Wie Trump China in ein Finanzdilemma stürzt


Schanghai und Shenzen haben eine ordentliche Überraschung erlebt. Denn die Börsen dort legten am Montag um ein Prozent zu – auf den ersten Blick unerwartet. Denn US-Präsident Donald Trump hatte Ende vergangener Woche den Konflikt mit China noch einmal kräftig angeheizt. Die Kapitalmärkte hatten sich zuvor schon auf Zölle für US-Importe aus China im Wert von 200 Milliarden US-Dollar pro Jahr eingestellt.

Und dann drohte Trump kurzerhand auch noch, das Volumen auf 500 Milliarden Dollar zu erhöhen. Dann wären praktisch alle Importe aus China betroffen. „Wenn das Szenario eintritt, könnten die chinesischen Aktien noch weitere 15 bis 25 Prozent nachgeben“, warnt Ting Gao, Aktienstratege bei UBS in Hongkong. Auch die chinesische Währung, die ebenfalls schon länger unter Druck steht, dürfte dann weiter in die Knie gehen.

Dass die Börsen Schanghai und Shenzhen nun aber sogar noch ein leichtes Plus eingefahren haben – trotz Trumps Drohungen, hat einen einfachen Grund: Die Regierung in Peking reagierte prompt auf die wirtschaftliche Bedrohung, indem sie mehr Ausgaben versprach und die Zentralbank weitere 74 Milliarden Dollar in das Finanzsystem pressen ließ.


Zhang Zhiwei, China-Chefökonom der Deutschen Bank, wertet diesen Schritt als ein weiteres Zeichen für eine geldpolitische Lockerung. Dabei geriet die Währung, Renminbi oder Yuan genannt, noch mehr unter Druck. Sie war seit April bereits um acht Prozent gefallen.

Zhang meint nüchtern: „Die Abwertung des Yuans war nicht überraschend, denn der Handelskrieg mit den USA ist eskaliert, außerdem war der Dollar in der letzten Zeit sehr stark gegenüber den anderen Währungen.“ Diese jüngste Eskalation macht deutlich, in was für einer schwierigen Situation China steckt.

Nach einer langen Periode mit hohem, zu einem großen Teil durch Schulden finanziertem Wachstum versucht die Regierung gegenzusteuern. Sie fördert den Abbau von Schulden und räumt der Stabilität des Finanzsystems einen höheren Stellenwert ein. Aber der Konflikt mit den USA könnte sie von dem Ziel wieder abbringen.

Die Pekinger Führung steht vor einem Dilemma: Will man durch strengere Regularien die Risiken im Finanzsystem weiter abbauen oder ist es wichtiger, das Wachstumsziel von 6,5 Prozent dieses Jahr zu erreichen? Oder, wie es die Bundesbank in ihrem neuen Monatsbericht mit Blick nach Peking formuliert: „Eine deutliche Verringerung von Risiken aus der Kreditentwicklung steht in einer gewissen Spannung mit kurzfristigen gesamtwirtschaftlichen Wachstumszielen.“

Pekinger Führung berät im Badeort

Derzeit schaut China auf das jährliche „Sommertreffen“ der Pekinger Führung im nordchinesischen Badeort Beidaihe. Hinter verschlossenen Türen beraten sich dann die höchsten Entscheidungsträger des Landes über Themen wie den Handelskrieg, die Armutsbekämpfung oder den Schuldenabbau.

Zwar ist offiziell noch kein Tagungsdatum bekannt, aber Beobachter gehen davon aus, dass sie Anfang August stattfinden wird. Zhang glaubt, dass ein Resultat dieses Treffens eine Umorientierung „von Schuldenabbau auf die Stabilisierung des Schuldenlevels“ sein könne. Sprich: nicht noch mehr Gas geben, aber auch nicht den Fuß vom Gas nehmen.

Zuletzt scheint das Wachstum an Schwung verloren zu haben. Die Industrieproduktion stieg im Juni nur noch um sechs Prozent, nach 6,8 Prozent im Mai. Investitionen in Anlagevermögen wuchsen dieses Jahr auch nur um sechs Prozent und waren damit auf dem niedrigsten Niveau seit mehr als 20 Jahren. Der Einzelhandelsverkauf blieb ebenfalls unter den Erwartungen.


Die Ausfallrate im Markt für Unternehmensanleihen stieg dagegen in den ersten sechs Monaten 2018 um 36 Prozent auf 2,9 Milliarden Dollar. Laut einer Studie der Deutschen Bank handelt es sich jedoch um Einzelfälle mit „geringer Ansteckungsgefahr“.

Die großen Schuldner seien Staatsunternehmen dem Bericht zufolge, deren potenzielle Ausfallrate von 9,2 Prozent im Jahr 2015 auf 1,5 Prozent im vergangenen Jahr gefallen sei. Gao weist darauf hin, dass das härtere Vorgehen der Behörden dazu beiträgt, dass faule Kredite abgeschrieben werden.

Der gesamte Schuldenberg Chinas war in den vergangenen Jahren stetig gewachsen und stand Ende 2017 bei 242 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Dieses Jahr konnte die Verschuldung stabilisiert werden, vermeldete die chinesische Zentralbank, erste Ergebnisse seien auch beim Abbau zu erkennen.

In den vergangenen zwei Jahren hatte Peking die Kontrolle und Minderung von Risiken im Finanzsystem zur Priorität erklärt. Entsprechend hatte sie die Geldpolitik gezügelt und strengere Regularien eingeführt. Auf dem Nationalen Volkskongress Anfang März hieß es, dass das Haushaltsdefizit mit 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts um 0,4 Prozentpunkte niedriger ausfallen sollte als im Vorjahr.


Jetzt beobachtet der Ökonom Zhang jedoch eine Richtungsänderung in Peking. „Bevor die US-Regierung Ende März zum ersten Mal Strafzölle auf chinesische Produkte, damals im Wert von 50 Milliarden Dollar, angekündigt hatte, war Peking auf den Schuldenabbau fokussiert. Seitdem gibt es erste Anzeichen einer Lockerung der Geldpolitik.“

Mitte April kündigte die Notenbank an, den Mindestreservesatz (RRR) für fast alle Geldhäuser um einen Prozentpunkt zu senken, auf 15 Prozent für kleinere und 17 Prozent für größere Geldhäuser. Anfang Juli folgte eine weitere Herabsetzung um 0,5 Prozentpunkte.

Insgesamt wurden dadurch rund 300 Milliarden Dollar freigesetzt. Damit sollten Zentralbankkredite beglichen werden, aber die Banken wurden auch angewiesen, das Geld als Kredite an kleine Firmen im Land zu vergeben. Die Liquiditätsspritze von 74 Milliarden Dollar am Montag reiht sich in diese Entwicklung ein.

Zentralbank wird wohl die Währung abwerten

Zugleich glauben die Experten nicht, dass die Zentralbank die Währung abwerten will. Tai Hui von JP Morgan Asset Management schreibt: „Wir haben gesehen, wie die Angst der chinesischen Investoren wegen eines schwachen Yuans 2015 zum Kapitalabfluss geführt hat. Das ist nichts, das Peking wieder erleben möchte.“

Selbst wenn die Währung weiter sinkt, halten sich die Folgen in Grenzen. Zhang glaubt, dass die Führung seit damals ihre Kontrollen ausgebaut hat. „Sollte die chinesische Zentralbank den Kapitalfluss kurzfristig stoppen wollen“, sagt er, „wird sie es tun können. Dadurch wird eine Abwertung kurzfristig keine Auswirkungen haben. Sie mag zwar den Aktienmarkt treffen, aber dem Finanzsystem nicht merklich schaden.“

Folgt man Gao, so sind auch dem Verfall der Aktien Grenzen gesetzt. „Wir haben ein durchschnittliches Kurs-Gewinn-Verhältnis von 11,5“, sagt er, „das sind nur zehn Prozent oberhalb des Werts vom Sommer 2016, als die Exporte stark eingebrochen waren. Das zeigt, wie sehr schlechte Nachrichten schon in den Kursen enthalten sind.“

Die Zukunft Chinas ist nicht nur für die Investoren ein Thema. Bei der Bundesbank heißt es: „Das fernöstliche Land stellt nunmehr den drittwichtigsten Absatzmarkt für deutsche Waren dar.“ Hinzu kommen rund 80 Milliarden Euro an deutschen Direktinvestitionen.


Dieses Geld stammt zu 90 Prozent von Unternehmen außerhalb des Finanzsektors. Daher seien Kreditausfälle für deutsche Banken allenfalls indirekt zu befürchten, wenn einige dieser Unternehmen unter Druck gerieten. Und was bringt die Zukunft? Gao sieht Fortschritte auf dem Weg „zu mehr Marktwirtschaft“, spricht aber von einem „langsamen Prozess“.

Er glaubt, dass der Handelskrieg nur die Oberfläche eines tieferen Konflikts ist. „Das eigentliche Thema ist die Industriepolitik Chinas“, sagt er. Die gezielte Förderung von Zukunftsbranchen wie erneuerbarer Energien, künstlicher Intelligenz und neuen Werkstoffen schürt im Westen die Angst, technologisch überholt zu werden.

Aber selbst wenn die Regierung auf Druck von außen hin diese Förderung zurückfahren sollte, sieht er keine großen Probleme für diese Branchen: „China hat eine große Anzahl hochqualifizierter Ingenieure und Softwareexperten und jede Menge Finanzierungsquellen für diese Bereiche.“