Vom Tour-Gipfel ins Gefängnis: Die Tragödie um Jan Ullrich

Tommy Gaber
Editor Yahoo Sports

Er gehörte in eine Riege mit Steffi Graf, Boris Becker und Michael Schumacher. Jan Ullrich war ein deutscher Held. Doch so steil seine Karriere als Radprofi begann, so steil ging es auch wieder bergab. Nicht nur sportlich, sondern auch – und das ist das tragische – menschlich. Das hat “Ulle” nicht verdient. 

Tief gefallener Sportheld: Jan Ullrich

Rudi Altig hält es nicht mehr in seinem Kommentator-Stuhl. “Nicht umgucken, Jan, nicht umgucken! Nach Vorne, nach vorne, nach vorne”, ruft die erste deutsche Radsport-Legende über die TV-Studio-Mikrophone seinem Kronprinzen zu. Sein Kronprinz heißt Jan Ullrich, das Jahrhunderttalent aus Mecklenburg. 

Doch der muss sich immer wieder umgucken. Stallorder. Ullrich soll seinen Team-Telekom-Kapitän Bjarne Riis den Berg hinaufziehen nach Andorra-Arcalis. Dich Riis sieht schlecht aus. Pumpt. Hechelt. Da geht nicht mehr viel. Als sich Ullrich noch einmal umschaut, nickt Riis und murmelt: “Wenn du dich stark genug fühlst, fahr los!”

Sofort geht Ullrich zu Beginn einer der fiesen Spitzkehren aus dem Sattel. Die Attacke sitzt, niemand kann Ullrich folgen. Er gewinnt diese zehnte Etappe der Tour de France 1997, schlüpft ins Gelbe Trikot und gibt es bis Paris nicht mehr ab. Die Geburt eines neues Sporthelden, den Deutschland sofort in sein Herz schließt. Ulle, das verrät schon der Kosename, wurde nach Bobbele, Steffi und Schumi, ohne zu zögern in die Familie aufgenommen. 

Til Schweiger über Jan Ullrich: “Wenn er ein Arschloch wäre…”

Rotwein und Christstollen

Ullrich löst einen Radsport-Boom in Deutschland aus, vergleichbar mit dem Tennis-Boom nach Boris Beckers erstem Triumph in Wimbledon 1985. Die Nation verbringt fortan jedes Jahr drei Wochen im Juli die Nachmittage vor dem Fernseher in abgedunkelten Wohnzimmern. Jan Ullrich fährt wieder die Tour de France, wer will da schon baden oder Eis essen gehen?

Er kommt so herrlich normal daher. Trinkt Rotwein und futtert im Winter kiloweise Plätzchen und Christstollen. Ullrich bekommt bald den Beinamen “Dickerchen”, das ist aber keineswegs gehässig gemeint. Er ist eben einer aus dem Volk, ein Kumpeltyp. Die Pfunde speckt er bis zum Frühjahr durch Gewaltkuren ab.

Erste sportliche Tiefschläge

Doch sein Lebensstil wird Ullrich von Radsport-Experten schnell vorgeworfen. Er trainiere zu wenig, brauche im März/April stets zu lange, um ihn Form zu kommen. Er verlasse sich nur auf sein begnadetes Talent, statt zu malochen. Die Titelverteidigung bei der Tour 1998 verpasst er, weil er auf einer Bergetappe völlig einbricht und neun Minuten auf den späteren Sieger Marco Pantani verliert.

In der Folge wird Ullrich immer wieder vom Pech verfolgt. 1999 muss er infolge eines schweren Sturzes die Tour absagen, 2002 kann er wegen Knieproblemen nicht teilnehmen. In der Rehabilitation wird er positiv auf Amphetamine getestet, woraufhin ihn der Rad-Weltverband UCI sechs Monate sperrt. Das Team Telekom kündigt den Vertrag. 

Nach einer starken Tour 2003 beim Team Bianchi, als Ullrich Dominator Lance Armstrong an den Rande der Niederlage bringt, kehrt er 2004 zum Team Telekom zurück. Ein Jahr später ist er Tour-Favorit, fährt im Training aber auf ein Begleitfahrzeug auf und landet Kopf voraus in der Heckscheibe. Ullrich verharmlost den Unfall, er bringt bei der Tour aber nie seine Topform auf die Straße und wird “nur” Dritter. 

Tour-Ausschluss und Doping-Beichte

Dass Ullrich nebenbei mehrfacher Straßenweltmeister wird und 2000 Olympisches Gold holt, geht mehr oder weniger unter. In der Wahrnehmung und Bewertung seiner sportlichen Leistungen zählt nur die Tour de France. Und dort erlebt Ullrich 2006 den Tiefpunkt.

Einen Tag vor dem Start wird er von seinem Team suspendiert, ausgerechnet in Jahr eins nach dem Rücktritt von Lance Armstrong. Alles war bereit für das große Duell Ullrich gegen Ivan Basso, doch auch der Italiener darf nicht starten. Beide werden beschuldigt, jahrelang gedopt und Schlüsselrollen in der “Operacion Fuentes” gespielt zu haben. Eufemiano Fuentes galt seiner Zeit als schlimmster Finger unter den Doping-Ärzten; der Spanier hatte jahrelang Spitzensportler mit Dopingmitteln versorgt und das berüchtigte Eigenblut-Doping durchgeführt.

Jahrelang stritt Ullrich Kontakte zu Fuentes ab. Doch die Beweise (Kennzeichen wie “Jan” oder “Sohn Rudis” auf sichergestellten Blutkonserven, Überweisungen von Ullrichs Schweizer Konto an Fuentes) waren so erdrückend, dass sich Ullrich schließlich 2012 zu einer Dopingbeichte entschied, begleitet von seiner eigenwilligen Darstellung, “nie jemanden betrogen zu haben”. “Betrug fängt für mich dann an, wenn ich mir einen Vorteil verschaffe. Dem war nicht so”, stellte Ullrich fest. Die anderen hatten ja auch gedopt. 

Parallelen zu Pantani

Zur sportlichen Tragödie gesellte sich nach und nach auch eine menschliche. Drogen- und Alkoholsucht, unter Alkoholeinfluss verursachte Autounfälle inklusive Fahrerflucht. In der Radsport-Welt wurden Parallelen zu Marco Pantani gezogen. Der “Pirat mit den Segelohren”, Tour-Sieger von 1998, wurde 1999 vom Giro d’Italia ausgeschlossen und begann anschließend Kokain zu nehmen. 2004 starb Pantani an einer Überdosis.

Ullrich ließ vor einiger Zeit mit dem Satz “Niemand hat so ein vernarbtes Herz wie ich” die Außenwelt an seinen Gefühlen teilhaben. Infolgedessen wurden ihm in Sozialen Netzwerken sogar “Selbstmord-Absichten” unterstellt.

Ullrich will Therapie machen

Der Vorfall im Garten von Ullrichs Mallorca-Nachbar Til Schweiger, der ihm eine Nacht im Gefängnis unter “menschenunwürdigen Bedingungen” einbrachte, bringt weitere, teils erschütternde Details ans Licht. Schweiger berichtete von einer zerstörten Seele, die morgens um 6 Uhr Bier trinkt und einen Weltrekord im Rauchen aufstellen will. Seit der Trennung von seiner Frau Ende März habe Ullrich die Kontrolle über sein Leben verloren. Schwaiger schlachtet Ullrichs Leben in der Öffentlichkeit aus – eine seltsame Art des Mitgefühls unter “Freunden”.

Als Sportler hat Ullrich vieles schöngeredet, verheimlicht, ausgesessen. Als mehrfacher Vater will er aus seinen Fehlern lernen.  “Aus Liebe zu meinen Kindern mache ich jetzt eine Therapie. Die Trennung von Sara und die Ferne zu meinen Kindern – die ich seit Ostern nicht gesehen und kaum gesprochen haben, haben mich sehr mitgenommen. Dadurch habe ich Sachen gemacht und genommen, die ich sehr bereue”, sagte er der Bild-Zeitung. Laut seines Anwalts Wolfgang Hoppe ist bereits seit einiger Zeit ein Platz in einer Klinik in Deutschland reserviert.

Als Ullrich Pyrenäen- und Alpenberge erklomm, als er die berühmten 21 Serpentinen rauf nach Alpe d’Huez fuhr man ihm die ganze Schinderei im Gesicht aus nächster Nähe ansehen konnte, war er Generationen übergreifend ein Held in Deutschland. Später hat er seine vielen Fans durch die Enthüllungen um jahrelanges systematisches Doping enttäuscht. Doch den Menschen Jan Ullrich darf man nicht fallenlassen. Es ist ihm zutiefst zu wünschen, dass er die Kurve kriegt.