Die wahre Spaltung Deutschlands wird von Bildungsbürgern betrieben

Lennart Pfahler
Menschen in einer Kneipe in Berlin Kreuzberg.

Gießen, nicht weit vom Markplatz der mittelhessischen Studentenstadt: In der Bar Türmchen trinken die Menschen Gin Tonic oder Aperol Spritz. Die kleinen viereckigen Tische sind frisch poliert, leise säuselt im Hintergrund amerikanische Chartmusik aus den Boxen.

Hier sitzen Studenten höherer Semester, junge Frauen und Männer, einige ältere Damen und Herren. Sie reden über Semesterarbeiten, Jobs am Lehrstuhl. Über Auslandssemester, über das Heiraten – und warum sie nie heiraten wollen. 

50 Meter Luftlinie: Der Mann an der Theke der Bierbörse ist verheiratet. Zumindest deutet darauf der Ring hin, den er an der rechten Hand trägt. Der Mann trägt eine Jeansjacke, eine Kappe mit gebogenem Schirm und einen Schnauzbart. Vor ihm steht ein halbleeres Bier und ein halbvoller Aschenbecher.

Die Bierbörse war früher eine Spielhalle. Jetzt ist sie vor allem eine Kneipe. Hier wird geraucht, es plärrt Schlagermusik aus einer alten Jukebox. Der Umgangston ist rau, niemand redet über Semesterarbeiten.  

Hinter den orangefarbenen Verschlägen, unter denen sich irgendwann mal Fenster befunden haben müssen, zeigt Gießen sein anderes Gesicht.

Parallelgesellschaften sind kein reines Migrationsthema

Man muss nicht nach Duisburg-Marxloh reisen, um eine Parallelgesellschaft zu erleben. Nicht nach Berlin-Neukölln oder in andere Viertel deutscher Großstädte, in denen die Menschen Türkisch miteinander sprechen, Schilder auf Arabisch übersetzt werden und Shisha-Cafés sich an Wettbüros reihen.

Nein, Parallelgesellschaften gibt es überall in Deutschland. Fast könnte man sagen: Die deutsche Gesellschaft existiert nicht mehr im Singular. Deutschland zerfällt in seine Milieus.

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