Vorkasse bei McDonald´s am Bahnhof: Wie bei Ikea bei der Warenausgabe

Erst an der Kasse bestellen, dann wird an Schalter 2 der Burger ewig nicht fertig. Das neue McDonalds-System ist clever: Wer schon bezahlt hat, gibt das Warten nicht auf. Es sei denn, der ICE fährt gleich.


Es ist ja so: Wer gerne ein paar Euro sparen möchte, kann sich oft leider nicht aussuchen, ob er im Gegenzug Abstriche bei der Produktqualität machen will oder beim Service.

Bevor wir zu McDonald´s kommen, sprechen wir mal kurz über den Klamotten-Händler Zara. Das ist wichtig. Denn: Die wissen doch selber ganz genau, dass samstags da immer die Hölle los ist. Vor allem, wenn sie gerade das halbe Sortiment 50 Prozent billiger raushauen.

Ich wollte mir am vergangenen Wochenende bei Zara am Leipziger Platz in Berlin zwei langärmelige T-Shirts kaufen, war mir aber nicht sicher, ob in M oder L. Also stellte ich mich vor die Umkleide-Kabinen und wartete. Da kam ein kleines Mädchen vorbei. Es trug Wimperntusche und sagte zu mir, ich solle bitte einen Schritt beiseite gehen. Es war eine Autorität, weil es da als Verkäuferin arbeitete. Ich tat also einen Schritt beiseite, denn in ihrem Blick stand für mich ganz klar: Wären wir im privaten Kontakt, ich würde dir die Visage zerkratzen.

Und ich wollte keinen Streit.




Dann sagte sie mir straff lächelnd, ich solle noch einen Schritt nach hinten tun. Ich blickte mich um. Weit und breit keiner da, dem ich hätte im Weg stehen können. „Wollt Ihr hier mit einem Autokran durch, oder was?“, lag es mir auf den Lippen, aber da hatte sie das Interesse an mir schon verloren und faltete irgendein Textil zusammen. Bei Zara haben die jetzt also Kunden-Einpark-Assistentinnen.

Allerdings haben sie kaum Kassierer. Samstag-Nachmittag im „Sale“ und von drei Kassen im Obergeschoss ist nur eine auf. Nachdem ich meine Shirts beisammen hatte und an der Kasse stand, entdeckte ich von Weitem meine Einpark-Assistentin wieder. Jetzt war sie gerade ganz vorne vor der verschlossenen Kasse 2 dabei, Parfüm-Fläschchen aus dem 10er-Pack zu fummeln. Dabei standen vor ihr rund 15 Kunden und wollten bezahlen. Aber sie hatte diesen Blick drauf, den ich von früher noch von H&M kenne: Diesen „Ich habe die Personalplanung schließlich nicht gemacht“-Blick. Weil wir uns seit meiner Umpark-Aktion nun schon so nahe standen, schlich ich vor und nutzte meine Kontakte: „Könnt ihr bitte noch eine zweite Kasse aufmachen?“

Ihr Blick! „Natürlich. Machen wir gleich.“

Dann nahm sie einen Schlüsselbund und fuhr ins Erdgeschoss und ward nicht mehr gesehen. Tja! Das meine ich mit Abstrichen beim Service. Wenn es einem dann im Laden zu lange dauert, wirft man die Shirts einfach über den Sonnenbrillenständer und geht ein Eis essen. Immerhin gibt es also bei lahmem Service einen Weg zurück. 




Bei McDonald´s geht das allerdings nicht mehr so einfach mit dem Hinwerfen. Wem hier die Zeit davon läuft, bekommt stattdessen eben einen Herzinfarkt. Das ist das neue Konzept bei denen. Ich habe das am Hauptbahnhof Bielefeld erlitten:

Mein ICE hatte laut DB-Navigator-App 22 Minuten Verspätung. Als Vielfahrer lernt man, diese geschenkte Zeit gut zu nutzen. Also kaufte ich mir eine Dose Bier am Kiosk, einen Salat bei Subway und weil mir nach was Warmen war, entschied ich mich für einen vegetarischen Burger bei McDonald´s. In der Eingangshalle standen drei Terminals mit Touchscreen zum Selber-Ordern und Bezahlen. Ebenso gut hätte ich an der leergefegten Kasse bestellen können, aber der Kassierer träumte gerade so niedlich vor sich hin, ich wollte ihn nicht stören.

Nach wenigen Sekunden hatte ich den Veggie-Burger gefunden und geordert. Schon bevor ich die Bestellung mit Karte bezahlt hatte, blinkte die motivierende Info auf: Meine Bestellung werde schon vorbereitet. Nachdem ich meine Maestro-PIN eingetippt hatte, schoss mir auch schon rund ein halber Meter Kassenbon mit Abholnummer entgegen: 274.


McPanik verkürzt das Leben

Als ich zum Abholschalter kam, suchte ich nach meiner Nummer auf dem Display, das über der Durchreiche hing, und dachte: „Scheiße.“

Sorry, aber da standen noch rund zehn andere Nummern vor meiner. Dabei waren Terminal und Kasse doch wie ausgestorben gewesen! Nach dem alten Bestell-Konzept konnten die Kunden an der Länge der Schlange vor der Kasse noch abschätzen, wie viel Lebenszeit sie ins Warten investieren mussten. Heute suggerieren die freien Terminals und Kassen Bedienung in Hochgeschwindigkeit. Das Geld ist auch tatsächlich schnell weg, aber das Essen kann dauern.

Ich blickte mich aufgeregt um: Da, um die Ecke warteten sie - Bielefelds Teenager aus aller Herren Ländern in geduldiger Sommerferien-Laune. Mit ihren halben Metern Kassenbons in Händen. Gelehnt an spezielle Warte-Stehstützen mit Po-Puffern und mit Kopfhörern im Ohr. Und ich dazwischen mit Blick auf die Uhr: Noch acht Minuten, dann kam mein ICE!

Bei Vapiano und Dean & David kann man ja wenigstens am Tisch warten, bis der persönliche elektronische Summer blinkt und zappelt. Bei diesen neuen McDonald’s muss man aber an der Essensausgabe rumlungern, um den Monitor mit den Nummern erkennen zu können. Wie bei Ikea bei der Warenausgabe.




Früher konnten die Kassierer auch noch beim Tüten-Packen helfen. Die waren ja sogar dafür zuständig, die Tabletts aufzufüllen UND zu kassieren. Jetzt standen sie isoliert hinter der Kasse, abgeschirmt von der Küche mit Durchreiche. Sie KÖNNEN ja jetzt gar nicht mehr einspringen, selbst wenn sie es wollten. Sie waren zum Däumchendrehen verdammt. Der einsame Tütenpacker hinter der Durchreiche indes kam nicht nach, sprang zwischen Bestelldisplay mit den Packvorgaben und den halbleeren Burger-Regalen hin und her. Noch vier Minuten! Ich verlor die Nerven: „Könnten Sie mir bitte einfach einen Veggie-Burger in die Hand drücken, mein Zug fährt gleich. Bitte. 274.“

„Veggie-Burger nicht fertig. Gleich. Noch fünf Minuten.“

„Was? Nein, das geht nicht. Mein Zug! Ich warte doch schon fast fünf Minuten.“ Leute, fünf Minuten sind im Fastfood-Business eine halbe Ewigkeit. 10 Minuten für einen labberigen Burger aber ist ein Desaster. Früher war man mit einem einzelnen Miniburger nach dem Bezahlen schnell wieder raus. Nach dem neuen Konzept aber mussten erst die riesigen Sparmenüs der anderen vor einem abgearbeitet werden. Von einem einzigen Tütenpack-Mitarbeiter für alle Bestellungen!

Ein Student mit Rollkoffer kam dazu: „Und dann bitte auch schnell 273.“ Aha. Ein Leidensgenosse. Der aber leider vor mir dran war. Ich wäre normal ja längst am Gleis gewesen. Aber ich hatte ja schon bezahlt! Und ich war es nicht gewohnt, Fastfood-Giganten für nix Geld in den Rachen zu werfen. Wenn es auch nur knapp drei Euro waren. Und vor allem: Ich hatte Hunger.

Ich öffnete die App. „+20“. Verdammt, der ICE hatte zwei Minuten Verspätung aufgeholt. Abfahrt 20:00 Uhr. Armbanduhr: 19:59 Uhr. Ich sah, wie hinten ein halbes Dutzend Veggie-Frikadellen aus der Fritteuse gezogen wurden. Der Tüten-Mann lächelte mir aufmunternd zu.




Aber das war´s! Ich schleuderte meinen Koffer nach hinten und drückte einem fröhlichen Sommerferien-Schülerin meinen Bon mit 274 in die Hand. „Ein Veggie-Burger. Schenke ich dir. Guten Appetit.“

20 Uhr! Ich rannte los und hörte von der Bahnsteig-Unterführung aus die Motorengeräusche des ICE 2 von oben dröhnen. Anfahrt-Geräusche oder Abfahrt-Geräusche? Anfahrt oder Abfahrt??? Subway-Salat und Bierdose schlugen mir auf der Treppe zum Gleis in der Tüte gegen die Schienbeine.

Die Türen standen noch offen. Ich rannte, mein Rollkoffer überschlug sich hinter mir. Die Türen piepsten. Der Schaffner rief von hinten: „Einsteigen!“ Ich sprang durch die Lücke in den Zug. Die Tür klackte hinter mir ins Schloss. Keuchend suchte ich mir einen Sitzplatz. Der Zug fuhr ab. Einige Minuten später schlenderte ich mit nass geschwitztem Rücken unterm Sakko ins Bordbistro und schwor mir: Nie wieder kurz vor Abfahrt zu einem McDonald´s mit Vorkasse. Das Konzept machte eine Mahlzeit bei denen ja jetzt noch ungesünder fürs Herz. Diese McPanik verkürzte mein Leben.

„Wie lange dauert es, bis Ihr vegetarischer Flammkuchen aufgebacken ist?“

„Och, fünf oder sechs Minuten.“

Ich lächelte: „Super. Alles klar. DIE Zeit hab ich.“

KONTEXT

Die Anfangsjahre von McDonald´s im Überblick

1940

Die Brüder Dick und Mac McDonald eröffnen das „McDonald's Bar-B-Q Restaurant“ in San Bernardino im US-Bundesstaat Kalifornien.

1948

Das Geschäft wird als Selbstbedienungsladen mit verkleinertem Menu neu eröffnet. Die Idee des „Fast Food“ ist geboren.

1954

Milchshake-Maschinen-Vertreter Ray Kroc steigt als Franchise-Agent bei den McDonald's-Brüdern ein.

1955

Kroc eröffnet in Des Plaines, Illinois, die erste Filiale des McDonald's-Konzerns.

1959

McDonald's eröffnet das 100. Schnellrestaurant in Fond Du Lac, Wisconsin.

1961

Kroc kauft den McDonald's-Brüdern das Geschäft für 2,7 Millionen US-Dollar ab.

1965

McDonald's geht an die Börse. Die Aktien wurden zum Ausgabekurs von 22,50 Dollar angeboten.

1967

Der Konzern wird international - die ersten Filialen in Kanada und Puerto Rico eröffnen.

1968

Der Big Mac, bis heute ein Verkaufsschlager, erscheint erstmals auf der landesweiten Speisekarte.