Wahlforscher: Medien und Parteien haben AfD im Schlussspurt erst groß gemacht

AfD erhält viel Aufmerksamkeit

Die große Aufmerksamkeit für die AfD in den deutschen Medien und im Wahlkampf anderer Parteien hat ihren Erfolg erst möglich gemacht. Zu diesem Schluss kamen am Montag in Berlin Vertreter der vier Umfrageinstitute Allensbach, Forsa, Forschungsgruppe Wahlen und infratest dimap in ihrer Analyse der Bundestagswahl. Nico Siegel von infratest dimap attestierte Medien und Parteien ein "Agendasetting für die AfD".

Die Wahlforscher waren sich einig, dass das Flüchtlingsthema erst in der Endphase des Wahlkampfes wieder dominant geworden sei. Das habe der AfD ihr zweistelliges Wahlergebnis beschert. "Dadurch, dass alle Parteien sich an der AfD abgearbeitet haben, ist der Partei eine ganz besondere Bedeutung zugekommen, die sie in den Monaten zuvor gar nicht mehr hatte", sagte Renate Köcher von Allensbach.

Der Forsa-Forscher Peter Matuschek sah dabei auch das Kalkül der AfD im Umgang mit den Medien aufgehen. "Es ist natürlich auch der AfD zupassgekommen, dass sie mit ihren gezielten Provokationen - wie das auch Donald Trump gemacht hat - Sendezeit in den etablierten Medien erworben hat", sagte Matuschek.

"Im Prinzip hat sich die gesamte Medienlandschaft auf die AfD gestürzt", sagte auch Matthias Jung von der Forschungsgruppe Wahlen. Er erinnerte an das Kanzlerduell, das sich ausführlich mit der Flüchtlingspolitik befasst hatte. "Natürlich zahlt das Thema auf das Konto der AfD ein", sagte Jung.

Zugleich sei es ein Fehler der Parteien, alle AfD-Sympathisanten zusammen mit den rechtsextremen Vertretern der AfD in die "Nazi-Ecke" zu stellen, sagte Jung. Demnach war die Stigmatisierung der AfD nicht hilfreich in der Auseinandersetzung mit der Partei. "Das kann genau gegenteilige Reaktionen in der Bevölkerung auslösen", sagte Siegel.

Zugleich bestritten die Wahlforscher, dass das Wahlergebnis überraschend sei und Deutschlands Demokratie grundlegend verändere. So sei der Bedeutungsverlust der einst dominanten Volksparteien Union und SPD ein seit den 70er Jahren zu beobachtender Trend. Zugleich sei die politische Mitte relativ stabil: Mehr als 80 Prozent der Wähler wollten mit der AfD nichts zu tun haben, sagte Jung.

Die Wahlforscher waren sich unsicher, ob sich die neue Fraktion der Rechtspopulisten dauerhaft im Parlament etablieren kann. Der AfD stehe im Bundestag ein Stresstest bevor, sagte Jung. "Da muss man erst einmal sehen, ob die Partei bestimmte Spaltungstendenzen überwinden kann." Dennoch erwartete Jung die AfD künftig regelmäßig bei mehr als fünf Prozent der Stimmen.

Siegel sah in dem Parlamentseinzug einer Partei rechts von der Union auch eine "natürliche" Entwicklung, wie sie auch in anderen europäischen Ländern zu beobachten sei. Siegel sagte: "Man muss feststellen, dass das Parteiensystem, das wir bisher hatten, eine Repräsentationslücke hat."