Vorstand Jürgen Gerdes droht das Aus bei der Post


Bis vor Kurzem noch sah sich Jürgen Gerdes offenbar als aussichtsreichster Nachfolger für den Spitzenjob der Deutschen Post. Und das ließ der 53-Jährige wenig bescheiden die Umwelt wissen.

So schraubte der für das Brief- und Paketgeschäft verantwortliche Vorstand das Autokennzeichen „VV 21“ an seinen Geländewagen – und sorgte damit für irritierte Nachfragen auf der Hauptversammlung im April. Vielen erschien das Kürzel aus naheliegendem Grund verräterisch: 2021 hat der Aufsichtsrat schließlich neu über den Vorstandsvorsitzenden (Konzernkürzel „VV“) des Bonner Dax-Konzerns zu bestimmen.

Den Hochmut des gebürtigen Westfalen will das Kontrollgremium am Dienstag mit Gerdes’ tiefem Fall quittieren, falls ein Bericht des „Manager Magazins“ zutrifft. Demnach muss der bullige Manager mit sofortiger Wirkung das Haus verlassen.


Der Konzern selbst will sich zu der Causa nicht äußern. „Personalgerüchte kommentieren wir nicht“, sagte ein Sprecher auf Anfrage. Auch in Aufsichtsratskreisen zeigte man sich zunächst bedeckt.

Gerdes’ endgültiger Abgang wäre freilich keine Überraschung. Schon im April hatte man ihm das mit über 18 Milliarden Euro Umsatz größte Ressort genommen, um den langjährigen Postmanager mit dem neu geschaffenen Verantwortungsbereich „Corporate Incubations“ abzuspeisen.

Doch auch diese Division, die allein aus der 200 Millionen Euro erwirtschaftenden Elektroauto-Produktion („Streetscooter“) und dem frisch gegründeten Start-up „DHL SmarTrucking“ in Indien besteht, müsse Gerdes nun abtreten, berichtet das Magazin. Er selbst dürfte das kaum vorhergesehen haben. Vor zwei Wochen hatte Gerdes noch großspurig die Absicht verkündet, demnächst mit den Elektrolaster an die Börse zu rollen.

Der Diplom-Kaufmann und Ehrendoktor, der seit 2007 im Vorstand sitzt, war ursprünglich bis Juni 2020 für sein Amt bestellt. Doch schon der Vorstandsumbau im April, den Post-Lenker Frank Appel, 56, ebenso wie der damalige Aufsichtsratschef Wulf von Schimmelmann, 71, wie eine Beförderung Gerdes’ verkauften, ließ an der Zukunft des selbst ernannten Kronprinzen im Konzern zweifeln.

Schuldzuweisung vom Chef

Für den möglichen Rauswurf dürfte die Gewinnwarnung der Post vom Freitag gesorgt haben. Den angekündigten Ertragseinbruch von fast einer Milliarde Euro – rund ein Viertel des vorhergesagten Gewinns vor Zinsen und Steuern – kreidete der Vorstandschef kaum verhohlen der Misswirtschaft von Gerdes in dessen ehemaligem Ressort an.


Während das Briefgeschäft in den vergangenen Jahren schrumpfte und im Gegensatz dazu die Paketvolumina stiegen, kritisierte Appel, habe diese Verlagerung „nicht zu einer entsprechenden Anpassung der indirekten Kosten geführt“. Und der Vorstandschef wurde noch deutlicher: „Darüber hinaus hat der Konzern in den letzten Jahren nicht in ausreichendem Maße in die Weiterentwicklung des operativen Geschäfts investiert.“

Als Folge des Schlendrians kündigte Appel nun einen Sanierungsplan an, der das Ergebnis allein in diesem Jahr in der Brief- und Paketsparte auf 600 Millionen Euro drücken wird. Dabei sollte es ohne außerordentliche Belastungen eigentlich bei 1,5 Milliarden Euro liegen.

Auf Analysten wirkte Gerdes zuletzt ausgebrannt. Vor zehn Jahren hatte er sich im Vorstand mit seiner Meinung durchgesetzt, das Paketgeschäft angesichts des boomenden Onlinehandels auszubauen. Viele im Führungsgremium hatten damals sogar für einen Ausstieg aus dem Geschäft plädiert.

Somit schaffte es Gerdes, das rückläufige Briefgeschäft auszugleichen – und die Erträge seiner Division stetig zu steigern. Doch Beobachter halten die Einsparpotenziale inzwischen für ausgereizt – zumal der Fahrermangel in der Branche die Personalkosten nach oben treibt. Im ersten Quartal 2018 kam es so zu einem Ertragseinbruch – und offenbar auch zu einem Aus für den Verantwortlichen.