Dem Wähler aufs Maul geschaut: "Frau Kuschelpolitik" oder der "Messias von Würselen"?

Ein Reporter fragt nach der politischen Stimmung - und erlebt Überraschungen.

Viele bunte Wahlplakate säumen die Straßen der Republik im Sommer 2017. Es sind nur noch wenige Wochen bis zur Bundestagswahl. Während sich SPD-Herausforderer Martin Schulz angesichts miserabler Umfragewerte abstrampelt, meidet Kanzlerin Angela Merkel jede echte Konfrontation. 

Wie denkt Deutschland im Wahlsommer? Eine Reporter-Reise per Anhalter soll Antworten bringen. Von Würselen, wo Martin Schulz mal Bürgermeister war. Nach Templin, wo Merkel groß geworden ist. Vom Rheinland in die Uckermark. 700 Kilometer Deutschland, drei Tage von West nach Ost.

Der 62-jährige Erstwähler in Würselen 

Meine Reise beginnt im Rheinland. Würselen ist eine gemütliche Kleinstadt bei Aachen, rund 40.000 Einwohner, niedrige Nachkriegsbauten, große Kirche in der Mitte. Seit der Kandidatur von Martin Schulz ist Würselen bekannt, auch weil der SPD-Mann seine Herkunft in bald jedem zweiten Satz erwähnt. Viele nennen ihn „den Martin“.  Das Plakat von Angela Merkel hängt frisch auf dem Morlaixplatz, aber Helmut Jungnitsch posiert nur ungern davor. Merkel wirbt darauf „für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Für Jungnitsch persönlich könnte es besser laufen. Er verschränkt die Arme, auf einem hat er ein Kreuz tätowiert. Einst verdiente er als Küchenmonteur sein Geld, nun ist er arbeitslos. Die Reichen würden immer reicher, klagt er, die Armen ärmer. Politikern habe er noch nie vertraut. Deshalb sei er noch nie zur Wahl gegangen. In diesem September will der 62-Jährige zum ersten Mal ein Kreuz machen - für Martin Schulz. Nicht nur, weil der SPD-Kandidat aus Würselen kommt. „Der ist sachlich und direkt, der schweift nicht aus“, sagt er. 

Die Wutwähler am Kiosk

Am Kiosk auf dem Markt nennen sie Schulz den „Messias von Würselen“. Elke Göbbels steht hinter dem Tresen voller bunter Blätter, wie sie es seit 15 Jahren tut. Sie schimpft auf Angela Merkel, die sie nur „Frau Kuschelpolitik“ nennt. „Wir haben Wut im Bauch“, sagt Göbbels. Den Alten im Land gehe es immer schlechter, davon ist sie tief überzeugt. Da mögen die Renten noch so kräftig steigen - beim Blick aus ihrem Verkaufsfenster sieht Elke Göbbels eine andere Wirklichkeit. Vor ihrem Büdchen sitzen ältere Männer, einer davon mit Rollator. Sie schimpfen mit. Der Staat solle sich weniger um Flüchtlinge kümmern, sondern mehr um die Deutschen. Der islamistische Terrorismus, die Kriminalität, das mache ihnen Angst, sagen sie. 

Die Mutbürger mit dem Kind

Ich will nun losfahren. Am Rasthof Aachener Land Süd heißt es: Daumen raus. Es dauert eine Weile. Doch dann nimmt mich auf dem Rastplatz eine silberne Familienkutsche mit. Die kleine Hannah Adel brüllt ab und zu auf dem Rücksitz, aber wenn man nach hinten schaut, grinst sie fröhlich. Auch ihre Eltern Marco (31, Steuer) und Lena (28, Rückbank) machen einen zufriedenen Eindruck. Vielleicht auch, weil sie gerade aus dem Holland-Urlaub zurückkehren. Er arbeitet bei einer Straßenbaufirma, sie ist Sozialarbeiterin. Sie bauen gerade ein Haus. 

Die drei leben im rheinland-pfälzischen Lütz. „Bei uns ist es eher CDU-geprägt“, erzählt Marco Adel. Im September ist er Wahlhelfer. Er sagt: „Wenn du mitdiskutieren willst, musst du dein Wahlrecht nutzen.“ Die Adels stehen keiner Partei nahe, aber sie wissen, was ihnen wichtig ist: eine sichere Rente, weniger Steuern jetzt und eine gute Zukunft für ihr Kind. Hannah ist zehn Monate alt. Wird sie sich vor Terror fürchten müssen in einer Welt voll Krisen? „Wir haben ein kleines Kind in die Welt gesetzt. Da muss man...Lesen Sie den ganzen Artikel bei berliner-zeitung