VW-Markenchef Diess soll Müller ablösen

Volkswagen hat den Umbau des Vorstands angekündigt. VW-Chef Müller soll von Markenchef Diess abgelöst werden. Müller hatte den Vorstand kürzlich als „riesiges Problem“ bezeichnet.

VW kommt nicht zur Ruhe: Wie der Autobauer am Dienstag per Ad-hoc-Mitteilung bekanntgab, arbeitet der Aufsichtsrat an einem Umbau des Vorstands. Davon könnte auch VW-Chef Matthias Müller betroffen sein. Die Aktiengesellschaft erwäge eine Weiterentwicklung der Führungsstruktur für den Konzern, „die auch mit personellen Veränderungen im Vorstand und mit Änderungen bei den Ressortzuständigkeiten im Vorstand verbunden wäre“, heißt es in der Mitteilung. Dazu könnte auch eine Veränderung im Amt des Vorstandsvorsitzenden gehören.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Matthias Müller als VW-Chef abgelöst wird?

Die Anzeichen verdichten sich zunehmend. Wie das „Handelsblatt“ unter Berufung auf Konzernkreise berichtet, soll der Abschied von Müller bereits beschlossen sein. Nachfolger soll demnach VW-Markenchef Herbert Diess werden. Das bestätigten auch zwei Personen mit Kenntnis der Beratungen gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. Bereits auf einer Sitzung des Aufsichtsrats an diesem Freitag könnte die Personalie entscheiden werden, hieß es. Der 59-jährige frühere BMW-Manager Diess sei als Nachfolger vorgesehen.

Warum muss Müller gehen?

Einen konkreten Vorwurf oder ein Fehlverhalten gibt es offenbar nicht. Die Deutsche-Presse-Agentur berichtet in Berufung auf Kreise des Kontrollgremiums, Müller werde intern Entscheidungsschwäche vorgeworfen. Der geplante Konzernumbau bei Volkswagen soll nach Darstellung aus Aufsichtsrats-Kreisen einen neuen „Aufbruch“ bei Europas größtem Autokonzern ermöglichen. Der notwendige Umbau gehe unter Müller nicht schnell genug, hieß es mit Blick auf den grundlegenden Wandel der Automobilindustrie. „Das war keine einfache Zeit, mit einem hohen Druck von außen“, sagte Branchenexperte Stefan Bratzel der dpa. Müller habe aber beim Umbau positive Akzente gesetzt.
Im Aufsichtsrat sei in den vergangenen Wochen die Erkenntnis gereift, dass es nach der Aufarbeitung der Dieselkrise einen personellen Neuanfang brauche, schreibt das „Handelsblatt“. In den Gesprächen mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Dieter Pötsch habe Müller „seine grundsätzliche Bereitschaft signalisiert, an den Veränderungen mitzuwirken“, heißt es in der VW-Mitteilung. Bereits in der Vergangenheit hatte Müller angedeutet, dass er seinen Vertrag als Vorstandsvorsitzender nicht verlängern will. Müller war im Herbst 2015 von den Eigentümerfamilien Porsche und Piëch von seinem Posten als Porsche-Chef abberufen und nach Wolfsburg geholt worden, nachdem VW-Chef Martin Winterkorn im Abgasskandal seinen Hut nehmen musste.


Warum ist die Wahl so schnell auf Diess gefallen?

Weil er die logische Wahl ist. Diess wurde Ende 2014 als VW-Markenchef verpflichtet und trat seinen Posten 2015 an. Bereits damals galt er als möglicher Kronprinz für Martin Winterkorn. Nach dem gewonnenen Machtkampf gegen den Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch im Frühjahr 2015 wollte Winterkorn den Konzern bis Ende 2018 führen und dann in den Aufsichtsrat wechseln. In dieser Zeit sollte Diess die margenschwache VW-Kernmarke sanieren, sich den nötigen Stallgeruch erarbeiten und dann von Winterkorn übernehmen. Matthias Müller wurden damals nur Außenseiterchancen auf den VW-Chefposten eingeräumt, falls Volkswagen den Chefwechsel unerwartet vorziehen müsste – wie es dann wegen des Abgasskandals kam.

Wofür steht Diess?

Die Aufgabe, für die er geholt wurde, hat Diess erfüllt: Die operative Rendite der Kernmarke ist mit 4,1 Prozent doppelt so hoch wie vor seinem Antritt, das Ergebnis der Marke VW stieg allein 2017 von 1,9 auf 3,3 Milliarden Euro. Mit dem „Zukunftspakt“ hat Diess den Gewerkschaften Milliarden-Einsparungen und einen Stellenabbau abgerungen. Die Verhandlungen liefen zwar nicht immer lautlos, für die Anteilseigner aber am Ende wohl zufriedenstellend. Dazu kommt, dass Diess sich in der Krise als ruhiger und besonnener Kommunikator nach innen und außen erwiesen hat – im Gegensatz zu VW-Chef Müller, der sich den ein oder anderen verbalen Fehltritt geleistet hat.


Welche Rolle spielt Diess im Dieselskandal?

Er hat erst 2015 bei Volkswagen angefangen, an der Entwicklung und Verbreitung der Manipulations-Software hat er also nicht mitgewirkt. Noch offen ist aber seine Rolle bei der Geheimhaltung des Skandals. Wie mehrere Dokumente nahelegen, waren Diess und Winterkorn bereits im Juli 2015 über die Abgasmanipulationen informiert worden, hatten aber nicht die Aktionäre darüber informiert. Deshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft Braunschweig unter anderem gegen Diess wegen des Verdachts der Marktmanipulation. Das Ergebnis steht noch aus.

Wie sieht Müller selbst die Lage?

Zu der aktuellen Mitteilung hat sich der Vorstandsvorsitzende noch nicht geäußert. Zuletzt hatte Müller aber die Zusammensetzung des Konzern-Spitzenmanagements scharf kritisiert. Das Führungsteam müsse „weiblicher, jünger und internationaler“ werden. „Das ist ein riesiges Problem des Konzerns“, sagte er dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im März. Dabei scheint der 64-Jährige auch nicht vor sich selbst haltzumachen.


Spekulation um weiteren Wechsel im Vorstand

Wie alt ist der VW-Vorstand wirklich?

Nur zwei Ausreißer: Neben Müller, Jahrgang 1953, sticht noch Hiltrud Werner, Vorständin für Integrität und Recht, als Jahrgang 1966 hervor. Die anderen Vorstandsmitglieder kommen mehr oder weniger aus einer Riege mit den Jahrgängen 1957, 1958 oder 1959 – sind also um die 60 Jahre alt. Bei BMW etwa gibt es eine hausinterne Vorgabe, dass ein Vorstandsmitglied älter als 60 Jahre sein soll. Zum Jahreswechsel ist deshalb Vertriebsvorstand Ian Robertson in den Ruhestand getreten. BMW-Chef Harald Krüger ist erst 52 Jahre alt.

Stehen noch weitere Wechsel im Vorstand an?

Das ist möglich. Die Formulierung, dass die neue Führungsstruktur „auch mit personellen Veränderungen im Vorstand und mit Änderungen bei den Ressortzuständigkeiten im Vorstand verbunden“ wäre, deckt zwar den Wechsel des Vorstandsvorsitzes und eine Neubesetzung des Postens als VW-Markenchef ab, lässt aber noch weiteren Spielraum. Das „Handelsblatt“ und die Deutsche-Presse-Agentur (dpa) berichtet einstimmig, dass wohl auch Personalvorstand Karlheinz Blessing gehen muss. Er soll sich laut dem „Handelsblatt“ mit der im Konzern mächtigen IG Metall überworfen haben. Sein Nachfolger soll nach dpa-Informationen Gunnar Kilian und damit ein enger Vertrauter von Betriebsratschef Bernd Osterloh werden.


Wer wird Diess-Nachfolger als VW-Markenchef?

Das ist bislang unklar. Möglich ist auch, dass Diess beide Posten in Personalunion ausfüllt – wie es schon Winterkorn gemacht hat. Erst mit dem Antritt von Diess hatte Winterkorn die Doppelfunktion aufgegeben, Matthias Müller hatte die Trennung beibehalten. Wahrscheinlich ist das aber nicht, zumindest über einen längeren Zeitraum: Diess gilt als Freund einer dezentralen Führung.

Führt der wahrscheinliche Vorstandsumbau in Wolfsburg noch zu weiteren Änderungen?

Ja, bei der Porsche SE. Die Holding, in der die Familien Porsche und Piëch ihre VW-Anteile gebündelt haben, gab kurz nach Volkswagen eine ähnliche Mitteilung heraus, wonach der mögliche Vorstandsumbau in Wolfsburg auch in Stuttgart Folgen hätte: „Sollten personelle Veränderungen im Vorstand der Volkswagen AG erfolgen, könnte dies auch zu entsprechenden personellen Veränderungen im Vorstand der Porsche Automobil Holding SE, Stuttgart, führen.“