Wahlforscher Jung sieht keine reale Chance für erfolgreiche SPD-Aufholjagd

Der Wahlforscher Matthias Jung sieht für eine erfolgreiche Aufholjagd von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz bis zur Wahl keine reale Chance mehr. Eher möglich seien Verschiebungen bei den kleineren Parteien, sagte Jung der Nachrichtenagentur AFP

Der Wahlforscher Matthias Jung sieht für eine erfolgreiche Aufholjagd von SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz bis zur Bundestagswahl keine realistische Chance mehr. "Es kann sich kaum noch jemand vorstellen, dass da innerhalb einer Woche noch so viel Bewegung denkbar ist, alles zu drehen", sagte Jung am Freitag der Nachrichtenagentur AFP. Dies gelte zumindest für den Anspruch der SPD, die Union noch zu überholen.

Auch die von Schulz wiederholt genannte Hoffnung, noch unentschlossene Wähler auf seine Seite zu ziehen, sei so "eher nicht realistisch", sagte der Vorstand der Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen. Für die Ambitionen von Schulz gelte da wohl: "Die Hoffnung stirbt zuletzt."

Nach dem am Freitagmorgen veröffentlichten ZDF-"Politbarometer" der Forschungsgruppe Wahlen liegt die SPD mit 23 Prozent trotz eines Zugewinns von einem Prozentpunkt weiterhin klar zurück. Die CDU/CSU verliert demnach zwar zwei Prozentpunkte, erreicht aber immer noch 36 Prozent.

Für durchaus möglich hält Jung jedoch Änderungen des Kräfteverhältnisses zwischen den kleineren Parteien, denn hier würden "ein bis zwei Prozentpunkte ja schon eine starke Veränderung" bedeuten. "Verschiebungen in dieser Größenordnung sind da immer möglich, zumal immer in den letzten Tagen vor der Wahl die koalitionstaktische Orientierung stärker in den Blick kommt", sagte der Wahlforscher. Da gehe es dann zunehmend "um die Machtfrage, also wer soll mit wem zusammen regieren".

Das Potenzial sogenannter Unentschlossener hält Jung generell für überschätzt. Viele Wahlberechtigte würden bei Befragungen durchaus eine Wahlabsicht nennen und dann lediglich auf Nachfrage hin angeben, dass sie noch unsicher seien. "Die haben aber schon Präferenzen, wen sie wählen wollen", hob Jung hervor.

Daneben gebe es zwar auch tatsächlich noch unentschlossene Wahlberechtigte, doch "da sind dann überdurchschnittlich viele Nichtwähler darunter". Der Wahlforscher wies darauf hin, dass nur etwa jeder zweite Befragte angebe, sich zumindest leidlich für Politik zu interessieren. "Daher ist es normal, dass ein deutlicher Anteil der Wahlberechtigten mangels Interesse letztlich keine Entscheidung trifft und damit der Wahl fernbleibt."

Menschen, die spontan dann doch noch zur Wahl gingen, und so zu einer Verschiebung der Kräfteverhältnisse beitragen könnten, seien relativ selten. "Es ist eher so, dass eine Menge Leute sagen: 'Ich will eigentlich wählen gehen', aber spontan dann doch nicht wählen", sagte Jung. "Das sind mehr als umgekehrt."

Unsicherheiten sieht der Wahlforscher trotz inzwischen verbesserter Einschätzungen durch die Demoskopen vor allem bei der AfD. Deren Anhänger würden Umfragen teilweise boykottieren, weil Meinungsforscher "auch mit zur 'Lügenpresse' gerechnet" würden. "Daraus erwächst eine gewisse Dunkelziffer." Zudem könnten Anhänger anderer Parteien zu Hause bleiben, weil sie die Wahl schon für entschieden halten. "Davon könnte dann die AfD profitieren."