VW, Affentests und die Primaten in deutschen Labors

An Artgenossen dieser Javaneraffen wurden die Abgastests vorgenommen (Bild: AP Photo/Keystone, Georgios Kefalas)

Forscher in den USA ließen zehn Affen Abgase einatmen. Seit diese Tierversuche im Zusammenhang mit dem VW-Dieselskandal bekannt wurden, rollt eine Welle der Empörung durch Deutschland. Dabei kommen auch hierzulande Hunderte Affen jährlich zum Einsatz – wofür?

Affen mit Gehirn-Implantaten, blutverschmiert, hinter Gittern: Wenn es um Affen in Tierversuchen geht, begleiten solche Bilder die immer wieder emotional geführten Diskussionen. Das erlebten auch Forscher in Deutschland schon, teils wurden Versuche eingestellt. In diesen Tagen richtet sich die Empörung gegen Volkswagen, nachdem Abgas-Experimente mit zehn Javaneraffen in den USA bekannt wurden. Die Tests sollten helfen zu belegen, dass die Diesel-Schadstoffbelastung durch moderne Abgasreinigung erheblich abgenommen hat. Das wirft auch die Frage auf: Wie hält es die Wissenschaft in Deutschland mit den Affen?

Affen leiden mehr als andere Tiere

Nach den jüngsten Zahlen haben Wissenschaftler im Jahr 2016 an insgesamt rund 2,8 Millionen Tieren Versuche gemacht. Wie aus den kürzlich veröffentlichten Daten des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft hervorgeht, waren darunter auch rund 2460 Affen und Halbaffen – der überwiegende Großteil der Versuchstiere sind jedoch Mäuse, gefolgt von Fischen, Ratten, Kaninchen und Vögeln.

Zwar sind Affenversuche damit vergleichsweise selten – für Tierschützer aber ein schwaches Argument. “Primaten sind sinnesphysiologisch hoch entwickelt, auf soziale Beziehungen angewiesen und leiden mehr als andere Tiere in Tierversuchen”, sagte Marius Tünte, Sprecher beim Deutschen Tierschutzbund. Dieses Leid sei auch psychischer Natur. “Auch wenn die Aufmerksamkeit gerade auf Konzernen wie VW liegt, wird gleichzeitig geduldet, dass Affen und andere Tierarten tagtäglich mit Zustimmung des Gesetzgebers ähnlichen fragwürdigen Versuchen in Deutschland ausgesetzt werden”, so Tünte. Die Organisation fordert ein Verbot zumindest von Affenversuchen.

Aus wissenschaftlicher Sicht hingegen sind Tierversuche, auch an Primaten, noch immer unverzichtbar. Gerade dann, wenn es um die medizinische Forschung geht. “Es muss uns allen klar sein, dass die Sicherheit unserer Medikamente natürlich auch auf Tierversuchen beruht”, sagte der Neurowissenschaftler und Biologe Stefan Treue vom Deutschen Primatenzentrum in Göttingen der Deutschen Presse-Agentur.

Die Regeln in Deutschland

Nach den ethischen Grundsätzen hierzulande dürften Forscher aber nur die am wenigsten leidende Art verwenden, die für ihre Fragestellung geeignet ist, sagte Treue. Das heißt: Ist zu erwarten, dass ein Test an einer Maus aussagekräftige Ergebnisse liefert, ist der Einsatz eines Affen nicht erlaubt. Generell nicht erlaubt sind hierzulande rauchende Kaninchen für die Tabakforschung oder Kosmetiktests an Tieren, laut einer EU-Richtlinie sind zudem Menschenaffen wie Schimpansen als Versuchstiere tabu.

Forscher, die einen Tierversuch machen wollen, müssen einen Antrag stellen, den die zuständige Landesbehörde prüft – unter anderem geht es um die Bedeutsamkeit des Vorhabens und die ethische Vertretbarkeit. Dabei werden die Behörden von einer Tierschutzkommission aus Tierärzten, Ärzten, Wissenschaftlern und Tierschützern unterstützt. Dabei wurden in den vergangenen Jahren auch einzelne Anträge abgelehnt, zum Beispiel in Berlin.

Generell gibt es das Prinzip, dass Tierversuche verringert, verbessert und anderweitig ersetzt werden sollen. Bei der Entwicklung von Alternativmethoden sehen Experten Deutschland durchaus in einer Vorreiterrolle. Gleichwohl argumentieren Forscher, dass sich ein vollständiger, lebendiger Organismus bislang nicht immer ersetzen lasse, etwa durch eine Zellkultur.

Erlaubt sind Tierversuche, wenn sie bestimmte Kriterien erfüllen – etwa die Heilung von Krankheiten von Menschen und Tieren zum Ziel haben. Gerade die Forschung an Affen konzentriere sich zu mehr als drei Vierteln auf medizinische Sicherheitsprüfungen, weil die Tierart dem Menschen besonders ähnlich ist, erklärt Treue. “Die Rolle dieser Tierversuche ist, Risiken für die anschließenden Studien von neuen Medikamenten an Menschen zu verhindern.” Tierversuchsgegner argumentieren jedoch, dass sich bei den Tests an Menschen dennoch häufig unerwartete Nebenwirkungen ergeben.

VW-Versuche “schrecklicher Auswuchs”

Bislang geht es im Alltag vieler Forscher aber noch nicht ohne Tier. Ist die Aufregung um VW also auch den Verdrängungskünsten des Menschen geschuldet? Vielleicht. Wissenschaftler Stefan Treue jedenfalls beschreibt den Versuch in den USA allerdings als besonders fragwürdig: “Nach allem, was bislang an Details bekannt ist, kann man mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass dieser Versuch in Europa unter keinen Umständen vertretbar und genehmigungsfähig gewesen wäre.” Das Ganze sei “wirklich ein schrecklicher Auswuchs einer PR-Maschinerie und nicht von verantwortungsbewusster Wissenschaft”.