Von Kate Moss bis Kendall Jenner – Mario Testino spricht über Inspiration und Frauen in Handtüchern

Modelegende Mario Testino hat wirklich jeden fotografiert – von Lady Diana bis Kristen Stewart. [Bild: Getty]

Mario Testinos Kurzbio liest sich wie folgt: Der 1954 in Lima, Peru, geborene Fotograf verbrachte seine Tage damit, im Schulbus aus dem Fenster zu sehen.

Wenn er seinen Freunden „Mira Mira“ (spanisch für „schaut, schaut“) zurief, war er stets frustriert, dass die Sache schon außer Sicht war, wenn die anderen Kinder endlich hinsahen.

Ebenso frustriert durch die mangelnden Möglichkeiten in seiner Heimatstadt macht er sich 1976 auf nach London, um eine Karriere zu starten, die in die Modegeschichtsbücher eingehen würde.

Während er mit jungen Kreativen, etwa der ehemaligen Modechefin der British Vogue, Lucinda Chambers, sehr bescheiden in einem aufgelassenen Krankenhaus lebte, verdiente Testino sich seinen Lebensunterhalt, indem er Model-Portfolios für umgerechnet 28 Euro pro Stück verkaufte.

Irgendwann brachte sein Talent ihn auf die Seiten der Vogue, dann ins Königshaus: seine 1997 aufgenommenen Porträts von Lady Diana machten ihn zum bekanntesten Fotografen der Prinzessin.

Der 62-Jährige Fotograf machte die berühmtesten Fotos von Lady Diana. [Bild: Rex]

Gemeinsam mit Tom Ford war er es auch, der Gucci mit *dieser* Schamhaar-Kampagne neues Leben einhauchte und fotografierte seither beinahe jede Kampagne für Marken wie Burberry, Michael Kors und Dolce & Gabbana.

Mario Testino für ein Interview zu gewinnen, ist eine ziemlich schwierige Angelegenheit. Immerhin ist das der Mann, der den Großteil seines Lebens im Flugzeug verbringt und alle drei oder vier Tage in ein anderes Land reist.

Doch er freut sich darauf, über etwas zu sprechen, das ihm ein großes Anliegen ist: Mira Mira. Die Online-Plattform wurde 2016 ins Leben gerufen, um sicherzustellen, dass alles, was der Fotograf sieht, nicht einfach verschwindet wie all die Jahre zuvor.

Mit Backstage-Einblicken in sein anerkanntermaßen glamouröses Leben feiert Mira Mira heute seinen ersten Geburtstag.

Die Webseite enthält unterschiedliche Formate, etwa Under The Towel – ein Blick auf die unerzählten Geschichten hinter Testinos berühmter Handtuch-Serie –, Director’s Cuts – eine allumfassende Sammlung von Testinos Weihnachtskarten bis zu Supermodel-Sprachunterricht – und die Podcast-Reihe On the Sofa, die mit den Musen und Freunden des Fotografen sprach, etwa Kate Moss, Gigi Hadid und Kendall Jenner.

Warum sich noch mehr Arbeit machen, wenn man bereits einer der gefragtesten Fotografen der Modebranche ist? „Seit 35 Jahren habe ich mit meinen Herausgebern und Kunden durchgearbeitet. Am Ende des Tages ist es immer ihre Stimme“, erzählt Testino Yahoo Style UK.

„Um ganz alleine meine Stimme auszudrücken, habe ich meine Bücher veröffentlicht, aber ich habe das Gefühl, dass Bücher Einschränkungen mit sich bringen, weil man nur eine bestimmte Zahl von Menschen erreicht. Online kann ich Millionen erreichen.“

Testinos Interesse an der digitalen Welt wurde erstmals bei einem Gespräch mit Angela Ahrendts, ehemalige Burberry CEO und neue Senior Vice President of Retail bei Apple, geweckt. Die Tech-Expertin ermutigte ihn dazu, so schnell wie möglich auf Facebook zu kommen, bevor er den Anschluss verliert. 

Dann sprang er auf den Instagram-Hype mit auf und startete 2013 sein eigenes Profil, wo er mittlerweile drei Millionen Fans um sich schart.

Das Bild, das die berühmte Handtuch-Serie ins Rollen brachte. [Bild: Mario Testino]

„Inhalte zu teilen, hat etwas an sich, das ich sehr interessant und zeitgemäß finde. Also ist es logisch, meine Inhalte, oder Inhalte, die ich interessant finde, online zu stellen“, erklärt der Fotograf. „Wir haben jetzt viel mehr Zugang zu den Dingen als zuvor, durch die Social-Media-Profile der Leute. Die Menschen sind neugieriger und haben das Gefühl, sie sollten diese Dinge sehen können.“

„Dieser ‚Schleier’ zwischen dem, was vor der Kamera ist und dem dahinter, ist dünner und dünner geworden, also wollen die Menschen jetzt jedes Detail eines Fotoshootings oder einer Modeschau sehen, vom Styling und der Kulisse bis zum Frisieren und Schminken.“

„Vor vier Jahren dachten die Leute noch, Social Media werde die ‚echte’ Fotografie zerstören. Aber Social Media hat Mario eine Möglichkeit gegeben, seine Fans zu erreichen. Wir sehen Mira Mira als den nächsten logischen Schritt für uns, eine Chance, pro-aktiv digitale Inhalte zu erschaffen und digitale Projekte zu verfolgen“, ergänzt Suki Larson, CEO von Testinos Agentur MARIOTESTINO+.


„Mario hat viele Ideen für Leute, mit denen er gerne zusammenarbeiten würde, Aspekte seines Lebens, die er teilen will, Menschen in seinem Leben, die er feiern will, künstlerische Kollaborationen – die Liste ist lang.“

Wenn wir über eines von Testinos berühmteste Projekte sprechen, fällt es schwer, die Handtuch-Serie nicht zu erwähnen. Seit dem Start 2013 wählt der peruanische Fotograf sorgfältig mutige Opfer aus, die nur mit einem weißen Handtuch bekleidet vor seiner Linse posieren.

Nach dem Motto „Nacktheit ist der schönste Zustand“ sollen die (größtenteils) Schwarz-Weiß-Fotos so natürlich wie möglich aussehen und verzichten auf den Glanz und den Glamour, durch den sich Testinos Modefotos gewöhnlich auszeichnen.



Die 150 Bilder starke Serie, für die viele fotografiert wurden – von Kristen Stewart und Cristiano Ronaldo zu neueren Stars wie Kendall Jenner, Gigi Hadid und Selena Gomez –, existiert lediglich dank des legendären britischen Supermodels Kate Moss. „Einige Wochen, nachdem ich mein Instagram-Profil gestartet hatte, war ich mit Kate Moss bei einem Fotoshooting“, erinnert er sich.

„Sie kam aus ihrer Umkleide, direkt nach dem Duschen. Sie stand da in einem Bademantel und einem Handtuch auf dem Kopf. Ich dachte: „Himmel, Frauen sehen immer fantastisch aus, wenn sie ein Handtuch auf dem Kopf haben.“

„Dann fragte ich mich: ‚Wie viele Menschen können Kate Moss sehen, wenn sie nur in ein Handtuch gewickelt aus der Dusche kommt?’ Da machte ich das erste Foto meiner ‚Handtuch-Serie’.“

Testino ist dankbar für die intimen Momente, die er mit seinen Subjekten/Freunden teilen kann und hat das Gefühl, dass sie der Grund sind, weshalb die Serie Kult wurde: „Sie reduziert die Subjekte auf ihren grundlegendsten Zustand, denn wenn man all den Schmuck, Kleidung und andere Zierde weglässt, sieht man etwas Reines. Es enthüllt eine private Seite und gibt dir einen Einblick in einen Moment, den die Leute, die ich fotografiere, niemandem sonst erlauben würden.“

Wie zu erwarten, bezeichnet er Kate Moss als eines seiner liebsten „Handtuch-Subjekte“ (und zweifellos das berühmteste Bild der Serie), außerdem andere große Namen der Branche wie Gisele Bündchen und Penelope Cruz.


Die Handtuch-Serie mag zwar Testinos bekannteste Arbeit sein, doch die persönlicheren Projekte liegen ihm mehr am Herzen. Neben dem Peru Museum, das er 2012 eröffnete, um die künstlerische Seite seines Landes zu feiern, gibt es eine unendliche Fülle an von Testino geschaffenen Dingen zu bestaunen.

Während er enorm diskret ist, wenn es um seine Zusammenarbeit mit der königlichen Familie geht (dazu zählen die eingangs erwähnten Diana-Porträts und das offizielle Verlobungsfoto des Herzogs und der Herzogin von Cambridge), nannte er stattdessen einige Mira Mira-Filme als jene Projekte, auf die er am meisten stolz ist.

„Ich liebe den Sprachbarriere-Film mit Model Doutzen Kroes, weil er witzig und ein bisschen verrückt ist – wie mein Leben“, sagt er. „Ich bin außerdem stolz auf die Podcasts, weil ich mit den Menschen, die mir am nächsten stehen, über unsere gemeinsame Arbeit sprechen kann.“

„Ich will mit jedem reden!“, lautet seine scherzhafte Antwort auf die Frage, wen er als nächsten für die wachsende Podcast-Serie im Auge hat. „Ich habe gerade mit Natalia Vodianova gesprochen, also wird sie als nächstes veröffentlicht.”

„Traumgäste? Jeder, mit dem ich gearbeitet habe und einige, die ich erst noch fotografieren muss.“

Durch und durch charmant wie er ist, ist es schwer vorstellbar, dass sich irgendjemand nicht von Mario Testino fotografieren lassen würde. Was seine nächsten Interviewpartner betrifft, könnte es womöglich jemand aus dem Königshaus werden.