Ein Vorstandsvorsitzender von Osterlohs Gnaden

Herbert Diess wird neuer VW-Chef. Doch die Hauruck-Aktion hat sich der Aufsichtsrat teuer erkauft: Betriebsratschef Osterloh konnte dafür einen Vertrauten in den Vorstand schleusen. Die Folgen sind noch nicht abzusehen.

Am Ende hatte es der Aufsichtsrat von Volkswagen ganz eilig. Bei der kurzfristig um einen Tag vorgezogenen Sitzung bestimmte das Kontrollgremium VW-Markenchef Herbert Diess zum neuen Vorstandsvorsitzenden. Matthias Müller muss seinen Posten räumen. Die in den Augen der Aufseher weitgehend abgeschlossene Aufarbeitung der milliardenteuren Dieselaffäre soll mit einem neuen Chef sichtbar gemacht werden. Zudem gilt der 59-jährige Elektro-Fan Diess als die glaubhaftere Person, um den Wandel zur Elektromobilität zu begleiten als der 64-jährige Ex-Porsche-Chef Müller.

Damit hat der Aufsichtsrat jenen Plan umgesetzt, den die Kapitalseite rund um die wichtigen Familienclans in den vergangenen Wochen ausgeheckt hat. In den Gesprächen zwischen Wolfgang Porsche, Hans Michel Piëch, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil sowie Vertretern des Emirats Katar sei die Erkenntnis gereift, dass der Neuanfang nur mit einer neuen Spitze funktionieren könne. Diess, der erst im April 2015 nach Wolfsburg kam, gilt zumindest in der Entstehung des VW-Dieselskandals als unbelastet. Sein professionelles Auftreten in der Krise und seine Sanierungserfolge bei der zuvor renditeschwachen Kernmarke dürfte die Familien überzeugt haben.

Doch bei der Inthronisierung gab es ein Problem: Die Vertreter der Arbeitnehmerseite im Aufsichtsrat sind nicht sonderlich gut auf Diess zu sprechen. In den harten Verhandlungen um den „Zukunftspakt“, der bei der Marke bis zu 30.000 Jobs kosten wird, hatten sich Diess und der mächtige Betriebsratschef Bernd Osterloh mehrmals scharf attackiert – in aller Öffentlichkeit. Spätestens Anfang 2017 schien das Tuch zwischen den beiden endgültig zerschnitten. „Der Vorsitzende des Markenvorstands agiert zutiefst unsozial, er bricht bei der Umsetzung des Zukunftspakts laufend sein Wort und wischt gemeinsam errungene Regelungen wieder vom Tisch“, wetterte Osterloh damals in einem offenen Brief. Und weiter: „Die Grundwerte bei Volkswagen werden mit Füßen getreten. Ein solches Vorgehen passt nicht in unser Unternehmen.“


Am Widerstand des in Wolfsburg historisch starken Betriebsrats ist bereits der ein oder andere aufstrebende Manager gescheitert. Speziell Diess wurde wegen seines in der BMW-Zeit erworbenen Rufs als „Kostenkiller“ ein potenziell schwieriges Verhältnis zu Osterloh prognostiziert. Ex-Patriarch Ferdinand Piëch, an der Abwerbung von Diess maßgeblich beteiligt, soll von dem Manager so begeistert gewesen sein, weil er viele Charakterzüge zu seinem früheren Einkaufschef José Ignacio Lopez wiedererkannte. Dieser reformierte Anfang der Neunzigerjahre das Beschaffungswesen des Konzerns und erarbeitete sich dabei unter Zulieferern den Spitznamen „Würger von Wolfsburg“. Und einem solchen Managertyp sollen Osterloh und die quasi ihm unterstellten Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat als neuen Ober-Chef zustimmen? Und das auch noch so kurzfristig in der eigentlich schon fast vergessenen Hinterzimmer-Manier?

Soviel stand schon vor der entscheidenden Sitzung des Kontrollgremiums fest: Die Zustimmung der Arbeitnehmer wird teuer.


Wie teuer, lässt sich heute noch nicht beziffern, dafür aber an einer Person festmachen: Gunnar Kilian. Der bislang öffentlich recht unbekannte Betriebsrats-Stratege wird Personalvorstand des Konzerns. Karlheinz Blessing, im Betriebsrat wegen umstrittener Vergütungskürzungen in Ungnade gefallen, muss gehen. Kilian übernimmt damit die Verantwortung für jene 650.000 Mitarbeiter, für deren Rechte er sich bislang eingesetzt hat. Sprich: Wird künftig zwischen dem Konzern und dem Betriebsrat verhandelt, sprechen Osterloh und sein früherer Betriebsrats-Generalsekretär Kilian miteinander. Zwei Kumpel verhandeln über die Mitarbeiter eines Weltkonzerns.


Kilian war Piëchs Büroleiter

Kilian einzig und allein als verlängerten Arm Osterlohs im Konzernvorstand zu bezeichnen, greift aber zu kurz, wie ein Blick auf seinen Werdegang zeigt. Der 43-Jährige hat mit dem Aufstieg in den Vorstand eine der beeindruckendsten Karrieren der Autobranche hingelegt. Einst begann er als Lokaljournalist, berichtete in der Region Wolfsburg/Braunschweig über das Unternehmen. 2006 holte der Betriebsrat ihn ins VW-Stammwerk. Kilian übernahm die Pressearbeit der Belegschaftsvertretung – in einer damals äußerst schwierigen Lage. Die Affäre um illegale Lustreisen von Betriebsräten auf Firmenkosten war noch nicht ganz abgeklungen.

Später, als Kilian etwa die Mitarbeiter-Themen bei Porsche koordinierte und als Geschäftsführer in den Konzernbetriebsrat aufstieg, wurden die Bande mit Osterloh enger. „Gunnar Kilian hat einen tollen Job gemacht“, meinte dieser schon, als er seinen Intimus im Sommer 2012 nach Salzburg ziehen ließ. Dort leitete er das Büro des langjährigen VW-Patriarchen Ferdinand Piëch – eine Schlüsselposition im innersten Machtzirkel der Kontrolleure und Eigentümer-Familien Porsche/Piëch. Eine Funktion, die vor ihm schon Konzerngrößen wie Martin Winterkorn und Rupert Stadler innehatten.


Kilian ist also nicht nur der engste Vertraute Osterlohs, sondern auch bei den Familien kein unbeschriebenes Blatt. Die Stelle als Piëch-Büroleiter qualifizierte in der Vergangenheit für eine Führungsposition im Top-Management. Ob sich im Fall Kilian die Betriebsratsnähe als Hürde erweist, muss sich noch zeigen. Ob er in Verhandlungen mit dem Betriebsrat ähnlich hart auftritt wie sein Vorgesetzter Herbert Diess ebenfalls. Genauso unklar ist die Chemie zwischen dem Vorstandsvorsitzenden und seinem Personalchef. Mangelt es hier an Vertrauen, kann das der Transformation des Industriekonzerns in einen digitalen Global Player der Mobilitätswelt entscheidend verzögern.

Das könnte – zusammen mit dem möglichen Verlust weiterer Top-Manager, die über die Art und Weise des Machtwechsels erbost sind – ein hoher Preis sein für die Berufung von Herbert Diess.


Mit Material von dpa.