Wachsende Beschäftigung verbessert soziale Gerechtigkeit in Europa

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Zehn Jahre nach der Finanzkrise sind die meisten europäischen Staaten über den Berg: Die spürbare Erholung der Arbeitsmärkte habe die soziale Gerechtigkeit weithin verbessert, heißt es im Social Justice Index 2017, den die Bertelsmann-Stiftung am Donnerstag in Gütersloh veröffentlichte. Demnach gehört Deutschland zwar zu den wirtschaftlichen Spitzenreitern, die Autoren kritisieren jedoch Defizite bei der Bekämpfung des Armutsrisikos und bei der Verbesserung der Bildungsgerechtigkeit.

Mit dem Social Justice Index untersucht die Bertelsmann-Stiftung seit 2008 die Teilhabechancen in der Europäischen Union anhand der sechs Kriterien Armutsvermeidung, Arbeitsmarkt, Bildung, Gesundheit, Nichtdiskriminierung und Generationengerechtigkeit. An der Spitze liegen dabei laut Index Dänemark, Schweden und Finnland.

Griechenland bleibt trotz leichter Verbesserungen das Schlusslicht. Die Arbeitslosigkeit sank dort zwar von 27,7 im Jahr 2013 auf 23,7 Prozent im Jahr 2016. Dennoch sei fast die Hälfte der Jugendlichen arbeitslos - 47,3 Prozent 2016 nach 58,3 Prozent 2013. In Deutschland liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 7,1 Prozent.

Der Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung, Aart De Geus, forderte mit Blick auf die Zahlen eine EU-weite "politische Führung". Sie müsse "einen verlässlichen Rahmen schaffen", damit alle vom Aufwärtstrend profitierten und "vor allem die Jugendlichen nicht allein gelassen werden", erklärte er.

Deutschland hat zwar einen starken Arbeitsmarkt und EU-weit die geringste Jugendarbeitslosigkeit, kommt aber im Index gleichwohl nur auf Platz sieben. Negativ sei der hohe Bestand an Langzeitarbeitslosen mit rund 41 Prozent aller Arbeitslosen.

Zudem haben Arbeitnehmer mit ausländischem Geburtsort deutlich schlechtere Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt als hierzulande Geborene. Im EU-Vergleich liegt die Bundesrepublik hier auf Rang 24.

Auch im Bereich Chancengleichheit und Bildung gibt es Kritik an Deutschland. Zwar habe sich der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg verringert, sei aber im EU-Vergleich immer noch relativ stark. Hier liegt Deutschland auf Rang 17 - nach Rang 23 im Jahr 2006.

Verbesserungspotenzial zeige sich trotz brummender Wirtschaft auch bei der Wohlstandsverteilung. Das Armutsrisiko habe sich in den vergangenen Jahren kaum verringert. Der Anteil der Menschen, die von Einkommensarmut bedroht sind, lag 2016 bei 16,5 Prozent - nach 16,7 Prozent im Jahr 2015 und 15,6 Prozent im Jahr 2010.

Zudem sei der Anteil der von Einkommensarmut bedrohten Menschen über 65 Jahre von 14,1 Prozent im Jahr 2010 auf 17,6 Prozent gestiegen. Für alte Menschen werde das Armutsrisiko weiter steigen, heißt es in der Studie.

"Langfristig orientierte Politikansätze, die sowohl die sozialen Sicherungssysteme zukunftsfest machen als auch die Beschäftigungsfähigkeit der Risikogruppen verbessern, sind derzeit jedoch kaum in Sicht", kritisierte der Sozialexperte der Stiftung, Daniel Schraad-Tischler.