Volvo verdient prächtig an Benzin und Diesel

Volvo hat im ersten Halbjahr seinen Gewinn um mehr als ein Fünftel gesteigert – getrieben von guten Geschäften mit Verbrennungsmotoren. Kann Volvo auch weiter wachsen, wenn der selbst verordnete Elektro-Zwang kommt?


Einzig der amerikanische Markt dürfte Volvo-Chef Håkan Samuelsson derzeit Sorgen bereiten. Wegen Lieferengpässen, wie man in der Unternehmenszentrale in Göteborg betont, sei der Absatz jenseits des Atlantiks im ersten Halbjahr 2017 um 4,9 Prozent gesunken. Im Rest der Welt läuft es aber sehr gut für Samuelsson: Dank guter Geschäfte in Europa (+6,6 Prozent beim Absatz) und China (+22,6 Prozent in der Region Asia-Pacific) hat Volvo in den ersten sechs Monaten gut ein Fünftel mehr verdient.

Der schwedische Autohersteller, der seit 2010 zum chinesischen Geely-Konzern gehört, erwirtschaftete einen Betriebsgewinn von umgerechnet 712 Millionen Euro (6,8 Milliarden schwedische Kronen SEK). Im ersten Halbjahr des Vorjahres waren es noch 587 Millionen Euro (5,6 Milliarden Kronen).

Die Schweden konnten auch beim Absatz zulegen: In den ersten sechs Monaten gingen laut dem Unternehmen 277.000 neue Volvos an die Kunden – ein Plus von 8,2 Prozent. Damit sieht sich Volvo auf Kurs für das vierte Rekordjahr in Folge. „Wir können starke Gewinne für einen Zeitraum vermelden, in dem wir weiter in unsere Transformation investiert haben“, sagt Samuelsson laut der Pressemitteilung. „Unser Schwung hält an.“



An der Absatzsteigerung seiner Autos verdient Volvo auch gut. Der Umsatz legte in den ersten sechs Monaten von 8,82 Milliarden Euro auf 10,38 Milliarden Euro zu. Volvo erzielte damit eine Umsatzrendite von 6,8 Prozent – im Vergleich zu 6,6 Prozent im Vorjahreszeitraum.

Damit liegt Volvo bei der Marge etwas unterhalb der deutschen Premium-Konkurrenz wie Mercedes-Benz und BMW.

Das große Aber: Abgesehen von sündhaft teuren Plug-in-Hybriden als Topmodell der Baureihen basieren die guten Halbjahreszahlen vor allem auf dem Erfolg von großen SUV und Kombis mit Benziner oder Diesel.

Volvo hatte in den vergangenen Jahren viel Geld in die Kompletterneuerung seines Modellangebots gesteckt. Die Schweden sind gerade noch dabei, ihre Kern-Baureihen der 60er- und 90er-Modelle auf einen gemeinsamen Baukasten umzustellen. Später folgen dann die Kompakt-Modelle, die künftig auf einer gemeinsamen Plattform mit der Konzernmutter Geely entstehen sollen. Erster Vertreter wird hier im Herbst der Volvo XC40, das erste Kompakt-SUV der Marke. Von dem Modell erhoffen sich die Schweden weitere Impulse, da man damit in einem der wachstumsstärksten Fahrzeugsegmente überhaupt vertreten sei.



Volvo verabschiedet sich vom reinen Verbrennungsmotor


Während das Geschäft mit den angestammten SUV-Modellen wie dem 2015 vorgestellten Flaggschiff XC90, dem gerade präsentierten Bestseller XC60 und dem kommenden XC40 (und den zugehörigen Limousinen und Kombis) laufen dürfte, steht bei den Schweden ein anderes Risiko vor der Haustüre: Als erster traditioneller Autobauer wollen sich die Schweden ab 2019 vom reinen Verbrennungsmotor verabschieden. Bis 2021 sind fünf reine Elektroautos geplant, alle anderen Autos werden nur noch als Mild- oder Plug-in-Hybrid verkauft. Ein Elektromotor ist also immer an Bord.

Ob das zum Aufbruchsignal für die ganze Branche wird, wenn ein verhältnismäßig kleiner Premium-Hersteller aus der Nische einen solchen Schritt wagt, oder doch nur als PR-Coup verpufft, wird sich zeigen. Der Wandel, den Volvo-Chef Samuelsson angestoßen hat, ist groß. Und das sorgt bei Kunden und Zulieferern für Verunsicherung.

„Wir reden hier über eine tiefgehende Transformation unseres Unternehmens“, sagt Samuelsson im Gespräch mit der "WirtschaftsWoche". „Dabei müssen wir unsere Kunden mitnehmen.“ Die Ankündigung Anfang Juli, dass ab 2019 jeder Volvo einen Elektromotor haben werde, wurde bei vielen Kunden offenbar als Zeichen gewertet, man wolle Verbrennungsmotoren vorzeitig vom Markt nehmen.



Samuelsson kann die Unsicherheit nachvollziehen. „Wir müssen unsere Kunden jetzt überzeugen, dass die aktuellen und bis 2019 noch kommenden Modelle mit Verbrennungsmotor unverändert ein modernes, sehr gutes Angebot sind“, sagt er. „Gleichzeitig müssen wir aufzeigen, dass in den kommenden Jahren immer stärker zunehmend ein Hybrid die bessere Wahl ist.“

Der deutsche Importeur sah sich nach mehreren Besuchen von Kunden bei den Händlern gezwungen, eine Memo an die Verkäufer zu verschicken. Volvo stellt darin klar, dass es keinesfalls darum gehe, vorzeitig Verbrennungsmotoren aus dem Markt zu nehmen. Man will nur keine völlig neue Motorenfamilie mehr entwickeln. Vielmehr werde man die aktuelle Generation, die noch bis mindestens 2025 weiterentwickelt wird, mit E-Motoren und Batteriespeichern ergänzen. Zusätzlich solle es fünf reine E-Modelle geben. Alle verkauften Volvo sollen dann entweder einen Hybridantrieb haben oder vollelektrisch fahren. Vorerst aber seien Verbrennungsmotoren und Hybride für die Kunden die bessere Wahl.




Klar ist: Den radikalen Schritt hin zu einer reinen Elektromarke kann Volvo nicht wagen. Das können sich die Schweden schlichtweg nicht leisten, schließlich läuft das Geschäft mit Benzin und Diesel derzeit zu gut, und das mit Elektroautos bei der Konkurrenz zu unsicher. Volvo ist darauf angewiesen, dass die Fertigung von Elektroautos insgesamt günstiger wird. Alleine sind die Volvo-Stückzahlen zu klein, um über Mengeneffekte Preise zu drücken.

Nach seinem Manöver, so Samuelssons Hoffnung, werden Batteriehersteller, Zulieferer und Stromkonzerne aufwachen und endlich Ladesäulen aufbauen, günstige Stromspeicher entwickeln und preiswertere Getriebe anbieten. „Wir brauchen auf dem Weg zur Elektromobilität Unterstützung“, sagt der Volvo-Chef.