Von der Wallstreet zur Unternehmerin: Wie Andrea Fernandez mit ihrer Geschäftsidee schon vor dem Start über eine Million Euro bekam

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Andrea Fernandez, Gründerin von Alice.
Andrea Fernandez, Gründerin von Alice.

Andrea Fernandez hat eine Mission: Frauen beizubringen, besser mit Geld umzugehen. Dafür hat sie Alice gegründet, eine Anlage-App, die schon vor ihrem Start mehr als eine Million Euro an Kapital eingesammelt hat - unter anderem von Investorinnen wie Lea-Sophie Cramer, der Amorelie-Gründerin, Doreen Huber von Lemoncat und Digital-Expertin Verena Pausder. Alice richtet sich speziell an Frauen und soll neben Anlagemöglichkeiten vor allem auch Finanz-Wissen vermitteln.

Und das fängt bei Gründerin Fernandez schon im Kleinen an, Zuhause bei der 45-jährigen Ex-Investmentbankerin - bei ihren Söhnen.

Der 6- und 9-Jährige bekommen jeweils jede Woche 5 Euro, je ein Euro landet in einem von fünf Gläsern und wird so für eine bestimmte Sache gespart: Dinge, für die sie einige Wochen sparen müssen ("Saving for something"), Geschenke (z.B. für den Geburtstag des Bruders, "Giving"), und tägliche Ausgaben, zum Beispiel für Süßigkeiten oder kleinere Spielzeuge ("Spending"). Aber es gibt auch zwei Spar-Gläser für die Zukunft: Alles, was in der Dose fürs "Langzeit-Sparen" (Long-term saving) landet, darf nicht ausgegeben werden, sondern soll später auf einem eigenen Sparkonto landen und dann investiert werden. Das fünfte, für Bildung ("Eduaction") soll dazu dienen, dass die Kinder es sich selber finanzieren können, ein Buch zu einem bestimmten Wissensthema zu kaufen, das sie besonders interessiert - also quasi die persönliche Weiterbildung.

Die Spar-Gläser der Kinder von Fernandez.
Die Spar-Gläser der Kinder von Fernandez.

"Es war ganz normal, an die Wallstreet zu gehen"

So will Fernandez ihren Kindern früh beibringen, was sie selbst früh gelernt hat: den Wert und die Freiheit des Geldes. "Mein Vater hat mich an Finanzen herangeführt", sagt Fernandez im Gespräch mit Business Insider. Mit ihm spricht sie auch heute noch über Geldangelegenheiten. Der Vater arbeitete bei einer Bank für Entwicklungshilfe. Fernandez, die in Costa Rica geboren wurde, zog bis zu ihrem 18. Lebensjahr viel auf dem südamerikanischem Kontinent um - zuletzt machte sie ihren Highschool Abschluss in Mexiko. Von dort ging es zum Studieren in die USA, Finanzen und Entrepreneurial Management an der renommierten Wharton School, später folgte ein MBA in Harvard.

Schließlich begann sie ein Trainee-Programm bei JP Morgan, an der Wallstreet. "In Wharton war es ganz normal, dass man danach an die Wallstreet ging", sagt Fernandez auf die Frage, warum sie sich fürs Investmentbanking entschied. Zwar seien sowohl im Studium, als auch in den diversen Abteilungen bei JP Morgan Frauen nur mit rund 20 Prozent vertreten gewesen, gestört oder gehindert habe sie das aber nie. "Ich wollte einfach mein Bestes geben". Die Tage an der Wallstreet seien lang gewesen, aber auch sehr lehrreich.

Vom Robo-Advisor zur Finanz-Beraterin für Frauen

Nach JP Morgan und Stationen im Management eines Lebensmittel-Lieferdienstes in New York, zog Fernandez nach Deutschland und arbeitete unter anderem für Allianz Global Investors, bevor sie beim Robo-Advisor Liqid in Berlin anheuerte, als Chief Commercial Officer und Teil des Managements. "Bei Liqid habe ich gelernt, wie ein Fintech funktioniert", sagt Fernandez.

Doch obwohl Liqid durch das digitale Investieren schon die Einstiegshürden für Anfänger niedriger gesetzt hat, wird eine Zielgruppe immer noch vernachlässigt: Frauen. Im Februar 2018 verlässt Fernandez Liqid und macht sich als Finanzberaterin für Frauen selbstständig, Einen ersten Workshop gibt sie in der Toskana, sie sieht den großen Bedarf, den ihre Kundinnen haben und erkennt das Potenzial.

2020, mitten in der Pandemie, trifft sie ihren Mit-Gründer, Artyom Chelbayev, im Oktober gründen sie zusammen Alice. Derzeit plant das Team, das aus sieben Festangestellten und einigen Freelancern besteht, im Juli mit einer ersten geschlossenen Beta-Version der App live zu gehen. Wie bei anderen Finanz-Apps für Frauen soll auch hier Finanz-Bildung und das Heranführen an das Thema eine Rolle spielen. Ab September sollen dann auch Nutzerinnen, die nicht zur Beta-Gruppe gehören, über Alice nutzen können -allerdings wird sich das Angebot erst einmal um Finanz-Bildung drehen, wirkliches Investieren soll später folgen.

"Wenn wir es in Deutschland schaffen, schaffen wir es überall"

Das erste Produkt sollen wahrscheinlich ETF-basierte Portfolios sein, mit einer sehr niedrigen Einstiegssumme. Fernandez ist nicht die erste Gründerin, die Frauen zum Investieren bringen will. Financery ist bereits auf dem Markt und mit Heyfina steht eine ähnliche Lösung in den Startlöchern. Ist denn der Markt groß genug, wenn man die Konkurrenz aus genderneutralen Investment-Apps und Frauen-Apps bedenkt und die Tatsache, dass man die eigentliche Zielgruppe erst an das Thema heranführen muss? Fernandez: "Wir reden hier von 50 Prozent der Bevölkerung und hohen Geldbeträgen, die derzeit an der Seitenlinie geparkt sind. Nur 9 Prozent der Frauen in Europa haben Aktien. Also ja - der Markt ist sehr groß."

Fernandez und ihr Team wollen erst einmal auf dem deutschen Markt starten, langfristig ist aber die Expansion in andere Länder geplant. Der deutsche Markt sei der Schwierigste, weil die Deutschen als besonders risikoscheu in Sachen Finanzen gelten. "Wenn wir es in Deutschland schaffen, schaffen wir es überall", sagt Fernandez. Auch eine andere deutsche Spezialität muss noch geklärt werden: Um Alice zu starten, braucht es eine Lizenz der Bundesaufsicht für Finanzdienstleistungsservices (BaFin). Ob sie diese selbst beantragt oder über einen Partner die Lizenz nutzt, kann Fernandez noch nicht abschließend beantworten. "Eine Lizenz ist ein absolutes Asset, aber um schnell auf den Markt zu kommen, kann eine Kooperation besser sein", sagt sie. Der Markt wartet nicht.

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