Der Wahlmarathon


Regen, Nebel und Straßensperrungen – am Wahltag zeigt sich die Hauptstadt nicht gerade von ihrer besten Seite. Wer sich dann doch aus dem Haus begibt, der muss den Weg zu seinem Wahllokal erst einmal finden. Denn weil die Bundestagswahl zeitgleich mit dem Berlin-Marathon stattfindet, versinkt die Stadt am wichtigsten Tag des Jahres im Verkehrschaos. Mit dem Auto kommt man aufgrund der unzähligen Straßensperren am Sonntagmorgen nur schwerlich voran. 44.000 Läufer wollen über die gut 42 Kilometer lange Strecke, die auch durchs Regierungsviertel geht.

Hier bereiten sich alle auf die nächsten vier Jahre vor. Eine Bestätigung von Angela Merkel (CDU) als Bundeskanzlerin trotz erwarteter Verluste für die Regierungskoalition aus Union und SPD gilt Umfragen zufolge als sicher. Mit Spannung wird aber erwartet, ob sich Merkel Regierungsbündnisse jenseits der großen Koalition bieten könnten. 61,5 Millionen Wahlberechtigte sind am Sonntag zur Wahl aufgerufen. Letzte Umfragen sehen die Union zwischen 34 und 36 Prozent. Die SPD steht bei 21 bis 22 Prozent.


Die AfD käme auf 11 bis 13 Prozent, die Linke auf 9,5 bis 11, die FDP auf 9 bis 9,5 Prozent. Die Grünen stehen bei 7 bis 8 Prozent. Damit könnte neben einer neuen großen Koalition aus Union und SPD auch ein Jamaika-Bündnis aus Union, FDP und Grünen möglich werden. Bei der Bundestagswahl 2013 hatte die Union 41,5 Prozent bekommen, die SPD 25,7 Prozent, die Linke kam auf 8,6, die Grünen erreichten 8,4 Prozent. FDP (4,8) und AfD (4,7) scheiterten an der Fünf-Prozent-Hürde.

Im Wahlbüro in der Linienstraße in Berlin-Mitte ist wenige Stunden nach Öffnung schon einiges los. Ein paar Minuten Wartezeit müssen die Hauptstädter da schon mitbringen. Die Wahlbeteiligung sei bislang aber im Durchschnitt. Etwas mehr als 200 von insgesamt 1127 Wahlberechtigten haben bislang ihre Stimme abgegeben, ein Drittel hat – in etwa gleich dem bundesweiten Durchschnitt – aber auch Briefwahl beantragt. Die Stimmen werden erst am Ende ausgezählt.

Viele Hauptstädter sehen dem bevorstehenden Einzug der rechtsnationalen AfD in den Bundestag mit Sorge entgegen. Die Partei könnte sogar drittstärkste Kraft werden. In Berlin fuhr die AfD bereits bei der Abgeordnetenhauswahl im vergangenen Jahr beachtliche Ergebnisse ein. In Bezirken wie Lichtenberg, Marzahn-Hellersdorf und Treptow gibt es ein solides Potenzial rechts der CDU. Hier verbuchten die Rechtspopulisten teilweise bis zu 29 Prozent – was nicht nur an armen Plattenbaugebieten lag, sondern auch an überdurchschnittlichen Ergebnissen in den bürgerlichen Ortsteilen.

Aber die Berliner lassen sich einiges einfallen, um die Menschen umzustimmen. Banner mit dem Spruch „Frag nicht was dein Land für dich tun kann, sondern was du gegen die AfD tun kannst“, sind an mehr als einem Hochhaus zu finden. Auch außerhalb der Hauptstadt ist die Partei mittlerweile in 13 Landtagen vertreten. Besonders viele Stimmen konnte sie in Sachsen-Anhalt (24,2 Prozent), Baden-Württemberg (15,1 Prozent), Mecklenburg-Vorpommern (20,8 Prozent) und Rheinland-Pfalz (12,6 Prozent) holen.


Für die 69-jährige Ulrike Richter ist es in diesem Jahr deswegen besonders wichtig, ihre Stimme abzugeben. Sie ist sich sicher: Der Einzug der AfD in den Bundestag ist eine Gefahr für die Demokratie. „Wir müssen doch unseren Kindern zeigen, dass wir aus der Geschichte gelernt haben. So tun wir das ganz bestimmt nicht“, sagt die Rentnerin frustriert. Trotzdem: Manch einer sieht auch, dass das eben der Wille des Volkes ist und somit Ausdruck einer demokratischen Gesellschaft. Dann sei das auch richtig. Außerdem könnte die AfD den etablierten Parteien ja vielleicht auch mal ein bisschen einheizen.

Über 600 Kilometer weiter hat auch schon SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz seine Stimme in Würselen abgegeben und zeigt sich optimistisch: „Ich glaube, auch heute am Wahltag gibt es nach wie vor Bürgerinnen und Bürger, die überlegen, was sie mit ihrer Stimme machen.“ Er sei zuversichtlich, dass viele der Unentschlossene ihre Stimme seiner Partei geben. „Ich bin optimistisch, dass die SPD mit einem guten Resultat aus diesem Wahlkampf herauskommt.“

Die Wahlbeteiligung war bei den vergangenen Bundestagswahlen deutlich gesunken. Vor vier Jahren lag sie bei nur 71,5 Prozent. Angesichts einer stärkeren Politisierung in diesem Jahr und der teils aufgeheizten Debatte um die AfD erwarten Demoskopen aber einen leichten Zuwachs. Die Wahllokale schließen um 18 Uhr, gleich darauf senden die großen Fernsehsender die ersten Prognosen. Das vorläufige amtliche Endergebnis wird für die Nacht zum Montag erwartet.