicht: Barca spielt mit seinem Ruf

Kerry Hau
Messi (v.l.) soll bleiben, Dembele kommen, Neymar ist weg - Barca nimmt unter Präsident Bartomeu eine diskussionswürdige Entwicklung

Die französische Presse verehrt ihn schon als "Außerirdischen", sein Mitspieler Marco Verratti vergleicht ihn mit Captain Tsubasa:

180 Minuten im Trikot von Paris Saint-Germain haben 222-Millionen-Mann Neymar gereicht, um aus einem Hype einen Massenhype um ihn zu machen.

Freche Tricks, butterweiche Vorlagen, schöne Tore - der Brasilianer wirkt auf seiner neuen Spielwiese im Prinzenpark kreativer und befreiter denn je.

Mit seinen Gedanken ist er aber irgendwie immer noch in Barcelona. Nicht nur bei den Opfern des Terroranschlags in der spanischen Metropole, sondern auch bei seinem Ex-Klub, dem FC Barcelona.


"Barca hat Besseres verdient"

"Barca hat Besseres verdient - und die ganze Welt weiß es", sagte Neymar nach seiner 6:2-Gala gegen den FC Toulouse.

Worte, die an die Führungsetage der Katalanen gerichtet waren. Explizit an Josep Bartomeu, den seit Monaten öffentlich zur Diskussion stehenden Präsidenten.

"Bei Barca regieren Leute, die dort nicht regieren sollten", führte Neymar aus. "Ich weiß nicht, was dort los ist, aber ich sehe, dass meine alten Mannschaftskameraden traurig sind, und das macht mich traurig."

Nach den Brandreden internationaler Fußballfunktionäre und Morddrohungen aus dem eigenen Fanlager in den vergangenen Tagen war die Kritik des abgewanderten Superstars nur die Spitze des Eisberges. 

Sogar Iniesta zweifelt 

Doch sie traf den Nagel auf den Kopf.

Wenn selbst ein so ruhiger und bescheidender Zeitgenosse wie Andres Iniesta, Identifikationsfigur für jeden "Cule" und obendrein erster Mannschaftskapitän, an die Öffentlichkeit geht und von einem Abschied spricht, muss etwas im Argen liegen.

"Ich habe in letzter Zeit viele Gefühle kennengelernt, die ich so noch nicht kannte", sagte das Barca-Eigengewächs der Zeitung El Pais auf die Frage, warum er seinen 2018 auslaufenden Vertrag denn noch immer nicht verlängert habe. 


"Es ist ein Szenario, das ich mir 2014 noch nicht hätte vorstellen können", erklärte Iniesta. Es war das Jahr, in dem Bartomeu das Präsidentenamt übernommen hatte.

Auch Messis Zukunft plötzlich unklar

"Bartomeu weiß nicht, wie man mit Spielern umgeht", kritisierte Ex-Barca-Boss Joan Laporta den Bauunternehmer zuletzt scharf und kam auf die Situation von Lionel Messi zu sprechen: "Wenn wir wollen, dass Leo wirklich glücklich bei Barca ist, muss Bartomeu gehen." 

Der Argentinier hat seinen neuen Vertrag entgegen Bartomeus Behauptung im Juni noch nicht unterschrieben - und ist Stand jetzt im kommenden Sommer ablösefrei.

Kein Wunder, dass wieder Gerüchte um einen Wechsel zu Manchester City die Runde machen. Dort arbeitet bekanntlich Messis einstiger Förderer Pep Guardiola.


"Die Situation ist beunruhigend, eine Farce. Leo hätte schon längst unterschrieben, wenn er sich sicher wäre, dass er bleibt. Bartomeu muss jetzt reagieren", forderte der frühere Präsidentschaftskandidat Augusti Benedito.

Steckt Barca hinter Dembeles Streik?

Messi dürfte tatsächlich ins Grübeln kommen, wenn Barca keinen adäquaten Ersatz für seinen ehemaligen Sturmpartner Neymar findet. 

Von den Wunschkandidaten Ousmane Dembele und Philippe Coutinho fehlt neun Tage vor dem Ende der Transferperiode jede Spur. Bei Dembele will der BVB nach SPORT1-Informationen sogar schon bis zum Wochenende Klarheit.


Die Barca-Bosse stehen also gewaltig unter Druck - und spielen deshalb auch mit dem Ruf ihres Klubs. Dass Dembele seit Wochen das Training schwänzt und Coutinho plötzlich Rückenschmerzen plagen, ist offensichtlich kein Zufall.

"Das glauben Sie doch selbst nicht, dass ein 20-Jähriger nicht zum Training kommt ohne das Wohlwollen des möglicherweise aufnehmenden Klubs", sagte Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke über den Streik des Franzosen.

Und selbst in München hinterfragt man die Rolle der Katalanen. "Wenn Barcelona dahinter steckt, dann habe ich keine Achtung mehr vor dem Klub. Einen Spieler dazu zu veranlassen, einen Vertrag zu brechen, das ist unterste Kreisklasse", schimpfte Bayern-Präsident Uli Hoeneß.

Bartomeu gerät ins Zwielicht

Barca droht unter Bartomeu seine Identität zu verlieren.

Das zeigt vor allem der Sponsoren-Deal mit dem japanischen Unternehmen Rakuten, der dem Klub jährlich 55 Millionen Euro einbringt. Der neue Trikotsponsor galt vor wenigen Jahren noch als größter Online-Händler für Wal- und Delfinfleisch - und Walfang ist offiziell eigentlich verboten.

Die Zeiten, in denen Barca Geld an seinen Sponsor Unicef spendete, sind längst vorbei. Und auch die stets so hoch gepriesene Jugendarbeit leidet. 

Bartomeu schenkt "La Masia" kein Vertrauen. Zuletzt investierte er lieber 40 Millionen Euro in den Brasilianer Paulinho vom chinesischen Klub Guangzhou Evergrande.


Böse Zungen behaupten, Bartomeu habe den Deal abgeschlossen, um mit seinen Firmen auf dem chinesischen Baumarkt Fuß zu fassen.

Er wehrt sich vehement. Das tat aber auch einst sein zwielichtiger Vorgänger Sandro Rosell - bis er wegen Geldwäsche, Bestechung und Steuerhinterziehung abgesetzt wurde. 

Hauptgrund für Rosells Rücktritt war damals übrigens Unterschlagung mehrerer Millionen Euro bei der Verpflichtung des Mannes, der heute in Paris zaubert: Neymar.