VW-Chef Diess geht mit Top-Managern ins Gericht – „Manche verloren die Bodenhaftung“

Herbert Diess versucht einen Neubeginn bei Volkswagen. Vor den eigenen Topmanagern fordert er den Kulturwandel ein.


Volkswagen soll eine offene und transparente Unternehmenskultur bekommen. Darauf hat der neue Konzernchef Herbert Diess am Donnerstag 400 Topmanager aus dem In- und Ausland auf der „Global Top Management Conference“ des Wolfsburger Autoherstellers eingeschworen. Die Richtung bei Volkswagen stimme inzwischen zwar, doch das Tempo der Umsetzung müsse erhöht werden.

„Wir kommunizieren transparent im Unternehmen und nach außen, statt eine Wagenburgmentalität einzunehmen“, sagte Diess nach Angaben von Teilnehmern vor den Topmanagern des Konzerns.

Das gelte auch besonders für das Verhältnis der einzelnen Marken in der VW-Gruppe. Statt interner Auseinandersetzungen müsse es im Konzern eine offene Zusammenarbeit der verschiedenen Marken geben. In letzter Zeit war besonders das Verhältnis zwischen Audi und Porsche belastet: Audi hatte dem Stuttgarter Sportwagenhersteller manipulierte Dieselmotoren geliefert.


Wie es aus Teilnehmerkreisen weiter hieß, sprach sich Diess für fairen Wettbewerb aus. Es dürfe kein „jeder gegen jeden“ geben, stattdessen müsse das „Zusammen“ im Vordergrund stehen. Dazu gehöre ein „ehrlicher, offener und aufrichtiger“ Umgang.

Auf demselben Managementtreffen bekräftigte der neue Personalvorstand Gunnar Kilian die Vorgaben von Konzernchef Herbert Diess vom Vortag. „Wir wollen bei Kultur, Integrität und Compliance zu hundert Prozent konsequent aufgestellt sein, und zwar konzernweit. Wir bündeln unsere Kräfte und führen alle laufenden Programme zusammen“, sagte Kilian.

Ethik, Compliance und Integrität sollten im Zentrum der Unternehmensstrategie verankert werden. Dazu gehörten ein konsequentes Risiko-Management, die Schaffung einer Kultur der Integrität, ein Unternehmensklima, in dem Missstände angesprochen werden können und ein konsequentes Durchgreifen bei Verstößen.

„Wir wollen agiler werden und in der gesamten Organisation Bürokratie abbauen. Wir müssen sicherstellen, dass wir bei Compliance-Verstößen konsequent handeln“, ergänzte der neue Personalvorstand.

Für Volkswagen-Mitarbeiter sollte selbstverständlich sein, dass sie aufrichtig seien und das ansprächen an, was nicht in Ordnung sei. „Wir sind stolz auf die Ergebnisse unserer Arbeit. Und: Wir statt ich“, so Kilian abschließend.

Diess, seit April auf dem Posten des Vorstandsvorsitzenden, propagierte zudem die Formel „multikulturell statt Mittellandkanal – auch im Management“. Der Konzernchef spielte damit auf den Sitz des Unternehmens am Mittellandkanal in Wolfsburg an. Als Weltkonzern müsse sich Volkswagen stattdessen international geben. Dazu gehöre auch eine dezentrale statt einer zentralistischen Führung.

Im technologischen Bereich gab Diess eine Devise vor, die völlig im Gegensatz steht zur Ära der Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn und Ferdinand Piëch. Volkswagen stehe heute eher für Drei- statt für Zwölf-Zylinder-Motoren. „Wir haben uns bereits verabschiedet von der alten Zylinder- und PS-Kultur des immer Höher-Schneller-Weiter“, so Diess vor dem VW-Topmanagement.

Für den Konzern seien heute Elektromotoren wichtiger als Acht-Zylinder-Aggregate. Würde dieses Prinzip auf den Motorsport übertragen, dann stünde VW für die neue Elektrorennserie Formel E und nicht für das 24-Stunden-Rennen von Le Mans.

Diess ging auch auf die jüngste Vergangenheit von Volkswagen ein, die überwiegend von der Dieselaffäre geprägt ist. „Mit zunehmendem Erfolg wurden ethische Maßstäbe verrückt oder gerieten in einigen Bereichen aus dem Blick. Manche hielten sich offenbar für unangreifbar, verloren die Bodenhaftung“, sagte er nach Angaben aus Teilnehmerkreisen.

Der neue Vorstandschef rief dazu auf, Volkswagen „unternehmerischer, diskussionsfreudiger und weniger hierarchiegläubig“ zu machen.