WAHL: Ökonomen-Stimmen zum Ausgang der Bundestagswahl

dpa-AFX

FRANKFURT (dpa-AFX) - Die Bundestagswahl hat zu starken Stimmenverlusten der Regierungsparteien aus CDU/CSU und SPD geführt. Volkswirte rechnen mit einer schwierigen Regierungsbildung und erwarten Verhandlungen für eine "Jamaika"-Regierungskoalition aus Union, FDP und Grünen. Einschätzungen von Bankökonomen im Überblick:

Jörg Krämer, Chefvolkswirt Commerzbank

"Nach der Bundestagswahl dürften Union, FDP und Grüne über eine Jamaika-Koalition verhandeln. Während die FDP in einer solchen Koalition einen großen Schritt hin zu europapolitischen Vorstellungen des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron verhindern würde, dürften die Grünen für weiterhin hohen Druck auf die Automobilwirtschaft sorgen. Im Bereich der Arbeitsmarktpolitik sollte eine Jamaika-Koalition die Reformen unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) langsamer zurückrollen als eine Koalition zwischen Union und SPD. Eine Neuauflage der großen Koalition wäre nur denkbar, wenn die Verhandlungen über eine Jamaika-Koalition unwiderruflich scheitert und sich die SPD der Staatsräson beugt."

Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg-Bank

"Am wahrscheinlichsten ist eine neue Bundesregierung aus einer Jamaika-Koalition. Diese wird einen stärkeren Schwerpunkt auf eine Senkung der Einkommenssteuer legen. Außerdem ist ein Ausbau der digitalen Wirtschaft und ein Schwerpunkt auf den Kampf gegen den Klimawandel zu erwarten. Dagegen dürfte die künftige Koalition weniger Gewicht auf steigende Rentenzahlungen legen. Der Ausgang der Bundestagswahl zeigt, dass die Deutschen stabile Verhältnisse schätzen. Neuwahlen seien daher extrem unwahrscheinlich. Auch eine Minderheitsregierung unter Merkel erscheint wenig wahrscheinlich. Trotz des starken Abschneidens der rechtspopulistischen AfD ist kein signifikanter Einfluss auf die politische Willensbildung zu erwarten."

David Folkerts-Landau, Chefvolkswirt Deutsche Bank

"Es ist gut für Deutschland, die Europäische Union und die Welt insgesamt, dass so eine erfahrene Regierungschefin am Ruder bleibt. Deutschland muss sich nun - gemeinsam mit Frankreich - stärker für notwendige Reformen der EU engagieren, auch mit Blick auf möglichen Gegenwind aus der italienischen Politik, den Brexit und geopolitische Herausforderungen. Mit ihrer Erfahrung und ihrem rationalen, nicht testosterongesteuerten Ansatz ist Merkel prädestiniert für diese Rolle. Merkels größte Herausforderung ist es zunächst, die wahrscheinliche Jamaika-Koalition zu schmieden. Der Graben zwischen den beiden Juniorpartnern, der FDP und den Grünen, ist vor allem in der Sozial-, Europa- und Umweltpolitik tief."

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt VP Bank

"Die Regierungsbildung wird wohl zu einem zähen Ringen. Mit einer Jamaika-Koalition kann es auch für Europa unter Umständen steiniger werden. Die FDP steht zwar für eine starke EU, doch einer weiteren Integration wird man bei den Liberalen keinen Freifahrschein ausstellen. Der französische Präsident Emmanuel Macron wünscht sich hingegen ein vertieftes Europa - möglicherweise bläst ihm nun zumindest sanfter Gegenwind aus Deutschland entgegen. Für die Börsen ist der Ausgang der Wahl kein erfreulicher, da es wider Erwarten zu politischen Unsicherheiten kommt. Die politische Agenda eines Dreierbündnisses aus Union, FDP und Grüne ist noch völlig unklar."

Björn Jesch, Leiter Portfoliomanagement Union Investment

"Nach Lage der Dinge wird die alte Bundeskanzlerin auch die neue sein. Das dürfte viele, vor allem ausländische Investoren beruhigen. Die Äußerungen der Entscheidungsträger bei CDU/CSU, FDP und Grünen lassen zudem darauf schließen, dass die etablierten Parteien aus staatsbürgerlicher Verantwortung konstruktiv und mit dem Willen zum Erfolg an einer Regierungsbildung arbeiten werden. Je mehr das Bemühen um eine neue Bundesregierung glaubhaft sichtbar wird, umso kleiner werden die Fragezeichen der Investoren. Das werden die Märkte honorieren. Aktuell herrscht also Unsicherheit über den künftigen Kurs der größten Volkswirtschaft Europas, ohne dass eine dramatische Richtungsänderung absehbar wäre. Im Gegenteil: Eine Jamaika-Koalition mag vielleicht sogar für neues Reform-Momentum stehen."