Vom deutschen Jugendlichen zum radikalen Salafisten und zurück

Sebastian in der Wohnung seiner Eltern: Er beschreitet einen gefährlichen Weg.

Immer wieder hört man von Jugendlichen, die für den Islam in den Krieg ziehen wollen. Die Doku “Sebastian wird Salafist” begleitet einen von ihnen auf seinem Weg.

Viele junge Deutsche interessieren sich für den Islam, manche werden radikal. Aber warum? Dieser Frage spürt Regisseur Ghafoor Zamani in seiner Doku „Sebastian wird Salafist“ nach. Die Sendung beschließt am Mittwoch den „Themenabend deutsche Glaubenskrieger“ in der ARD.

Zwei Jahre lang begleitet Zamani den deutschen Gymnasiasten Sebastian in seiner Heimat Wuppertal. Dessen Mutter Renate, Sozialarbeiterin, und Vater Reiner, katholischer Theologe, trennen sich in dieser Zeit voneinander.

Der 16-jährige Sebastian sucht darauf Halt in der muslimischen Gemeinschaft und konvertiert zum Islam. Er findet eine neue Familie, Muslime unter sich sind Brüder und in Wuppertal leben 30.000 Brüder und Schwestern. Wuppertal gilt außerdem als Hochburg radikaler Islamisten, sogenannte Salafisten.

Sebastian will Teil der Gemeinschaft sein

Ghafoor Zamani hat in Kabul studiert und lebt seit 40 Jahren als Filmemacher in Deutschland. Als afghanisch-stämmiger Regisseur mit Kriegserfahrung gelingt es ihm, das Vertrauen von Sebastian und dessen Freunden zu gewinnen. Er wird für sie zur Respektperson und kann Sebastian so auf seinem Weg beobachten, akzeptiert in dessen Umgebung und der Szene.

Sebastian geht oft auf die Webseite diewahrereligion.de, hier predigen alle auf Deutsch. Auch der bekannte Konvertit und islamistische Prediger Sven Lau ruft auf der Webseite kämpferisch zu einer Demonstration auf. „Was sind wir bereit zu opfern für unsere Geschwister? Ich bitte dich, nimm die Sache ernst. Sei ein Teil.“ Sebastian will Teil sein.

Er ändert seinen Namen, fortan heißt er Hamza. Wie der erste Hamza vor 1.400 Jahren, ein Onkel des Propheten Mohammed und Kriegsherr der Muslime. Als Reiner den neuen Namen seines Sohnes hört, lacht er und sagt, er müsse sich erstmal informieren, was der Name überhaupt bedeute.

Hamza lernt sogar Arabisch

Hamza geht noch weiter, er lernt Arabisch und lässt sich beschneiden. Er meidet den Kontakt zu Frauen, geht nicht mehr in die Stadt, denn die ist voller verbotener Verlockungen.

Zamani besucht seinen Protagonisten alle paar Wochen, wann genau und wie sich Hamza radikalisiert, bleibt daher unklar. Plötzlich ist Hamza aber im innersten Kreis der Salafisten und bekennt sich zu ihnen. Er redet vom Dschihad, dem heiligen Krieg, er wird gefragt: „Kommst du mit nach Syrien?“ Zamani, der immer wieder das Wort an den Zuschauer richtet, sagt an dieser Stelle, er habe Angst um Hamza, denn dieser sei nun zu allem bereit.

Aus Angst wird Zweifel

Doch Hamzas Held fällt: Ende 2015 wird Sven Lau verhaftet, der steht unter Verdacht, eine terroristische Vereinigung unterstützt zu haben. Auch Hamza bekommt es mit der Angst zu tun, er fragt sich, ob er auch überwacht wird von der Polizei. Aus der Angst wird Zweifel, Hamza beginnt aufzuwachen, aus dem Traum der „wahren Religion“. Seine Brüder enttäuschen und erschrecken ihn mit ihrer Radikalität – er zieht sich zurück. Zamani sagt, er sei froh, dass Hamza nicht mitgegangen ist in den Krieg.

Mitte 2017: Aus Hamza wird wieder Sebastian, er arbeitet die Zeit auf, spricht viel über die vergangenen Jahre mit seinen Eltern. Aber für sie ist am wichtigsten: Sebastian ist wieder zurück im westlichen Leben. Trotzdem war er kurz davor, in den Dschihad zu ziehen, die Reise war vollkommen offen.

Foto: Screenshot / ARD