Von wegen Hölle: Über die Freuden des Großraumparadieses

Moritz Piehler
Freier Autor
Im Großraumbüro kommt man seinen Kollegen näher – meistens ist das doch ganz angenehm (Symbolbild: Getty Images)

Unser Autor Moritz Piehler saß selbst sieben Jahre lang im Großraumbüro einer Redaktion und findet: So schlimm, wie es jüngst in der FAZ zu lesen war, ist das Büroleben dort gar nicht!

Ach ja, herrlich waren sie, die Zeiten, als man noch die Tür hinter sich schließen konnte, mit leisem saftigen Schnappen und dann gepflegt auf dem Sofa neben dem Schreibtisch einen Mittagsschlummer halten konnte, um den angenehmen Geschäftslunch-Rausch auszuschlafen. Bis einen die freundliche Sekretärin dann mit einem Kaffee gegen kurz vor Feierabend sanft auf die Schulter tippend weckte.

Leider, leider sind die Don-Draperesken Zeiten der luxuriösen Einzelbüros vorbei, der aktuelle Trend liegt doch eindeutig beim Großraumbüro. Was manche mögen, andere, wie der geschätzte Kollege Christian Schäfer nicht, der deshalb das Großraumbüro in der FAZ gleich recht deutlich zur Hölle wünscht.

Dabei hat das geteilte Büro gerade für uns Journalisten durchaus seine Berechtigung. Die kurzen Wege, die bessere Einbindung von Kollegen und Ressorts, all das ist durchaus sinnig. Vor allem aber geht mit dem Großraumbüro eine deutliche Verschiebung in Richtung der flacheren Hierarchien einher. Das ist im Sinne einer modernen Arbeitswelt mehr als wünschenswert, nicht so natürlich für ewige Mad Männer.

Chancen der Kommunikation im Großraum

All die Konflikte, die Schäfer so beschreibt, über schimmelige Kaffeetassen und bodenlägerige Aktenstapel, finden sich auch in anderen Büros, nur dass sie dort noch anonymer vor sich gehen. Wer weiß schon, von wem die gammeligen Kirschtomaten in der Gemeinschaftsküche stammen oder wessen Cityroller immer im Flur als Stolperfalle steht? Im Großraumbüro bleibt dagegen nichts geheim und das eröffnet schließlich auch Chancen der Kommunikation: Reden Sie doch einfach mal mit dem nicht spülenden Vorbenutzer des Schreibtisches!

Man kann sich über die laut geführten Telefoninterviews des Kollegen am Nachbartisch ärgern. Oder man kann von seiner brillanten Interviewtechnik lernen, mit der er dem Minister auch noch die letzte Information druckreif aus den Rippen leiert. Wäre sonst alles hinter verschlossenen Türen verborgen geblieben. Klar, ein bisschen Rücksichtnahme ist, wie überall im Leben, ganz schön und hilfreich. Wie ein Großraum so tickt, sagt eben auch viel über die Stimmungslage und die Konstellation seiner Besetzung aus. Einen besseren Gradmesser und Rauchmelder für die Bürostimmung gibt es kaum.

In dem Newsroom, in dem ich die letzten sieben Jahre verbracht habe, gab es auch immer mal ein Bier zum Feierabend oder ein Eis an heißen Tagen für alle am Newsdesk. Das führt zusammen und ist mindestens so gut fürs Klima, wie die für alle gleich geregelte Temperatur. (Gut, hier lenke ich ein und gebe zu: Das Thema Heizung vs. Lüftung ist einer eigenen Abhandlung würdig, in der sich die tiefsten Untiefen der menschlichen Seele auftun.)

Wie überall in der Arbeitswelt muss selbstverständlich auch der geneigte Großraumbürobewohner aufpassen, dass sich die sogenannte Work-Life-Balance nicht zu Ungunsten des Lifes verschiebt, das ist logisch. Dafür aber ergeben ja gerade die Gespräche mit Kollegen über die Grünpflanzenreihe (fürs gute Luftklima, ist klar) beste Möglichkeiten. Wie sonst würde man mitkriegen, dass Kollege X für sein Leben gerne Tiefseetauchen in der Nordsee geht und man dies mit ihm teilt? Oder könnte sich von Kollegin Y fernhalten, weil sie den ungeliebten anderen Stadtteilverein unterstützt, was man erst an ihrem reichhaltig schwarz-weiß-blau geschmückten Schreibtisch erkennen kann?

Mehr Raum für Menschlichkeit

Im Großraumbüro offenbart sich die Menschlichkeit der Kollegen wie sonst höchstens noch nach halb zwei auf der Weihnachtsfeier. Das mag manch miesepetrigem Einzelgänger nicht liegen, der gerne einsam seine Kreise über den Mittagspausenhof ziehen möchte und ansonsten Mitarbeiter als gesichtslose Aktentaschenträger an sich vorbeirauschen lässt. Fakt ist aber: Mit kaum jemandem verbringen wir so viel Zeit, wie mit den Bürokollegen. Also kann man sie auch gleich ein bisschen kennenlernen, oder?

Das Großraumbüro ist nicht immer sauber, geordnet, ohne Krisen und Auseinandersetzung – wie das Leben eben. Damit kann man stetig hadern oder es aber in all seinen Absurditäten lieben lernen. Und für alle anderen bleibt ja immer noch der Weg in die natürlich völlig keim- und konfliktfreie andere Zone des modernen Arbeitens: Das gute alte Home-Office.