Vorsicht, diese Zahl zu ungeimpften Omikron-Fällen war ein Fehler des RKI

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Tausende Nutzerinnen und Nutzer haben seit Ende Dezember einen Ausschnitt aus einem Bericht des Robert Koch-Instituts (RKI) geteilt. Demnach seien 95 Prozent der Omikron-Fälle geimpft gewesen, heißt es in den Postings. Die Zahl war allerdings ein Fehler des RKI. Das Institut hat den Bericht inzwischen aktualisiert und auf die Korrektur hingewiesen. Wie wirksam die Corona-Impfstoffe gegen Omikron sind, ist nach wie vor unklar. Erste Erkenntnisse deuten darauf hin, dass sie vor schweren Krankheitsverläufen schützen.

Tausende Nutzerinnen und Nutzer haben die Behauptung auf Twitter verbreitet, Tausende sahen sie auf Telegram. Auf Facebook teilten sie ebenfalls Hunderte, darunter verschiedene Bundestags- und Landtagsabgeordnete der AfD (hier, hier, hier, hier, hier). Die österreichische Website "exxpress" griff die Zahl ebenfalls auf, aktualisierte sie später aber.

Die irreführende Behauptung: Ein aktueller Bericht des RKI zeigt die Zahl an Infizierten mit der Corona-Variante Omikron. 4020 davon seien geimpft, nur 186 ungeimpft. Eine Facebook-Nutzerin bezeichnet die Impfung deshalb als "nachweislich wirkungslos", eine andere Userin sogar als schädlich.

Facebook-Screenshot der irreführenden Behauptung: 03.01.2022

Als Quelle geben die Postings einen Bericht des Robert Koch-Instituts an. Das RKI veröffentlicht jeden Donnerstag einen Wochenbericht, der aktuelle epidemiologische Entwicklungen rund um das Coronavirus einordnet. Im Wochenbericht vom 30. Dezember 2021 stand auf Seite 14 tatsächlich die Passage mit den 186 ungeimpften Corona-Fällen. AFP hat diese erste Version des Berichts noch aufrufen können, außerdem ist sie in archivierten Versionen des Berichts zu sehen.

Die 186 Corona-Fälle bei Geimpften waren allerdings ein Fehler des RKI, wie das Institut einräumte. Auf AFP-Anfrage schrieb eine RKI-Sprecherin am 3. Januar: "Der Abschnitt des Wochenberichts enthielt leider einen Fehler. Statt 186 sind es 1.097 ungeimpfte Personen mit Omikron-Infektion, beim Aktualisieren war die eine Zahl vergessen worden, das ist jetzt korrigiert worden." Am selben Tag hat das RKI diesen Bericht deshalb aktualisiert und weist am Beginn des Berichts auf die Korrektur hin.

Korrekturhinweis des RKI, Screenshot: 03.01.2022

Im Bericht der Vorwoche ist auch tatsächlich die erwähnte Zahl zu finden, die das RKI vergaß zu aktualisieren: Stand 23. Dezember 2021 waren es 186 ungeimpfte Omikron-Fälle bei 924 Geimpften. Damit ist die tatsächliche Zahl der infizierten Ungeimpften fast sechsmal so hoch wie die fälschlich angegebene.

Impfdurchbrüche steigen mit der Impfquote

Bei der Beurteilung der Impfeffektivität ist es wichtig, den Anteil der Geimpften an der Bevölkerung zu betrachten. Wieso das so ist, erklärte das RKI Anfang Dezember anhand einer Grafik. Gibt es mehr Geimpfte in der Bevölkerung, steigt auch die Wahrscheinlichkeit von geimpften Corona-Patientinnen und Patienten.

Die österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) erklärte das auf Facebook ähnlich und fasste in einem Bericht zu Impfdurchbrüchen bereits im September 2021 zusammen: "Wenn alle Personen einer Population geimpft sind, beträgt der Anteil der Impfdurchbrüche an den Covid-19-Erkrankten 100 Prozent." Die britische Gesundheitsbehörde UK Health Security Agency (UKHSA) weist in einem aktuellen Bericht über Omikron in England ebenfalls auf diesen Effekt hin. Dass es mit steigender Impfquote zu immer mehr Impfdurchbrüchen komme, sei zu erwarten und kein Hinweis darauf, dass die Impfstoffe nicht wirksam seien, erklärt das RKI. Die Impfquote in Deutschland lag Stand 3. Januar bei 71,2 Prozent.

Omikron und die Impfung

Wie wirksam genau die Impfstoffe gegen die neue Omikron-Variante sind, lässt sich noch nicht genau sagen. "Die Wirksamkeit der einzelnen Impfstoffe gegen die Omikron-Variante ist noch nicht endgültig zu beurteilen", schreibt das RKI in seinem aktuellsten Wochenbericht vom 6. Januar 2022. Das RKI führt auf seiner Website lediglich erste Erkenntnisse aus dem Vereinigten Königreich an. Die dortigen Studienergebnisse hätten gezeigt, dass die Wirksamkeit der Immunisierung durch die Impfung mit der Zeit deutlich nachlasse und geringer sei als bei Delta. 15 Wochen nach der Zweitimpfung könne nicht mehr von einem ausreichenden Schutz vor Erkrankung ausgegangen werden. Durch eine Auffrischung könne allerdings ein "guter Schutz" gegenüber Omikron erzielt werden.

In seinem Bericht über Varianten im besonders früh betroffenen England schrieb die dortige Behörde UKHSA am 31. Dezember 2021 ebenfalls von der geringeren Impfstoffwirksamkeit, hielt aber auch fest: "Dennoch ist der Schutz vor Krankenhausaufenthalten viel größer als der Schutz vor einer symptomatischen Erkrankung, insbesondere nach einer Auffrischungsimpfung, bei der die Wirksamkeit des Impfstoffs gegen Krankenhausaufenthalte fast bei 90 Prozent liegt."

Expertinnen und Experten sind bei der Einschätzung der Impfwirksamkeit bei Omikron noch vorsichtig. Jörg Timm ist Leiter des Instituts für Virologie des Universitätsklinikums Düsseldorfs. Bei einem Pressegespräch am 5. Januar antwortete er auf die Frage, wie lange die dritte Impfung wirksamen Schutz gegen eine Infektion oder Hospitalisierung durch Omikron biete: "Das ist im Moment noch nicht einfach zu sagen, weil wir die Daten noch nicht komplett haben." Wie auch das RKI prognostizierte Timm, dass man davon ausgehen müsse, dass die Immunantwort mit der Zeit nachlasse. Der Schutz vor schwerem Verlauf wäre hingegen etwas nachhaltiger, so die derzeitige Vorhersage.

Die tägliche Zahl der Omikron-Fälle in Deutschland veröffentlicht das Robert Koch-Institut auf einer eigenen Seite. Seit Bekanntwerden von Omikron bis zum 4. Januar 2022 ordnete es 35.529 Coronafälle der Omikron-Variante zu. Aus dem aktuellen RKI-Wochenbericht geht hervor, dass der überwiegende Teil der Omikron-Fälle milde oder keine Symptome angab.

Am 6. Januar 2022 warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erneut vor der Gefahr der Omikron-Variante. Während der Verlauf speziell bei Geimpften zwar leichter zu sein scheint als bei anderen Varianten, solle Omikron trotzdem nicht als mild eingestuft werden, sagte WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus. "Genau wie bei früheren Varianten müssen auch bei Omikron Menschen ins Krankenhaus und es tötet Menschen", erklärte er. Auch das RKI schätzt die Gefährdung der Bevölkerung durch Corona aufgrund der rasanten Verbreitung der Omikron-Variante weiterhin als "sehr hoch" ein.

Fazit: Die verbreitete Zahl von nur 186 Omikron-Fällen bei Ungeimpften im Vergleich zu 4020 Geimpften basiert auf einem Fehler des Robert Koch-Instituts. Tatsächlich waren 1097 Ungeimpfte infiziert. Das RKI hat den Bericht inzwischen aktualisiert und auf die Korrektur hingewiesen.

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