Wenn die Waffenlobby Kreide frisst


Wie konnte der Killer von Las Vegas Sonntagnacht in nur wenigen Minuten 58 Menschen töten und über 500 verletzen? Die Antwort heißt „Bump Stock“ und ist nicht mehr als ein einfaches Kunststoffteil, angeschraubt an einer halbautomatischen Waffe. Schon schießt die fast genau so schnell wie ein echtes militärisches Maschinengewehr.

Das Zubehör kostet im Internet 99 Dollar pro Stück und ist völlig legal zu erwerben und zu nutzen. Noch. Demokratische US-Senatoren haben am Mittwoch einen Verbotsantrag gefordert und am Donnerstag signalisierte US-Präsident Donald Trump überraschend viel Zustimmung dafür. Das Weiße Haus „begrüße diese Diskussion“, hieß es. Im Wahlkampf hatte er noch in Wahlkampfreden versprochen, er werde „niemals, absolut niemals“ am Recht auf Waffenbesitz rütteln.

Dann schaltete sich auch noch die Waffenlobby NRA nach vier Tagen des Schweigens ein: „Die National Rifle Association“, heißt es in einer Stellungnahme der NRA am Donnerstag, „ruft das Amt für Alkohol, Tabak, Feuerwaffen und Explosivstoffe auf, sofort zu überprüfen, ob diese Geräte den Bundesgesetzen entsprechen. Die NRA glaubt, dass es für alle Zusätze, die semi-automatische Waffen so aufrüsten, dass sie wie vollautomatische Waffen funktionieren, zusätzliche Regulierungen geben muss“. Das Amt, kurz ATF genannt, gehört zum US-Justizministerium.

Damit wäre der Weg praktisch frei für ein Verbot dieses Waffenzubehörs, denn viele republikanische Abgeordnete lehnen jede Beschränkung beim Waffenbesitz vehement ab, wenn sie auch von der NRA abgelehnt wird. Der republikanische Sprecher des Kongresses, Paul Ryan, zeigte sich am Donnerstag teilweise einsichtig: „Viele meiner Kollegen und ich wussten gar nicht, was ein Bump Stock ist“, räumte er in einem TV-Interview mit MSNBC ein. Aber wenn man damit die bestehende Gesetzgebung umgehen könne, müsse man ganz klar darüber reden.

Der republikanische Senator Carlos Curbelo aus Florida kündigte noch am Donnerstag einen entsprechenden Gesetzesentwurf an. Sein Büro sei „überflutet worden“ von Anrufen anderer Kongressmitglieder, die sofort Aktionen verlangten. Das sei so eine „eklatante Ausnutzung von Gesetzeslücken“, dass es hier zu einer überparteilichen Aktion kommen müsse. Die demokratische Minderheitsführerin im Kongress, Nancy Pelosi, signalisierte rundheraus Unterstützung für den Vorstoß, merkte aber auch an, das könne nur ein Anfang ein.

Ein Bump Stock ist ein Ersatz für die normale Schulterstütze eines Schnellfeuergewehrs, die der Schütze gegen seine Schulter drückt. Feuert er einen Schuss ab, merkt ein Schütze den Rückschlag der Waffe schmerzhaft durch einen Schlag gegen die Schulter. Der Bump Stock wandelt diese Energie in Geschwindigkeit um. Die Waffe gleitet ein kurzes Stück in die Schulterstütze vor und zurück und der Finger muss nur einfach permanent am Abzug gehalten werden. Die Bewegung der Waffe löst direkt den nächsten Schuss aus und so wird beinahe die Feuergeschwindigkeit eines echten vollautomatischen Maschinengewehrs erreicht.

Mit einem Bump Stock lässt sich die Feuerrate eines AR-15, Lieblingsgewehr amerikanischer Massenmörder, bis zu vervierfachen. Weil die Vorrichtung keinerlei mechanische Eingriffe an der Waffe erfordert, sind sie nicht verboten.



Kriegswaffen sind seit 1986 verboten

Schon die ersten Videos, die im Internet von Tat in Las Vegas auftauchten, begangen von einem 64-jährigen US-Staatsbürger, der sich vom einfachen Angestellten zum wohlhabenden Immobilienbesitzer und Profi-Glücksspieler hochgearbeitet und praktisch bis zum Sonntag ein völlig unauffälliges Leben geführt hatte, lösten bei Experten ungläubiges Entsetzen aus.

Ein unaufhörliches beißendes Belfern von Schüssen in extrem schneller Reihenfolge war zu hören, wie es typisch ist für vollautomatische Kriegswaffen wie ein M-16, deren Verkauf in den USA jedoch seit 1986 verboten ist und die nur noch ganz selten auftauchen. Wer noch eines hat und keine spezielle Lizenz dafür besitzt, muss mit massiven Strafen rechnen. Mindestens zwölf der 29 im Hotelzimmer gefundenen Waffen waren mit den legalen Schussbeschleunigern aufgerüstet.

Die öffentliche Diskussion nach dem Massenmord ist weit massiver noch als bei früheren Massakern, etwa in einem Nachtclub für Homosexuelle oder an einer Grundschule, bei der viele Kinder ermordet wurden. Las Vegas mit seinem „Strip“ bestehend aus zahllosen Luxushotels und Casinos ist mit einem Schlag zum effektivsten Ziel für Terroristen in den USA geworden: Hier kommt es regelmäßig zu großen Menschenansammlungen, finden Konferenzen mit zehntausenden Teilnehmern statt, oder feiern Partygänger einen Geburtstag oder Junggesellenabschied.



Die Straßen von Las Vegas sind immer brechend voll mit Menschen. Weil die Temperaturen eigentlich auch im Winter sehr angenehm sind, finden viele Aktivitäten, so wie das Country-Musik-Festival am Sonntag mit 22.000 Teilnehmern, im Freien statt. Solche Massenansammlungen bedürfen keiner besonders guten Schützen. Ein Attentäter muss nur einfach in die Menge halten. Und ob er dann eine vierfache Feuergeschwindigkeit hat oder nicht, das spielt dann schon eine Rolle.

Bürgerrechtsanwälte, die sich schon lange für eine Verschärfung der Waffengesetze aussprechen, sind hin und hergerissen von dem möglichen Verbot der Bump Stocks. Sie würden absolut gefährliche Instrumente aus dem Markt, gleichzeitig aber auch Druck von einem generellen Verbot von halbautomatischen Sturmgewehren nehmen. Sozusagen ein Blitzableiter, der von der eigentlichen Gefahr ablenken könnte.

Immer mehr Amerikaner ändern ihre Meinung zum freien Waffenbesitz, besonders wenn es um Waffen geht, die sich weder zur Jagd, noch zum Sportschießen oder zur Selbstverteidigung eignen. Sie sehen auch den Vorstoß der NRA skeptisch. Der Wunsch, die Angelegenheit nur dem Ministerium zu übergeben, wäre aus Sicht der Lobby der eleganteste Weg, um eine Gesetzgebung zu verhindern. Würde das ATF entscheiden, dass die Bump Stocks illegal seien, wäre das nicht mehr als ein Verwaltungsakt. Ganz im Sinn der NRA, die die unselige öffentliche Debatte um das Massaker schnell beenden will und sicher auch im Sinne von Donald Trump, der dann nicht wirklich sein Versprechen brechen müsste, niemals am Waffenbesitz zu rütteln.

Und während sich die Diskussion hinzieht, treffen in Las Vegas im Stillen zwei der größten Probleme der USA aufeinander: Waffen und Gesundheitssystem. Viele der Verwundeten haben keine Versicherung oder sehen sich trotz Versicherung mit hohen Zuzahlungen aus eigener Tasche konfrontiert, wenn sie vielleicht nach Wochen oder Monaten und zahlreichen Operationen das Krankenhaus wieder verlassen können.

Den Opfern und ihren Familien droht dann nach dem körperlichen und seelischen Schmerz noch der Privatkonkurs wegen Krankenhausrechnungen, die in die Hunderttausende gehen können. Die Stadt Las Vegas hat deshalb schon eine eigene Seite eingerichtet, auf der US-Bürger spenden können, damit die Krankenhausrechnungen bezahlt werden können. 15 Millionen Dollar ist das Spendenziel. Rund zehn Millionen Dollar sind bereits eingegangen.