Die deutsche Wackel-Abwehr in der Analyse

Florian Plettenberg, Jochen Stutzky, Onur Özdamar
Kimmich, Khedira, Boateng, Rüdiger, Draxler (v.l.) - alle DFB-Stars sind in der Defensive gefragt

An der Taktik feilen, an Stellschrauben drehen - so simpel klingt der Trainingsplan der deutschen Nationalmannschaft vor dem WM-Auftakt gegen Mexiko am Sonntag (ab 17 Uhr im LIVETICKER).

Woran die deutsche Elf jedoch vor allem arbeiten muss, ist das Defensiv-Verhalten. Dieses war sowohl bei der Test-Pleite gegen Österreich (1:2) als auch beim Stotter-Sieg gegen Saudi Arabien (2:1) längst nicht weltmeisterlich.

Zu große Lücken, schlechtes Umschaltverhalten, Fehlpässe - von der deutschen Hintermannschaft ist man bessere Leistungen gewohnt als man zuletzt sah.

Drei ehemalige Nationalspieler - Marcell Jansen, Marko Rehmer und Doppelpass-Moderator Thomas Helmer - analysieren bei SPORT1 die DFB-Defensive.


Umschaltverhalten macht Löw Sorgen

Bundestrainer Joachim Löw testete in beiden WM-Vorbereitungsspielen die Außenspieler Julian Brandt und Leroy Sane, dann Thomas Müller, Julian Draxler und Marco Reus. Allesamt waren sehr offensiv eingestellt, was man dem deutschen Spiel auch anmerkte.

"Es ist eine Gefahr, wenn die Außenbahnspieler nicht genügend nach hinten arbeiten. In der Rückwärtsbewegung sehe ich Verbesserungspotenzial. Denn das Problem ist nicht die Viererkette allein", erklärt Marcell Jansen (SERVICE: WM-Spielplan).

Der 45-malige Nationalspieler macht klar: "Probleme in der Defensive fangen mit dem Anlaufverhalten des Stürmers an - beim Pressing und beim Fallenlassen. Der Schlüssel sind daher die Außenbahnspieler, die nach hinten mit umschalten müssen."


Ähnlich äußerte sich am Donnerstag auch Jerome Boateng, wenngleich er betonte, dass bei deutschen Angriffen auch die Defensive dafür sorgen müsse, dass die Grundordnung bei Ballverlust stimme.

"Dass wir verteidigen fängt vorne an, im Umschaltspiel. Wenn es gilt, einen Konter oder einen Gegenangriff zu ersticken, ist die ganze Mannschaft gefragt. Wir müssen eine gute Balance finden. In den letzten Spielen hat man gesehen, dass das nicht so gut war, wie es vorher schon mal war", gestand der Bayern-Profi.

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Boateng wieder fit - 1. Wahl neben Hummels

Seinen Muskelbündelriss in den linken Adduktoren hat Jerome Boateng mittlerweile ausgeheilt. Zeigte er in seiner Comeback-Halbzeit gegen Saudi-Arabien noch Wackler, ließen die Trainingseindrücke am Mittwoch den Schluss zu, dass der Innenverteidiger immer mehr auf dem Weg zur WM-Form ist.

Dann ist er an der Seite von Mats Hummels gesetzt - auch Löw ließ das auf der Pressekonferenz am Mittwoch durchblicken.


Boateng selbst erklärte am Donnerstag sein Rezept für erfolgreiche Abwehrarbeit. 

"Wird Boateng richtig fit, dann sind wir in der Defensive stark aufgestellt. Er ist sehr wichtig für die Mannschaft. Wenn er fit ist, wird er spielen - hinzu kommt ein fitter Manuel Neuer", sagt Marko Rehmer, der in seiner Karriere 36 Mal im DFB-Dress auflief und dabei vier Tore erzielte (Der WM-Spielplan zum Ausdrucken).

Der langjährige Herthaner mahnt aber auch: "Aktuell sieht es defensiv noch nicht richtig rund aus. Dass wir uns in der Defensive steigern müssen, hat man in den letzten Spielen gesehen. Wir müssen defensiv zulegen, um den Titel zu verteidigen." 

Spritzigkeit fehlte bei Kimmich und Hector

Auffällig war auch, dass vor allem die etablierten Außenverteidiger Joshua Kimmich und Jonas Hector zuletzt nicht in Topform waren. Dass es beide weitaus besser können als gegen Österreich und Saudi-Arabien, haben sie längst bewiesen.

Kimmich jedoch wirkte überspielt, von Hector war in der Offensive nahezu nichts zu sehen. Zudem sah der Kölner bei Gegentoren nicht gut aus.

"Wenn die deutsche Elf wieder richtig in die Zweikämpfe kommt, in den richtigen Momenten zupackt und sich nach dem Trainingslager jetzt auch die Müdigkeit wieder legt, hat unsere Defensive enormes Potenzial", prophezeit Jansen und stellt für sich fest: "In der Defensive sind wir besser besetzt als alle anderen Nationen. Vor allem mit so starken Charakteren wie Mats Hummels, Jerome Boateng, Sami Khedira, Toni Kroos und Joshua Kimmich. In der Offensive hingegen sind Brasilien, Frankreich und England stärker als wir."


Auch Rehmer macht Hoffnung auf Besserung: "Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass man die Leistungen in Freundschaftsspielen nicht überbewerten sollte. Wenn das Turnier losgeht, werden wir voll da sein. Wir sind auf jeden Fall einer der Favoriten."

Khedira und Kroos müssen Zentrale stabilisieren

Vor allem gegen Österreich war ersichtlich, dass sich das deutsche Spiel schlagartig ändert, wenn einer der etablierten Sechser wegfällt ­­- in dem Fall Sami Khedira, der zur Halbzeit ausgewechselt wurde. Das Spiel der Löw-Elf verlor an Ordnung, Österreich kam zu vielen Kontern.

Gegen Saudi-Arabien war dies ebenfalls auffällig. Nämlich immer dann, wenn Khedira oder Kroos zu offensiv wurden und nicht schnell genug in die Defensive umschalteten.

"Es ist wichtig, wer im defensiven Mittelfeld spielt", sagt Thomas Helmer im Hinblick auf die defensive Ordnung. Der ehemalige Innenverteidiger (70 Länderspiele/5 Tore) hat als Sechser-Alternative sogar eine Überraschung parat: "Antonio Rüdiger traue ich im defensiven Mittelfeld eine gute Rolle zu. Auch, wenn er gelernter Innenverteidiger ist. Er ist sehr athletisch, agil und wirkt spritzig."


Wie Jansen und Rehmer steht aber auch für Helmer fest, dass WM-Panikmache im Falle der deutschen Nationalmannschaft noch nicht angebracht ist.

Denn dafür, betont der Europameister von 1996, "sind wir einfach zu stark".